Der Dritte Weg
Die Erneuerung der sozialen Demokratie

von Anthony Giddens, Bettina Engels, Michael Adrian

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Rezension aus FALTER 8/1999

Ab durch die neue Mitte?

Der britische Soziologe und Blair-Berater Anthony Giddens hat über die Zukunft der Sozialdemokratie nachgedacht und schlägt einen "dritten Weg" vor.

Wenige Tage vor dem rot-grünen Wahlsieg in Deutschland fand in New York ein Gipfeltreffen der besonderen Art statt. Am 21. September vergangenen Jahres debattierten in New York US-Präsident Bill Clinton, der britische Premier Tony Blair und Italiens Romano Prodi gemeinsam mit einigen Intellektuellen über die Zukunft der Sozialdemokratie. Das eigentliche Thema war der von Blair propagierte "Dritte Weg", für den der New-Labour-Führer auch gleich seinen Vordenker mitgebracht hatte: den Soziologen Anthony Giddens, dessen neuestes Buch "The Third Way" wenige Tage zuvor erschienen war.

Das transatlantische Treffen stand allerdings unter einem etwas unglücklichen Stern namens Monica Lewinsky. Neue Enthüllungen über ihre Affäre mit Bill Clinton ermunterten die politischen Kommentatoren zu einigen flotten Scherzen über den dritten Weg, der prompt sexuell bzw. als neuer Kompromiß zwischen Treue und Untreue gedeutet wurde. Aber auch Teilnehmer des Gipfels und seriösere Beobachter gaben sich wenig wohlwollend: Romano Prodi hielt den dritten Weg schlicht für "nichtssagend"; der Historiker Tony Judt sprach in der New York Times von "Opportunismus mit menschlichem Antlitz", und der Economist wiederum kritisierte, daß der dritte Weg immer das sei, was New Labour gerade mache.

Tatsächlich kam das realpolitische Sein von Anfang an vor dem theoretischen Bewußtsein. Erst nachdem New Labour im Mai 1997 triumphal gesiegt hatte, begann sich Giddens mit Geoff Mulgan, dem Direktor von Blairs Thinktank "Demos", und Ian Hargreaves, dem Herausgeber des einflußreichen New Statesman, regelmäßig zu treffen, um mit ihnen eine neue Theorie der Sozialdemokratie zu diskutieren.

Das Resultat dieser Debatten liegt seit kurzem unter dem Titel "Der dritte Weg" auch auf deutsch vor und beginnt - wie sonst nur Krimis - mit einer Leiche: Spätestens seit 1989 ist für Giddens der Sozialismus endgültig tot, spektakulär gescheitert an den eigenen Ansprüchen. Was an Politikoptionen blieb, waren die traditionelle Sozialdemokratie und der Neoliberalismus, die idealtypisch einander gegenübergestellt werden.

Am Ende dieses Schnellkurses in politischer Ideengeschichte stehen dann jene Verwechslungen "von rinks und lechts", die ein von Giddens zitierter kolumbianischer Sozialdemokrat folgendermaßen auf den Punkt brachte: "Meine Partei nennt sich liberal, ist aber im Grunde eindeutig sozialistisch. Bei diesen Europäern ist es genau umgekehrt." Als Erklärung für diese Verwirrungen werden neue politische Rahmenbedingungen nachgereicht, die Giddens unter den Stichworten Globalisierung, Individualisierung, Links und Rechts, politisches Handeln und ökologische Notwendigkeiten kurz und bündig abhandelt, ehe er sich dem konkreten Programm für eine neue, radikale Mitte widmet.

Da ist zunächst einmal von der Zivilgesellschaft die Rede und von der Bedeutung der Gemeinschaft. Giddens hält diese "grundlegend für die neue Politik, aber nicht als abstrakter Slogan". Sie sollten für ihn "die traditionelle Hilfe für Arme durch gemeinschaftsorientierte Maßnahmen ersetzt werden". Schließlich könnte die Belebung der Gemeinschaft auch der Verbrechensprävention dienen.

In Giddens' Heimat mögen solche Vorschläge zweifellos Sinn machen, zumal dort ja Margret "die Gesellschaft gibt es nicht" Thatcher jahrelang neoliberalen Egoismus förderte. Ob es hierzulande indes mehr Gemeinschaft braucht, das bezweifeln selbst die meisten Kommunitaristen - also die Anhänger dieser Gemeinschaftslehre aus den USA.

Am deutlichsten sichtbar werden die Markierungen des dritten Wegs bei den vorgeschlagenen Reformen des Sozialstaats. "Investition in menschliches Kapital statt direkter Zahlungen" - das ist das leitende Prinzip für den geforderten Umbau in einen "Sozialinvestitionsstaat", dessen Ausgaben zwar nicht reduziert, aber doch neuverteilt werden sollen. Solche "Aufwertungen des Humankapitals" bedeuten für den Soziologen vor allem eines: bessere (Aus-)Bildung ein Leben lang. Daß ihm Bildung und Kultur dabei nur noch als Produktionsfaktor in den Sinn kommen, wurde unter anderem auch von seinem Pariser Kollegen Pierre Bourdieu heftig kritisiert.

Nach einigen eher unverbindlichen Ausführungen über die Politik im Zeitalter der Globalisierung kommt Giddens am Ende noch einmal auf New Labour zurück. Vorwürfe werden zitiert, wonach die Partei weiter als medienabhängig gelte und ihre Politik als "Designer-Sozialismus". Die Erwiderung des Blair-Beraters fällt zweideutig aus: "Eine Regel für erfolgreiche Werbung ist aber, daß ein Image allein nicht genügt. Es muß etwas Gehaltvolles unter dem Hype sein, sonst sieht die Öffentlichkeit schnell hinter die Fassade." Bestimmt das Design also letztendlich doch das Bewußtsein der neuen Linken, deren Programmatik von einem anerkannten Gesellschaftstheoretiker nachgereicht werden muß?

Ob Giddens' neues Buch als Wegweiser für eine Erneuerung der Sozialdemokratie dienen kann, bleibt fraglich. Ein Meilenstein für die politische Theorie ist "Der dritte Weg" auch nicht; Orientierungshilfen bietet er allemal.

in FALTER 8/1999 vom 26.02.1999 (S. 10)


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