Flieh, mein Freund!
Roman

von Ralf Rothmann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Erscheinungsdatum: 31.08.1998

Rezension aus FALTER 4/1999

Mutterliebe, Sohnesliebe

Die jungen Menschen von heute sind gräßliche Spießer. Na und? fragt Ralf Rothmann in seinem neuen Roman.

Das Problem hat einen Namen: junge Menschen um die zwanzig. Von ihren vegetarisch-verkifften Eltern in Wohngemeinschaften gezeugt, rennen sie heute mit teuren Klamotten durch die Gegend und nerven bei Familienfeiern, wenn sie über Dow Jones und Dax schwadronieren. "Was sind das für Zeiten, in denen Eltern ihren Kindern sagen müssen, daß sie spießig sind", stöhnt denn auch Mutter Mary in Ralf Rothmanns Roman "Flieh, mein Freund!", obwohl ihr Sohn Louis über jeden Verdacht erhaben ist, allzuviel Energie in seine berufliche Zukunft zu investieren.

Louis, genannt Lolly, entspricht denn auch so gar nicht dem Bild des handyschwingenden Jungmannes, über den sich mittlerweile alle Witze erübrigen. Er ist lang und dürr, spricht mit einer Fistelstimme und versteckt seine Augen hinter dunklen Gläsern, weil er so entsetzlich schielt. In Berlin hat er einen Job, schlecht bezahlt zwar, aber immerhin. Und doch ist er der typische Sohn rebellischer Eltern, der sich nach nichts mehr sehnt als nach einer Ordnung, die man bürgerlich nennen kann, und nach einer Geborgenheit, wie man sie halt doch am ehesten in Familien findet.

Rothmann, Jahrgang 1953, hat mit diesem Lolly die Personifikation eines Generationenkonflikts erfunden, über den schon viel geschrieben, von dem andererseits wenig erzählt wurde. Und der Autor gewinnt dieser scheinbar so eindeutigen Konstellation denn auch erstaunliche Erzählmöglichkeiten ab. Wie kaum ein anderer verfügt er über die Fähigkeit, übergangslos von einem fotografisch genauen Sozialrealismus in ein überschwenglich-sinnliches Erzählen zu wechseln. Und so sehen wir in Lollys Familienruine plötzlich viel mehr als nur das Aufeinanderprallen scheinbar unvereinbarer Lebensentwürfe.

Lollys Vater, Big Daddy, kommt aus dem Ruhrgebiet und hat in Berlin eine Werbeagentur aufgemacht, weshalb ihn sein Sohn auch "Onkel Umsatz" nennt. Seine Mary hat er einst in Brokdorf geschwängert, bei einer polizeilichen Vernehmung am Rande einer Anti-AKW-Demo waren sie sich näher gekommen. Das gemeinsame Kind war wohl der einzige Grund, daß sie geheiratet haben, wäre die Nacht der zusammengeknüpften Schlafsäcke ohne Folgen geblieben, hätten sie sich sicher bald wieder aus den Augen verloren. Lolly wuchs hauptsächlich bei seinem Vater auf. Wir lernen ihn kennen, als er gerade Anfang zwanzig und heftig verliebt ist, die Mutter hat sich gerade wieder einmal bei Vater und Sohn eingefunden.

Was sich nun ereignet, ist ein vielstimmiger Erziehungs- und Entwicklungsroman. Mary rückt als zweite Hauptfigur neben ihren Sohn, eine lange Rückblende erzählt im Zeitraffer ihre verworrene Lebensgeschichte, die derjenigen ihres Sohnes, die in Echtzeit abläuft, ziemlich ähnlich ist: Auch Lolly will Glück und Liebe, selbst wenn er keine Ahnung hat, wie man dahin kommt. Natürlich ist die Erkenntnis, daß in solch allgemeinen Bedürfnissen zwischen den Generationen keine großen Unterschiede bestehen, banal. Aber man muß eben sehen, was Rothmann daraus macht: Er erzählt gleichzeitig zwei gegenläufige Lebensgeschichten, von denen jede für sich stehen könnte, die aber gerade durch ihre Gegensätzlichkeit an Spannung und Dynamik gewinnen.

Daß Mary, eine Mutter, die eigentlich das Jugendamt auf den Plan rufen müßte, am Schluß ihren Sohn über heftigen Liebeskummer hinwegtrösten kann, daß gerade sie über jene Lebensweisheit verfügt, die ihr Louis dringend braucht, um auf eigene Beine zu kommen, daß beide Erzählungen also in ein gefühlsseliges Finale münden, das ist in der Tat ein bißchen kitschig. Andererseits hätten weder die Figuren noch die Leser eines Buches von solch emotionaler Intensität ein schlechtes Ende verdient. Alles andere wäre platte Gesellschaftsanalyse. Rothmann aber demonstriert, wie weit das Erzählen dem schlichten Beschreiben und Bewerten überlegen sein kann. Sein Roman erklärt nichts. Aber er richtet den Blick auf jene Verschiebungen, die zu beobachten sich lohnt.

Tobias Heyl in FALTER 4/1999 vom 29.01.1999 (S. 57)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb