Das Manuskript von Sarajevo

von Juan Goytisolo, Thomas Brovot

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Der Text als Leiche

In Juan Goytisolos "Manuskript von Sarajevo" geht es auch um den jugoslawischen Bürgerkrieg. Irgendwie. Ansonsten ist der Leser gut beraten, sich mit den spanischen Bischofskonferenzen des 12. Jahrhunderts zu befassen.
Selten täuscht der Beginn eines Romans so wie der Einstieg, den Juan Goytisolo für "Das Manuskript von Sarajevo" gewählt hat. Ein Mann kommt in die von den Serben belagerte Stadt Sarajevo. Im Hotel stellt er sich ans Fenster. Die Explosion einer Granate nimmt ihm das Leben. Der Stil des Auftakts läßt eine reportageartige Aufarbeitung des Bosnienkonflikts erwarten. Schließlich stand der 1931 geborene Katalane damals "mit mäßigem Mut und einer Portion Bürgersinn" selbst mit kugelsicherer Weste im Schutt von Sarajevo. Seine Reportagen, die er unter anderem für die Tageszeitung El País verfaßte, gehoren gewiß zu den profundesten und präzisesten Berichten über die Krisenregion.
Die Sensibilität, die Goytisolo dabei entwickelte, ist aus seiner eigenen Geschichte zu erklären. Die Jugend fiel in die Zeit unmittelbar nach dem Bürgerkrieg, in der Freigeistern in Spanien kaum Platz zum Atmen blieb. Wer - wie er - auch noch in einem francotreuen, katholischen bürgerlichen Elternhaus aufwuchs, dem blieb nur die Flucht, die in diesem Fall von Barcelona nach Paris und von dort in die islamische Welt führte. Mit dem Exil ging auch eine innerliche Abwendung von all jenen kulturellen Konzepten einher, die Spanien seit der Vertreibung der Mauren und Zwangskonvertierungen der Juden im 15. Jahrhundert beherrscht und geprägt haben. Sie gründet in Goytisolos intimer Kenntnis des Arabischen und des Islams, der als befreiend empfundenen Kultur des Maghreb - große Teile seines Lebens verbrachte der Schriftsteller in Marrakesch - sowie dem Wissen um ihre Bedeutung für die europäische Geschichte und Kultur.
Berücksichtigt man das zerstorerische Potential des Balkankonflikts, die Biografie des Autors sowie den Umstand, daß Goytisolo der Literaturwissenschaft spätestens seit seiner frühen Trilogie "Identitätszeichen", "Rückforderung des Conde don Julian" und "Johann ohne Land" (1966-1975) als radikaler Erneuerer des (spanischen) Romans gilt, läßt sich das Ergebnis erahnen: "Das Manuskript von Sarajevo" ist eine Art literarisches Schockerlebnis, das ein erhebliches Maß an Konzentration und Durchhaltevermogen voraussetzt.
Eine kurze Passage über einen Intellektuellenzirkel, der sich vor dem Krieg regelmäßig in der Bibliothek von Sarajevo - bis zu ihrer Zerstorung im Jahr 1994 ein Symbol kultureller und religioser Vielfalt - getroffen hatte, macht dies in komprimierter Form deutlich: "Die Bibliothek war unsere Arena: Dort diskutierten wir über Gott und die Welt, kamen von der Esoterik Ibn Arabis auf die geistige Kette der osmanischen Bruderschaften, vom Glanz und Niedergang der Janitscharen und den abtrünnigen Christen im Dienste des Sultans auf die Wandlungen des jüdisch-spanischen Romanzeros im Laufe der Jahrhunderte oder das Leben und die Wunder der Schutzheiligen und Marabuts in der Medina von Marrakesch."
Es mag schon sein, daß Querverweise wie diese - es gibt eine Unzahl davon - als kohärentes Ganzes mehr zum Verständnis der Geschehnisse von Sarajevo beitragen als rein journalistische Kriegsberichterstattung. Was dabei stort, ist weniger das Belehrende, sondern die Beiläufigkeit, mit der diese geballte Ladung an historischem Wissen hereinbricht. So als ob es sich ohnehin um intellektuelles Allgemeingut handelt.
Entsprechend überfrachtet ist auch der Plot, auch wenn ihm eine gewisse Originalität nicht abzusprechen ist. Der (noch) realistischen Schilderung des Todes des Fremden folgen obszone Träume, die sich wiederum mit der Kompilation mystischer Verse und der Schilderung einer Belagerung abwechseln, die zwischenzeitlich jedoch nach Paris verlegt wird, und zwar in das vornehmlich von Zuwanderern bewohnte Quartier du Sentier, das sich der Willkür ethnischer Säuberer ausgesetzt sieht. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei diesen Passagen um Manuskripte, die ein spanischer Kommandant der internationalen Schutztruppen bei einem Toten gefunden hat, den er für einen Landsmann hält. Bloß: Der Leichnam ist plotzlich ebenso verschwunden wie der Paß des Toten. Was bleibt, sind die Texte, die den Kommandanten in verständliche Verwirrung stürzen, beschreibt das Opfer darin doch genau die Umstände des eigenen Todes.
Des Rätsels Losung: Es sind die Gelehrten aus der zerstorten Bibliothek, die den Korper entwendet haben, um ihn nach muslimischen Riten zu bestatten. Sie haben dem Toten, der zumindest in ihrer Phantasie ein später Apologet (oder die Reinkarnation?) eines Sufi-Mystikers ist, inmitten des bosnischen Infernos die Identität eines dreißigjährigen Spaniers verliehen und dem Kommandanten die (wahrscheinlich) gefälschten Texte untergejubelt.
Mehr zu verraten hieße den Roman zu sehr zu entblättern. Nur noch soviel: Mit jedem Teil, der dem Puzzle hinzugefügt wird, nehmen auch die Ungereimtheiten zu. Jede Information verdichtet das Mysterium, statt es aufzuklären. Wer mit "Sotadischen Zonen" oder der Bedeutung spanischer Bischofskonferenzen aus dem 12. Jahrhundert nicht per du ist, geht im Strudel des Textes unweigerlich unter. Selbst die vermeintlichen Fälscher aus der Bibliothek scheinen davor nicht gefeit, ist doch am Schluß nicht ausgeschlossen, daß auch sie (von sich selbst?) an der Nase herumgeführt wurden. Knapp vor dem Ende steht unter der Rubrik "Appendicula": "Der geneigte Leser des Romans mag diese Gedichtsammlungen beiseite lassen, die auf Wunsch des Kompilators in den Band aufgenommen wurden. (Anmerkung des Verlages)." Der geneigte Leser hat das Angebot erleichtert angenommen.

Edgar Schütz in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 5)


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