Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft
Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie

von Michael Giesecke

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Michael Giesecke und Siegfried Zielinski haben zwei subversive Bücher geschrieben, die sich mit Geschichte und Gegenwart der kulturellen Leitmedien auseinander setzen - und die bei aller Gegensätzlichkeit untergründig miteinander kommunizieren.

Bekannt wurde der in Erfurt lehrende Literaturwissenschaftler Michael Giesecke als versierter Theoretiker der frühneuzeitlichen Medienrevolution. Seine Thesen zur Durchsetzung der Buchkultur - eine in Fachkreisen umstrittene Fallstudie, weil er diese in die Begrifflichkeit der Informationsverarbeitung zu fassen gewagt hat - wurden nun ausgeweitet und aktualisiert. Gieseckes zentrale Forderung: Medienpolitik braucht zeitgemäße Analysekriterien und muss sich von den Mythen der Buchkultur lösen.

Zu diesen Mythen zählt Giesecke die unkritische Würdigung einer typographisch verfassten Vernunft, die nicht erkannt wird als das, was sie ist: ein Medium der sozialen Informationsverarbeitung nämlich, das jetzt durch andere langsam ersetzt wird. Der gegenwärtige kulturelle Wandel, dessen Ausdruck die neuen elektronischen Medien sind, wiederholt Prozesse technischer und kultureller Innovation, wie sie zur Zeit Gutenbergs schon einmal stattgefunden haben.

Dabei kehrte Giesecke jedoch methodisch die Perspektive um. Implizit an Marshall McLuhans These angelehnt, dass erst mit dem Ende eines Mediums dieses selbst wahrnehmbar wird, erleichtern die neuen Medien für Giesecke die Erkenntnis, dass wir als Individuen, als Gruppe und als Gesellschaft wie informationsverarbeitende Systeme funktionieren und auch so beschrieben werden können. "Ihre Identität fanden die Industrienationen in Europa als Buchkultur. In das Medium Buch übersetzte man alle Informationen, die wertvoll genug schienen, an die nachfolgende Generation vererbt zu werden."

Seltsam findet Giesecke, dass die Buchkultur von der allgemeinen Kritik etablierter Werte der Industriekultur ausgenommen wird - was er auf eine der großen Mystifikationen zurückführt, nämlich die Verwechslung von Erziehung und Bildung mit einer "Gleichschaltung der Köpfe mithilfe gedruckter Bücher". Ein monomediales System wie die Buchkultur erzeugt nicht nur ein spezifisches Verhalten zur Umwelt, so Giesecke, sondern auch das Bild dieser Umwelt selbst. Nun aber kommt es zur kulturellen Demontage der mit alten Mediensystemen verbundenen Sichtweise. Überzeugend wird dargelegt, wie sich ein neues, die Komponenten Ökologie, Kultur und Dialog integrierendes Kommunikationsmodell entwerfen lässt.

Bemerkenswert ist, dass diese hervorragende Studie als "transmediales Projekt" angelegt ist. So findet sich im Taschenbuch eine Mini-CD-ROM mit dem kompletten Text, zusätzlichen Abbildungen, Faksimiles und Farbreproduktionen sowie 3-D-Visualisierungen der Thesen, nicht zu vergessen eine begleitende Webseite (www.mythen-der-buchkultur.de). "Weiterhin", so bemerkt der Autor trocken, "ermöglicht die digitale Version ein Exzerpieren ohne Abschreiben (copy + paste) und damit auch ein einfaches Anlegen von Datenbanken, Kurzfassungen usf."

Alle Achtung - hier wird wenigstens nicht nur Wasser gepredigt, sondern praktischer Ernst gemacht mit den Thesen, die zur Durchsetzung und Verbreitung der Buchkultur aus einer Perspektive jenseits des Buches gewonnen wurden. Aus der Geschichte der technischen Medien, dem blinden Fleck der Literatur- und Kulturwissenschaften, ist längst ein deutsches Kultthema der Generation Foucault geworden. Dass Forschungen über Mediengeschichte zur "Archäologie" gerieten, war ihr strategischer Schachzug, der beides versprach: das Archiv beschreibend, sich zugleich in dieses einzuschreiben. Mit erhabenem Gestus wurde auf die Hardware verwiesen, Geschichte zum kulturellen Speicher erklärt und alles andere auf technische Schaltungen reduziert.

Siegfried Zielinski, Professor an der Kunsthochschule für Medien Köln, erlaubt sich hingegen eine exzentrische medientheoretische Annäherung an die Schnittstellen kultureller Kommunikation. Den Titel seines gänzlich unprofessoralen Buches relativiert er im Text zur "An-Archäologie der Medien" und setzt sich damit von allen Ansätzen ab, die "Medien" als Einheit etwa im Sinne einer Wertschöpfung, aber auch technisch/technologisch zu denken vorgeben. Das Misstrauen gegenüber einer den neuen Medien politisch und wirtschaftlich zugeschriebenen unbeschränkten Transformationskraft wird deutlich ausgedrückt.

Stattdessen unternimmt Zielinski als bekennender Kuriositätensammler eine Spurensicherung besonderer Art. Seine Medienarchäologie schreibt keine Geschichte der Rechenmaschine oder ihrer Erfinder, sondern untersucht die historischen Blaupausen von Phantasten und Modellierern, Alchemisten und Hermetikern in der Hoffnung auf das, was der Autor ein "geglücktes Finden" von Neuem im Alten nennt.

Das Ergebnis ist eine brillante Studie zum Subtext der europäischen Technik- und Wissenschaftsgeschichte, die sich zwischen allen Diskursen bewegt. Der Untertitel will ernst genommen sein. Die "Tiefenzeit" der Medien bricht mit dem evolutionistischen Fortschrittsmodell, das vom Einfachen zum Komplexen, vom Abakus zur vernetzten Computerwelt führt. Medien werden ihrer Kontingenz als historisch begrenzte hegemoniale Kräfte vorgeführt: "Von Dauer ist nichts in der Kultur des Technischen."

Wenn schon der technische Fortschritt mit Zweifel belegt wird, so wäre zumindest aber doch das Fortschreiben vorläufig gesichert.Wenn in den letzten Jahren vom großen österreichischen Gesellschaftswissenschaftler Otto Neurath (1882-1945) die Rede war, dann geschah das meist in philosophiehistorischen oder wissenschaftstheoretischen Zusammenhängen. Es ging dabei zwar auch um den Begründer des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums und den Erfinder der Bildstatistik bzw. der Piktogramme. Eine Kontextualisierung von Neurath im Rahmen einer zeitgemäßen Medien- bzw. Designgeschichte ist bislang aber weitgehend unterblieben.

Diese Lücke schließt nun der vom Medientheoretiker und -berater Frank Hartmann und dem Designer Erwin K. Bauer gestaltete Band "Otto Neurath Visualisierungen", der in auch in formaler Hinsicht neues Licht auf die bildpädagogischen Arbeiten des vielseitigen Soziologen wirft. Es wird nämlich nicht nur die Theorie und Praxis von Neuraths visionärer Bildersprache rekonstruiert. Die beiden Autoren bemühen sich auch, sowohl im Text wie auch im Layout zahlreiche verblüffende Querbezüge sowohl zur Mediengeschichte wie auch zur aktuellen Medientheorie und -praxis herzustellen.

Dazu kommen gut ausgewählte Originaltexte des visionellen Visionärs und am Ende auch noch Kommentare von ausgewählten Grafikern und Medienexperten, die indes zum Teil etwas beliebig wirken. Am Gesamteindruck des ansonsten sowohl inhaltlich wie auch formal gelungenen Buchs - mit dem wohl auch Otto Neurath seine Freude gehabt hätte - ändert dies nur wenig.

Frank Hartmann in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 27)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Archäologie der Medien (Siegfried Zielinski)
Bildersprache (Erwin K Bauer, Frank Hartmann)

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