Das Salz der Erde

von Józef Wittlin, Izydor Berman

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 51-52/2000

Endlich, nach langer Zeit ist "Das Salz der Erde", der große Antikriegsroman von Józef Wittlin, wieder als Taschenbuch erhältlich. Der Freund und Übersetzer Joseph Roths, 1896 in Galizien geboren und 1976 im Exil in New York gestorben. 1925 begann er den Roman, der als polnisches Gegenstück zu Haseks "Schwejk" gilt; 1935 erschien die polnische Ausgabe, 1937 im Amsterdamer Exilverlag Allert de Lange die deutsche Übersetzung.
Wittlin verkehrt die Optik, mit der das 19. Jahrhundert - mit Vorliebe aus der Eisenbahn - die Zurückgebliebenheit Galiziens wahrgenommen hat. Dabei mutet sein Held, der huzulische Keuschler und Bahnwärter Piotr Niewiadomski (also etwa: Peter Niemand) wie eine Personifikation all jener Vorurteile an, die unter Berufung auf die zivilisatorischen Errungenschaften über dieses Kronland der Monarchie produziert worden sind. Bei Wittlin blickt der Analphabet Piotr von seiner kleinen Eisenbahnstation auf der Strecke Lemberg-Itzkany auf die Züge, die aus der Welt (des Fortschritts) kommen. Diese Züge führen 1914 nicht in die "Welt", sondern in den Tod auf dem Schlachtfeld - "wie riesige eiserne Konservenbüchsen, gefüllt mit menschlichem Fleisch, aus dem das Blut noch nicht geflossen ist".
Der unheroischste Romanheld, der sich denken lässt, hat die Funktion, die auf ihre Schriftkultur pochende Überlegenheit der Zivilisation als tödlichen Dünkel kenntlich zu machen. Der analphabetische kaiserliche Untertan lernt die abstrakte Macht der Schrift kennen, als ihm durch den Gendarmen die Einberufung zum Heer überbracht wird: "Piotrs Schicksal hing nun von schwarzen, kleinen bauchigen Kreisen ab, von schlanken und steifen Strichen."
Satirisches Glanzstück dieses Romans, der ganz ohne Schlachtbeschreibung auskommt, ist das Portät des Stabsfeldwebels Bachmatiuk, der die neu Einberufenen ausbildet. Aus dessen Lieblingswendung "Ich werde aus euch Menschen machen!" entwickelt Wittlin das Porträt eines Schöpfers, der eine Welt aus dem Geist und zum Zweck der Subordination erschafft. Auch am Anfang dieser Schöpfung steht das Wort: "Habt Acht!" Der einzige Weg, der in ihr zur Vollkommenheit führt, ist der Dienstweg. Am Tag der Angelobung atmet Bachmatiuk "den süßen Geruch des Gehorsams aus der Angst". - "Und er sah, dass es gut war."
Wie gut dieser Roman ist, lässt sich auch daran erkennen, dass seine Hauptfigur kein Ausbund des Guten ist. In einem berührenden späten Postskriptum hat Wittlin in diesem Analphabeten einen Verwandten der Dichter gesehen: "Wir wissen jedoch, dass Piotr nicht in den Bildern dachte, die den Menschen durch Lesebücher und Zeitungen eingeprägt werden - und sei es auch nur, weil er nicht lesen konnte. Er schuf sich die teilweise von den Vorfahren ererbten Metaphern und Mythen selbst. Darin ähnelt er den Dichtern."

Karl Wagner in FALTER 51-52/2000 vom 22.12.2000 (S. 88)


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