Von Mozart zu Madonna
Eine Kulturgeschichte der Popmusik

von Peter Wicke

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Rezension aus FALTER 12/1999

"Vergiß das populare nicht"

200 Jahre Popmusik - Peter Wicke holt in seiner "Kulturgeschichte der Popmusik" weit aus, um vor allem die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihres Erfolges zu beleuchten.
Wenn schon, denn schon: Eine "Kulturgeschichte der Popmusik" zu verfassen und dabei mit dem Jahr 1780 zu beginnen - das hat schon was. "Vergiß das so genannte populare nicht", riet damals Leopold Mozart seinem Sohn, als der an der Oper "Idomeneo" arbeitete. Weil Wolfgang Amadeus sich brav an des Vaters Ratschlag hielt, aus ihm gleich den ersten Popstar zu konstruieren, diesem zwar plakativen, aber - Friedrich Gulda und Milos Formans "Amadeus" zum Trotz - dennoch platten Gedanken verfiel Autor Peter Wicke jedoch nicht.
Statt dessen erläutert der - als Leiter des Forschungszentrums für populäre Musik an der Berliner Humboldt-Universität - "erste Rockprofessor" zunächst den gesellschaftlichen Wandel nach der franzosischen Revolution, der zur Voraussetzung für so etwas wie populäre Musik wurde: die Herausbildung und Emanzipierung des Bürgertums. Trotz im Vergleich zum Adel bescheidener finanzieller Mittel hatte dieser frisch etablierte Stand ein enormes Repräsentationsbedürfnis, orientierte sich dabei zwar an blaublütigen Gepflogenheiten, fand aber im Laufe der Zeit eigene Moglichkeiten, dieses zu befriedigen: die Tochter des Hauses am Klavier statt der Hofkapelle und Salons statt rauschender Empfänge. So veränderten sich auch die Anforderungen an die Musik, differenzierte sich gerade die Klaviermusik in die "tonend bewegten Formen" der der hehren Kunst verpflichteten Komponisten und eben die Salonmusik aus.
Diese hatte nicht nur zu gefallen, sondern oft auch, wie Wicke ausführlich am Beispiel von Thekla Badarzewska-Baranowskas berühmtem Salon-Hit "La Prière d'une Vierge" ("Das Gebet einer Jungfrau") zeigt, lüsternen Begierden verklemmter Bürger eine Projektionsfläche zu bieten; denn während die Tochter des Hauses peinliche Konversationslücken beim Salon mit ihrem Vortrag füllen mußte, sah ihr Publikum "zu der (…) auf- und abgleitenden Melodie die grazilen Arme (…), den in Momenten des Innehaltens sich hebenden Busen, den sich in der Taille biegenden, auf dem Gesäß sanft hin- und herwiegenden Korper".
Das klingt zwar genauso sabbernd, wie mancher kunstbeflissene Salonspanner damals gewesen sein mag, macht aber durchaus Sinn: Popmusik auch unter dem Aspekt ihrer korperlichen Wirkung zu betrachten erweist sich nicht erst als schlüssig, sobald der Autor im letzten Kapitel auf Madonna und Techno eingeht. Wie aus dem volkstümlichen Walzen der Wiener Walzer wurde, wie die von Michael Pamer eingeführte Trennung von Melodie und rhythmisierter Begleitung ihre Entsprechung in der Unterteilung der tanzenden Korper in eine mechanisch bewegte untere und eine ausdruckshaft der Melodie folgende obere Hälfte fand, zeigt, daß populäre Musik und Korperbewußtsein schon vor 150 Jahren eng gekoppelt waren.
Dennoch ist es vor allem die gesellschaftliche Seite der Popmusik, die Wicke interessiert. Selbst wenn er seine Antipathien gegen das Bürgertum des 19. Jahrhunderts nicht verbergen kann, in Nebensätzen und Wortwahl gern (und gekonnt) Seitenhiebe austeilt und dabei die ein oder andere positive Errungenschaft dieser Zeit - vielleicht nicht ganz unabsichtlich - unter den Tisch fallen läßt: Wicke schafft es immer wieder, drastisch deutlich zu machen, wie die populäre und gerade die Tanzmusik gesellschaftliche Normen unterstützte oder sogar schuf: vom repräsentationskonformen Drill der Tanzschule bis zur Zementierung der Geschlechterrollenverteilung durch das neu notwendig gewordene Führen beim Wiener Walzer.
Hier, in der Zeit des Wiener Walzers (und nicht bei Mozart), findet Wicke denn auch seine ersten Popstars: die Strauß-Dynastie. Nicht nur, daß sich Johann Strauß Vater und Sohn in ihren Kompositionen ganz bewußt nach den musikalischen bzw. tänzerischen Bedürfnissen ihres Publikums richteten (und damit für Wicke ein wesentlich wichtigeres Kriterium für populäre Musik erfüllten, als es etwa die Massenwirksamkeit ihrer Musik ist); die Strauß-Familie beherrschte vor allen Dingen auch die Mechanismen des Marktes.
Der Vater kam auf die Idee, seine Werke prägnant nach aktuellen Anlässen zu benennen (z.B. "Kronungswalzer"), und ließ bei seinen Auftritten "Flyer" verteilen, die auf der Rückseite für die Klavierauszüge seiner Walzer und Polkas warben; der Sohn ging noch weiter und verschenkte gleich die Einzelblattausgaben. Mit dem riesigen Publikumserfolg im Rücken schaffte Strauß es auch, den ersten Exklusiv-Vertrag mit seinem Verlag auszuhandeln - inklusive (reichlich ausgenutzter) Vorschußmoglichkeit. Die Vermarktung des Namens Strauß ging schließlich sogar so weit, daß Johann Strauß Sohn bei Auftritten seiner Orchester gar nicht mehr selber den ganzen Abend anwesend sein mußte - und folglich an mehreren Orten pro Abend spielen lassen und verdienen konnte.
Auf diese Weise - kaum musikwissenschaftlich, sondern gesellschaftlich betrachtet - nähert sich Peter Wicke in elf unabhängig voneinander lesbaren Kapiteln dem Phänomen der Popmusik. Mit auffällig vielen Zitaten belegt und dementsprechend umfangreicher, elfseitiger Literaturliste, kann er so einige Mythen der Popgeschichte relativieren und die oft überhohte musikalische Einschätzung mancher Stars durch hysterische Fans auf den Boden der zeitbedingten Rahmenbedingungen bringen - sei es beim deutschen Schlager, dessen Geschichte er von ihren Anfängen um die Jahrhundertwende an ausführlich schildert, sei es durch die Klarstellung des Mißverständnisses, das zum Welterfolg der Beatles führte, oder sei es durch die nüchterne Schilderung der Marketingmethoden von sexy Madonna.

Carsten Fastner in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 34)


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