Sphären 1. Blasen
Mikrosphärologie

von Peter Sloterdijk

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Rezension aus FALTER 1-2/1999

Geheimnis der Nachgeburt

In seinem neuen Projekt entwirft Peter Sloterdijk eine großangelegte spekulative Lehre von den menschlichen Sphären. Zugleich aber besticht sein erster Band durch umfassende kulturhistorische Exkurse und scharfsinnige Gegenwartsdiagnostik.
Moglich, daß manchmal erste Sätze schon alles verraten. Peter Sloterdijk beginnt sein großangelegtes Sphärenprojekt mit einer Reminiszenz an Platon. Der hat am Eingang seiner Akademie angeblich eine Inschrift angebracht, der zufolge sich jeder von diesem Ort fernhalten solle, der nicht Geometer sei. Gegenüber der traditionellen Lesart dieser Sentenz nimmt Sloterdijk eine kleine, aber wichtige Verschiebung vor: "ageômetrêtos mêdeis eisitô" - "Keiner, der nichts von Geometrie versteht, trete hier ein", wird in der Regel übersetzt und dazu der Hinweis gegeben, daß Geometrie im Sinne von Mathematik zu verstehen sei.
Aus demjenigen, der den pythagoreisch-platonischen Ideen der reinen Zahlen und Proportionen auf der Spur ist, macht Sloterdijk den Geometer, den Landvermesser, der selbst wiederum einer eklatanten Bedeutungsverschiebung unterzogen wird: "Ein Geometer nämlich, was ist das? - Eine Intelligenz, die aus der Welt der Toten kommt und vage Erinnerungen an den Aufenthalt in einer vollkommenen Sphäre ins Leben mitbringt." Nicht um den physikalischen, auch nicht um den euklidischen Raum geht es Sloterdijk, sondern um die begriffliche Vermessung jener Sphären, jener intimen Räume und emotionalen Kugeln, die Sloterdijk als das "innenhafte, erschlossene, geteilte Runde" bestimmt, das Menschen bewohnen, sofern es ihnen gelingt, Menschen zu werden: "In Sphären leben, heißt, die Dimensionen erzeugen, in der Menschen enthalten sein konnen."
Sphären also. Sloterdijk reformuliert gewissermaßen das geheime Programm der Platonischen Akademie, um eine Philosophie als Lehre von den Sphären zurückzugewinnen, in denen Menschen immer schon leben und deren Kenntnisse durch den Prozeß der Rationalisierung verlorengegangen sind. Zum prägnanten Bild für dieses Vorhaben wird für Sloterdijk das Kind, das im zweckfreien Spiel Seifenblasen in die Welt entläßt und diese mit einer "Ekstase der Aufmerksamkeit" verfolgt. Daran schließen sich jene Fragen an, die Sloterdijks großangelegtes Unterfangen motivieren: "Wenn das Kind den Seifenblasen seinen Atem eingehaucht hat und ihnen mit seinem ekstatischem Nachblicken treu bleibt - wer hat dann zuvor seinen Atem in das spielende Kind gelegt?" Oder anders gefragt: In welchen Sphären, das heißt, in welchen Zwischenräumen leben wir als Menschen, und wer ist dafür verantwortlich, daß in ihnen überhaupt gelebt werden kann?
Sloterdijk beantwortet diese Fragen nicht rein spekulativ, sondern eher kulturgeschichtlich, mit einem deutlichen philosophischen Impetus: Das Erfragte will letztlich auf einen Begriff gebracht werden. Und wie immer man im Detail zu Sloterdijks Ansätzen stehen mag, er ist zweifellos einer der wenigen Denker der Gegenwart, der Philosophie noch beim Wort nimmt: Als eine Wissenschaft, der es darum gehen muß, überhaupt erst einmal zu denken, denn "nur die Philosophie kann es sein, von der die Intelligenz erfährt, wie ihre Leidenschaften zu Begriffen kommen".
Eine seiner Grundthesen seines auf drei Bänden angelegten Projekts ist dann auch, daß die begriffliche Bewältigung des Problems der Sphären den entscheidenden Blick auf jene Phänomene erlaubt, denen alle Medientheorie hinterher ist: "Medientheorie: was ist sie, lege artis ausgeübt, anderes als die begriffliche Nacharbeit zu regelmäßigem Besuch, diskretem und indiskretem? Botschaften, Absender, Kanäle, Sprachen - es sind dies meistens mißverstandene Grundbegriffe einer allgemeinen Wissenschaft der Besuchbarkeit von Etwas durch Etwas in Etwas." Sloterdijk mochte zeigen, daß eine anvancierte Medientheorie nur als eine Sphärentheorie denkbar ist, die alle Lebensräume des Menschen begreifen will: von der Fruchtblase bis zum globalisierten Globus.
Der vorliegende erste Band, "Blasen", spürt den Mikrosphären nach, den Räumen der ersten Anwesenheit. Sloterdijk beginnt mit einer inspirierten Auslegung der ersten Inspiration, der Behauchung des Lehmmenschen durch seinen Gott, um daraus eine exzentrische Philosophie der Geburtlichkeit zu entfalten, die mit viel Aufwand erst einmal die intrauterinen Räume der vorgeburtlichen Existenz ausmessen, die Mutter-Kind-Dyade auf den Begriff bringen und dem Geheimnis der Nachgeburt auf die Spur kommen will. Von einem "Interkordialraum" der ersten Herzschlagintimität über die "Interfazialsphäre" der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht bis zum "Resonanzraum" der Mutterstimme reichen Sloterdijks Versuche, die unmittelbaren Daseinsweisen des Menschen in einem intimen Raum zu bestimmen.
Entscheidend für alle diese, durch beeindruckende kulturhistorische Exkurse angereicherten Reflexionen ist die Absage an die gängige Ansicht, daß der Mensch als abgetrenntes Individuum einer Welt von Objekten gegenübersteht. Dagegen hält Slotderdijk, daß die Menschen immer schon in einem "unaufgebbaren intimen Etwas" leben, "in dessen Gegenwart und unter dessen Resonanz das Subjekt allein vollständig ist". Dieses Etwas, diese in der Mythologie auch als Engel beschriebenen imaginären Begleiter und Ergänzungen des Subjekts nennt Sloterdijk mit einem Begriff des Kulturwissenschaftlers Thomas Macho, dem die "Sphären" eingestandenermaßen vieles verdanken, "Nobjekte".
Es erscheint unter diesen Perspektiven nahezu folgerichtig, daß die christliche Trinitätslehre als erster konsequenter Versuch begriffen wird, essentielles Miteinander zu denken, das, weil es kein reines Gegenüber oder Nebeneinander ist, eines Dritten bedarf.
Sloterdijks "Sphären" sind zweifellos von einem großen spekulativen Überbietungsgestus gekennzeichnet. Dieser kennt im wesentlichen zwei Adressaten: Sigmund Freuds Psychoanalyse, deren Objektfixierung einer pointierten Revision unterzogen wird, und Martin Heideggers Existentialontologie, von der Sloterdijk retten will, was noch zu retten ist, indem ein impliziter Gedanke von "Sein und Zeit" überhaupt erst zur Entfaltung gebracht werden soll: Sein und Raum.
Der große, im Wortsinn weltumspannende Gestus hindert Sloterdijk übrigens nicht daran, hin und wieder dem Zeitgeist kräftig in die Parade zu fahren. Ein Exkurs etwa weist nach, "von wo an Lacan sich irrt", Platons Ideenlehre erscheint als die erste Theorie der Virtualität, sodaß die aktuelle virtual space-Publizistik gerade noch rechtzeitig kommt, "um sich an den 2400-Jahr-Feiern der Entdeckung des Virtuellen zu beteiligen", und in einem der faszinierendsten Kapitel des Buches, einer kühnen Deutung der Sirenen-Episode aus der Odyssee, heißt es mit einem bosen Blick auf den Kulturbetrieb plotzlich: "Odysseus am Mast - das ist heute ein Kunstpreisträger, der mit geneigtem Kopf seine Laudatio übersteht."
Solche Bemerkungen verleihen dem Buch über alle Anstrengung des Begriffs hinaus den Charakter einer scharfsinnigen Gegenwartsdiagnostik. Denn immerhin, so Sloterdijk am Ende, muß die Kantische Frage: Was dürfen wir hoffen? nach den Erfahrungen unseres Jahrhunderts folgendermaßen umformuliert werden: "Wo sind wir, wenn wir im Ungeheuren sind?" Die Erwartungen für die Folgebände sind also hoch gesteckt.

Konrad Paul Liessmann in FALTER 1-2/1999 vom 15.01.1999 (S. 63)


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