Die englischen Jahre
Roman

von Norbert Gstrein

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 30/1999

Versuch, ein Mann zu sein

Mit dem Roman "Die englischen Jahre" legt Norbert Gstrein sein bislang umfangreichstes und ambitioniertestes Werk vor. Der "Falter" sprach mit dem in Zürich lebenden Tiroler über die Koketterie mit dem Exil, über den literarischen Umgang der "Nachgeborenen" mit einer prekären Vergangenheit und die Schwierigkeiten, in Zürich essen zu gehen.

Die Zürcher Buchhandlung Bitterli & Hartmann ist wohl das, was man gemeinhin als "klein, aber fein" bezeichnet, und wenn man sie mit Norbert Gstrein besucht, bekommt man auch einen guten Espresso. Dann kann man die Regale durchstöbern, um auch auf sämtliche Werke von Norbert Gstrein zu stoßen, wie der seit drei Jahren in Zürich lebende österreichische Schriftsteller das strategische Kalkül des von ihm vorgeschlagenen Buchhandlungsbesuches freimütig offenlegt. Aber halt! Dort, wo eigentlich Gstreins Romanerstling "Das Register" (1992) stehen sollte, klafft eine wahrnehmbare Lücke. "Den haben wir gerade verkauft", erklärt Herr Hartmann. Was will man mehr!

In der letzten Zeit hat sich Gstrein, der 1988 mit seinem Debüt, der Erzählung "Einer", zum weithin wahrgenommenen Hoffnungsträger der österreichischen Literatur avancierte, aus dem Literaturbetrieb etwas zurückgezogen. Zuletzt war 1995 sein Roman "Der Kommerzialrat" erschienen, für den er "eher Hiebe als keine Hiebe gekriegt" hat, was zwar "schmerzhaft war, aber auch die Möglichkeit bot, Distanz zu gewinnen". Und das hat Gstrein, wie er sagt, "sehr genossen".

Seit knapp drei Jahren lebt der 1961 in Mils/Tirol geborene Autor in der Schweiz. Seine Innsbrucker Studentenwohnung dient ihm heute nur noch als Bücherlager. "Zürich ist nicht unbedingt die Stadt, die man sich als Österreicher zum Leben aussucht. Die Gründe, warum ich dennoch hier lebe, sind privat, wie man so sagt. Ich habe auch eine kleine Wohnung in Hamburg und nutze jede Möglichkeit, ,nicht anwesend' zu sein. Das Problem an Zürich ist, daß es hier im Unterschied etwa zu Berlin keine für mich erkennbaren Nischen gibt: Entweder man hat Geld, oder man hat keines. Und ich fürchte, daß Hamburg ähnlich strukturiert ist. Meine Lieblingsstadt ist jedenfalls London, und ich würde sofort dort wohnen, wenn ich das nötige Geld dazu hätte."

Gstrein legt freilich Wert auf die Feststellung, daß er aus Österreich weder vertrieben wurde noch geflüchtet ist: "Es gibt ja bei uns Schriftsteller, die behaupten, Emigranten im eigenen Land zu sein, und mit dem Exil kokettieren. Ich halte das alles für ziemlich anmaßend und bin überhaupt nicht glücklich, wenn ich irgendwo lesen muß, daß ich ein ,Österreichflüchtling' bin. Ich bin nämlich nicht geflüchtet und nicht ins Exil gegangen, ich bin bloß aus dem und dem Grund weg und könnte genausogut dageblieben sein."

Das Thema Exil führt direkt zu Gstreins jüngstem und bislang umfangreichstem Buch, an dem er die letzten vier Jahre gearbeitet hat. In gewisser Weise sind "Die englischen Jahre" (siehe Kasten) ein Abfallprodukt, denn auf die (historisch belegte) Geschichte vom Gefangenen, der sich im englischen Internierungslager eine jüdische Identität erschleicht, ist Gstrein im Zuge der Recherchen für einen anderen Roman gestoßen, der ihm "mißlungen ist, weil er zu komplex in der Anlage war und ich an die 20 verschiedene Lebensläufe ineinanderzulegen versucht habe".

Komplex genug sind "Die englischen Jahre" allemal. Der grassierenden Haltung des Wieder-frisch-drauflos-Erzählens kann Gstrein nämlich überhaupt nichts abgewinnen: "Die Literaturkritik goutiert das, und die Autoren schreiben naiver als noch vor 10, 15 Jahren. Ich glaube aber nicht, daß man hinter Joyce, Döblin oder wie sie alle heißen zurückfallen darf. Ohne das Wissen um Romane wie den ,Ulysses' oder ,Berlin Alexanderplatz' kann man nicht schreiben."

Ob es der ständige Wechsel zwischen erster und dritter Person wie in der Erzählung "Anderntags" (1989) ist, ob zwei verschiedene Perspektiven um das kollektive "Wir" ergänzt werden wie im "Register" oder ob die durchaus hinterfotzigen Berichte hinterbliebener Freunde mit den Aufzeichnungen des Verstorbenen konkurrenzieren wie im "Kommerzialrat", nie hat sich Gstrein mit einem einzigen Blickwinkel beschieden. Nicht umsonst lobte Paul Ingendaay in seiner Besprechung der Ballonfahrer-Novelle "O2" in der FAZ den Autor für dessen Perspektivenwechsel, "eine der literarischen Techniken, die er wie kein anderer seiner Generation aus dem Ärmel schüttelt".

Ohne mit großmächtigem Pathos das Lied von der gelebten und durchlittenen Literatur zu bemühen, deutet Gstrein an, daß es sich hier nicht bloß um formalästhetische Probleme handelt: "Ich kann eigentlich fast keinen Satz hinschreiben, ohne ihm sofort zu widersprechen. Selbst wenn ich den ,richtigen' Satz festhalten könnte, möchte ich sofort die Hälfte davon wieder zurücknehmen. Das geht mir auch so, wenn ich etwas über mich lese - selbst wenn es noch so zutreffend ist, stört mich, daß ich festgelegt bin. Ich interessiere mich sozusagen stärker für den biografischen Möglichkeitsraum als für den Wirklichkeitsraum."

"Die englischen Jahre" bilden da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil: Die Erzählerin ist mit ihrem Versuch, all die Gerüchte und Legenden, die über den mythenumwobenen Exil-Schriftsteller Gabriel Hirschfelder kursieren, durch selbst recherchierte "Fakten" zu ergänzen und zu einem Bild zusammenzufügen, zum Scheitern verurteilt. Was sie in den mittleren Romankapiteln in der zweiten Person nacherzählt, hat so nie stattgefunden.

Gstrein ist es dabei aber nicht um kognitiven Pessimismus, um die literarische Umsetzung eines "Nix-Genaues-weiß-man-nicht", sondern um die Frage des Umgangs mit einer ganz bestimmten Thematik zu tun. "Ich habe mich gegen diese Exilgeschichte gewehrt, weil ich gewußt habe, wenn ich darüber schreibe, dann muß ich auch etwas über ,das Jüdische' machen. Ich dachte aber: Möglicherweise ist es ein Vorteil, nicht sehr viel darüber zu wissen. Wer sehr viel weiß, neigt vielleicht dazu, die jüdische Tragödie erklären zu wollen. Dabei ist es nur grotesk: Genauso wie man zwischen Juden und Nichtjuden unterschieden hat, hätte man zwischen Menschen unterscheiden können, die über ein Meter achtzig, und solchen, die unter eins achtzig sind. So blöd war das, da gibt es nichts zu verstehen. Dieses Verstehenwollen produziert in vielen belletristischen Büchern zu diesem Thema häufig genug Folklore und Kitsch. Ich glaube, daß das literarische - nicht das politische - Problem der Nachgeborenen im Philosemitismus besteht; in einem Philosemitismus, der letztlich nichts anderes ist als ein Antisemitismus mit anderen Vorzeichen."

Wo Peter Handke die Rückkehr zur unverstellten Evidenz predigt, die sich in der Begegnung mit der Natur und der Einübung einer gleichsam sekundären Naivität ergäbe, welche die medialen Manipulationen sozusagen durch Verlernen überwinden soll, da weiß Gstrein, daß es zu einer multiperspektivisch aufgefächerten Skepsis keine Alternative gibt. Nicht um die Suspendierung der Schuldfrage geht es ihm (wie sie Handke in der "Fahrt im Einbaum" ganz explizit für die Literatur fordert), sehr wohl aber um eine Infragestellung jener "Authentizität", die jede noch so geschönte biografische Erzählung akzeptiert, sofern diese nur die Weihen der Zeitzeugenschaft trägt. Als die Leiterin des Österreichischen Instituts in England der Erzählerin "die Autobiographie der Katz" empfiehlt, antwortet diese bloß: "Die Katz ist eine Jammertante und zu allem Überfluß auch noch unerträglich eitel." Und auch die Ausführungen, die ein gewisser Leo über seine Zeit in den Lagern auf der Isle of Man dargebracht hat, in denen während des Zweiten Weltkriegs Nazis und Antinazis gleichermaßen interniert waren, erweisen sich als wenig erkenntnisfördernd:

"Um sicher nichts sagen zu müssen, was ihn vielleicht selbst angerührt hätte, schien er sich die paar wiederkehrenden Episoden zurechtgelegt zu haben, bis er schließlich daran glaubte, daß das alles war, und als Vergleich fielen mir nur die Grünschnäbel ein, die sich an ihre Militärzeit als an eine einzige Folge von Besäufnissen erinnerten. Die Internierung, wie er sie darstellte, hatte den Charakter einer Landschulwoche (...)."

Bei seinen eigenen Recherchen war Gstrein sowohl mit fremden als auch mit eigenen Widerständen konfrontiert. "Ich habe in Wien mit einem Exil-Experten über mein Vorhaben gesprochen und den Eindruck gewonnen, auf eine Haltung zu stoßen, die besagt: ,Wie kommst du dazu? Das machen doch wir, und du hast da nichts verloren.' Entweder man weiß schon alles und gehört zum Clan, oder man bleibt draußen."

Gstrein selbst hat es vermieden, sich mit Insassen der besagten Lager zu treffen, und zweimal Verabredungen kurzfristig abgesagt: "Ich habe befürchtet, durch die Fülle des Erzählten Gefahr zu laufen, zu dokumentarisch zu werden - alles wäre wichtig gewesen, und die Auswahl wäre mir sehr viel schwerer gefallen. Wenn man literarisch zu schreiben versucht, muß man das meiste weglassen, weil man sonst belehrend wird."

Trotz aller Reduktion ist von der Fülle des Erzählten noch genug übriggeblieben, um ein schmales Buch damit zu füllen, das im Frühjahr erscheinen wird. "Selbstporträt mit einer Toten" wird die Erzählerin der "Englischen Jahre" mit dem eitlen Geschwätz ihres Gatten konfrontieren, der seinen "unwichtigen Literaturbetriebsmüll" über sie auskippt. Und weil Gstrein "nicht nichts tun" kann, schreibt er mit ungewohntem Schwung an Ungewohntem - an einem Stück: "Ich glaube zwar, daß ich das eigentlich nicht kann, und möchte das so unambitioniert wie möglich machen - unter der Vorgabe, daß auch nichts herauskommen muß. Also sitze ich da und schreibe relativ flott Dialoge vor mich hin - viel schneller, als ich sonst schreibe."

Dazwischen wird wohl genug Zeit für die Pflege von Sozialkontakten bleiben, und die durch den Verkauf seines jüngsten Romans hereinkommenden Tantiemen werden Gstrein das teure Zürcher Pflaster vielleicht etwas angenehmer machen, die Anstrengungen existentieller Selbstbemeisterung lindern: "Es gibt Bekannte, die acht-, neun-, zehntausend Franken im Monat verdienen. Mit denen kann man nicht einfach etwas trinken, mit denen muß man zu Zürcher Preisen abendessen gehen. Man befindet sich ja fast am untersten Ende der Einkommenspyramide, aber ich mag mir das nicht anmerken lassen. Was das betrifft, versuche ich ganz altmodisch, ein Mann zu sein. Schließlich ist es immer noch ein Beruf, den man sich gewählt hat."

Man braucht sich also keine Sorgen um Norbert Gstrein zu machen. Selbst besonders mitfühlende Zeitgenossen können ihre Empathie-Kompetenz andernorts unter Beweis stellen: "Ein Autorenleben ist mit Demütigungen gepflastert, daran scheint man sich zu gewöhnen. Eigenartig ist, daß dabei plötzlich auch noch Leute eine Rolle spielen, die sich im Grunde genommen gar nicht für Literatur interessieren. Auf einmal fragen einen der Friseur und die Zahnärztin, ob man noch lebt. Diese Sorge sollen sich die Leute nicht machen. Es wird ja viel zu schwer gewichtet, wenn man noch nach zwei Jahren auf einen Verriß im ,Literarischen Quartett' angesprochen wird."

Klaus Nüchtern in FALTER 30/1999 vom 30.07.1999 (S. 48)


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