Arbeit zwischen Misere und Utopie

von André Gorz, Giorgio Colli

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Soziologie: Misere Arbeit?

Exodus ist bekanntlich ein biblisches Bild, das den Auszug der Juden aus Ägypten ins Gelobte Land beschreibt. Allgemeiner gewendet meint Exodus den transitorischen Zustand zwischen einer gegenwärtigen miserablen Lage und einer zukünftigen verheißungsvollen Utopie. Was für die Juden Ägypten war, ist für uns Heutige, nimmt man den Soziologen Andre Gorz beim Wort, die Arbeitsgesellschaft: eine Misere, die es zu überwinden gilt. Nicht Reform oder Umgestaltung, nicht Anpassung an die neuen Bedingungen oder gar neoliberale Unterwerfung, sondern Begräbnis ohne Trauer empfiehlt der altgediente Kapitalismuskritiker aus Frankreich, der mit seinem "Abschied vom Proletariat" schon vor einem Vierteljahrhundert mit traditionellen marxistischen Glaubensbeständen abgerechnet hat.

Fast zwei Jahre war der 1997 in Frankreich erschienene Band angekündigt, ehe die deutsche Übersetzung endlich Gnade vor dem Verfasser fand. Das französische Original "Miseres du present, Richesse du possible" markiert deutlicher als der deutsche Titel den existenziellen Übergang und den von Gorz formulierten "Vorschein" auf künftige Möglichkeiten. So fällt das Buch auch auseinander in eine kristallklare Bestandsaufnahme gegenwärtiger Verhältnisse einerseits und die grobe Skizze einer zukünftigen Gesellschaft andererseits, die den ursprünglichen "Reichtum" der Arbeit neu entfaltet.

Gorz' Bilanz der abdankenden Arbeitsgesellschaft kann nicht anders als niederschmetternd bezeichnet werden: Alle in den letzten dreißig Jahren unternommenen Versuche, die Arbeit zu "humanisieren", sind seiner Ansicht nach kläglich gescheitert. Modelle, wie sie von Toyota in Japan oder von Volvo in Schweden praktiziert wurden - mithin alle Versuche, die fordistische hierarchische Arbeitsteilung und die damit einhergehende Entwertung des Arbeitswissens aufzuheben -, haben an den grundlegenden Produktionsstrukturen letztlich nichts geändert.

Im Zuge des neoliberalen "Umbaus" verändern sich jedoch die Gestalten der Arbeit: Neben den kleiner werdenden Kernbelegschaften tummeln sich an der Peripherie Zeitarbeiter oder Scheinselbstständige, die völlig aus dem Lohnsystem herausfallen. Diese Entwicklung nicht nur als deprimierende Folge des weltweiten Sieges des Kapitals, sondern auch als Chance wahrzunehmen, versucht Gorz im zweiten, eindeutig schwächeren Teil des Buches.

Darin plädiert er für eine "Neuerfindung der Gesellschaft", in der "jeder dazu beiträgt für alle und alle dazu beitragen für jeden, die Bedingungen zur freien Entfaltung ihrer Individualität zu schaffen". Das kennt man irgendwie und klingt nach den zehn Geboten aus dem roten Büchlein, und auch die Forderung nach neuer Ethik und Verantwortung ist in dieser Allgemeinheit gewiss nicht falsch. Was sich nach dem Exodus aus der Lohnarbeitsgesellschaft jenseits von dieser ansiedeln könnte, diskutiert der Autor ausführlich anhand der verschiedenen Vorschläge zur Grundsicherung.

Hintergrund dieser Auseinandersetzung ist Gorz' jahrzehntelange Ablehnung bedingungsloser Grundeinkommen. Diese Auffassung hat er nun revidiert. Doch seine konkreten, keineswegs neuen "Auswege" und Modelle kompromittieren sich nicht deshalb, weil sie nicht finanzierbar wären: Eine geringfügige Steuer auf Spekulationsgeschäfte, wie sie der Nobelpreisträger für Wirtschaft, James Tobin, vorgeschlagen hat, wäre nicht nur imstande, den Turbo-Kapitalismus etwas abzubremsen, sondern würde den Staaten jährlich dreistellige Milliardenbeträge in die Kassen spülen.

Ein viel grundsätzlicheres Problem liegt in der unhinterfragten "positiven Anthropologie": Gorz setzt nämlich ein Arbeitssubjekt voraus, das fähig und willens ist, selbstbestimmt zu arbeiten. Doch eben diese Fähigkeiten treibt das konkrete Leben unter kapitalistischen Bedingungen aus. Und so bewegt sich Gorz in einem Zirkelschluss, indem er voraussetzt, was sich erst entwickeln soll.

Ulrike Baureithel in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 65)


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