Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg

von Peter Handke

€ 17,30
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Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 127 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.05.1999

Rezension aus FALTER 19/1999

Erkenntnis durch Himbeeren

In seinem soeben veröffentlichten Stück "Die Fahrt im Einbaum" erlöst Peter Handke die Schuldigen und begibt sich auf das poetische Niveau verschmockter Feuilletons.

Wer ist schuld? Immer die Radfahrer. Es heißt nichts Gutes, wenn bei Handke die Radfahrer kommen. "Eins der ersten Anzeichen der Stadt waren ein paar Quersteppeinradfahrer, die mit von Horizont zu Horizont quietschenden Bremsen hügelab schossen", berichtet einer in Handkes letztem Roman "In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus", um dann zivilisationskritisch noch ein wenig auszuholen: "Ich habe sie mit dem Stock, den ich dabei hatte, im Vorbeilaufen erschlagen, (...) und seitdem ist die Steppe wieder halbwegs ohne Landplage."

In seinem soeben erschienenen Drama "Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg" hat der Autor die Radler von der Steppe in die Berge versetzt und schickt "drei Internationale oder Mountainbiker" in voller "Schußfahrt durch den Saal, zwischen den Tischen und Stühlen durch, haarscharf an den Sitzenden vorbei, bei durchdringendem Quietschen der Bremsen".

Kein Zweifel, die drei apokalyptischen Radler sind Nachfahren von Qualtingers "Wildem" - sie sind zwar schneller da, wissen aber nicht, wo. "Wo sind wir hier?" fragt der erste Internationale verwundert - wo er doch "damals überall im Land herumgekommen" sei. Damals aber, vor neun Jahren, herrschte Krieg. Und der kostete nicht nur viele das Leben, er ist auch an den Internationalen nicht spurlos vorübergegangen: "Gar kein Land für mich", erklärt der erste Internationale in der Rhetorik der permanenten Selbstbezichtigung, "bloßes Kriegsgebiet, Gelände, Frontlinie, Fluchttunnel, Massakerstelle, Fallschirmlandequadrat".

"Beschreibungsimpotenz" hat der junge Handke seinerzeit den arrivierten Kollegen der Gruppe 47 vorgeworfen. "Wahrnehmungsimpotenz" ist das rezeptive Pendant. Wer über den massenmedial verbreiteten Bildern von serbischen Greueltaten den Blick für die unverstellte Dinglich- und Sinnlichkeit verliert, ist jener "gegenseitigen Bildstarre" verfallen, aus der Handke die Völker schon in seiner vor drei Jahren veröffentlichten "Winterlichen Reise" erlöst sehen wollte. Dem hitzigen Pathos der hot news setzt Handke - und in der "Winterlichen Reise" noch in der demutsvollen Geste der zweifelnden Selbstbefragung - das unterkühlte Pathos des absichtslosen Erblickens entgegen. Ist es nicht unverantwortlich, angesichts des großen Leids "mit Nebensächlichkeiten wie Schneeflocken, Mützen, Butterrahmkäse" daherzukommen? Handke antwortet Handke: "Die bösen Fakten festhalten, schon recht. Für einen Frieden jedoch braucht es noch anderes, was nicht weniger ist als die Fakten."

Was der "Winterlichen Reise" der Butterrahmkäse war, das ist dem jüngsten Stück die Himbeere. "Die Himbeere", sagt der Waldläufer, der als Kriegsverbrecher fünf Jahre lang in einem deutschen Gefängnis verbracht hatte, "war für die stärksten Überraschungen gut. Ich erfuhr viel über mich selber an ihr. So erkannte ich, wie achtsamer ich nach dem Krieg geworden war." Ein Mensch mit einer solchen Himbeerwahrnehmungskompetenz kann kein ganz schlechter sein, und von Anfang an gilt eine unausgesprochene Unschuldsvermutung, gerade weil der Waldläufer schuldiggesprochen - oder sollte man sagen: schuldiggesehen? - wurde: "Ein paarmal bin ich im internationalen Fernsehen aufgetreten, so, mit der Flasche in der Hand, als der dritte Böse in der zweiten Reihe von links."

Im Zweifelsfalle fühlt sich Handke für die "Schuldfrage" ebenso unzuständig wie für das Festhalten der "bösen Fakten". Der Begriff "Erkenntnisinteresse" muß für diesen Ideologen des reinen Sehens ein ebenso großes Greuel sein wie derjenige der "Geschichte", die Handke noch nie ausstehen konnte. Fragwürdig wird Handkes Opposition gegen die Macht der Historie dort, wo er trachtet, deren Dominanz durch schiere Ignoranz zu brechen. In dieser Hinsicht ist sein jüngstes Schaffen ideologisch völlig konsistent. Schon das Stück "Zurüstungen für die Unsterblichkeit" (1997) stellte die Frage, wie "diese dumme zerfahrene Jetztzeit eine noch nie gekannte Ordnung bekommen" könne.

Die Antwort, die "Die Fahrt im Einbaum" darauf zu geben sucht, ist höchst prekär: "(...) die Geschichte braucht nun einmal Schuld, Schurken, Sühne, Gnadenlosigkeit", tritt der erste Internationale als Vollstrecker der Geschichte auf. Abgesehen davon, daß der ewige Kreislauf der Schuld wohl eher einem mythischen als einem genuin historischen Denken entspricht, zieht Handke den "richtigen" Schluß: Die Überwindung der Schuldfrage ist der erste Schritt zum Ausstieg aus der Geschichte. Die fatale Konsequenz hat Thomas Assheuer in der Zeit treffend beschrieben: "Mit einer Mixtur aus postmoderner Antimoral und reaktionärem Mystizismus spricht er (Handke, Red.) sein Ego te absolvo, und im alles verzeihenden Licht der großen Absolution werden Täter zu ,Dabeistehenden' und tragisch Verstrickten."

Und die Hauptsache? Der "Sprachsinn", der doch "das Feingefühl - das Feinstgefühl" ist? Die sprachphilosophische Kontinuität in Handkes Werk bedürfte einer gesonderten Untersuchung. Es sei hier lediglich vermutet, daß die "Internationalen" späte Wiederkehrer der Einsager aus "Kaspar" (1967) und einer völlig überzogenen, eindimensionalen Sprachkritik geschuldet sind. "Über diesen Krieg kann nur so gesprochen werden, wie wir darüber gesprochen haben", verfügt ein Internationaler. Im Unterschied zu früheren Arbeiten Handkes aber geht es nun nicht mehr darum, die Phrase bloßzustellen, sondern den "Klartextleuten" eine "Schlagstocksprache" und "Trompetengrammatik" in den Mund zu legen, also "Sprachkritik" zu instrumentalisieren, um die Unschuld der eigenen hochideologischen Position auszuweisen: "hineingefired in die bodies, die Messer hineingeplunged, die Schädel smashed."

"Gibt es das: Üble Sprache für eine gute Sache?" fragt einer, der das "Ende des Wahr- und Schönheitssinns" heraufdräuen sieht. Daß Schönheit und Wahrheit eins sind, ist eine ebenso geschichtsmächtige wie fragwürdige Annahme. Eines steht jedenfalls fest: Mit Wortschöpfungen wie "Computergesichter" und "Mausklickohren" bedient sich Handke der Edelfederpoesie prätentiöser Feuilletons. Aber vielleicht ist diese Mimesis an den Feind ja der erste Schritt zur Versöhnung.

Klaus Nüchtern in FALTER 19/1999 vom 14.05.1999 (S. 66)


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