Mahlers Zeit
Roman

von Daniel Kehlmann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Zugegeben, ich bin nicht unbedingt das Zielpublikum von Physik-Romanen. Warum Zwillinge jünger bleiben, wenn sie viel Rakete fliegen, habe ich nie begriffen, und Neutrinos hielt ich bis vor kurzem für etwas Ähnliches wie Maltesers. Bis ich "Mahlers Zeit", des jungen (Jahrgang 1975) und produktiven (drittes Buch) Wiener Autors Daniel Kehlmann las. Diesem Roman habe ich auch entnommen, dass der zweite Hauptsatz der Thermodynamik dafür verantwortlich ist, dass mein Schreibtisch immer unordentlicher (und nie ordentlicher) wird.
Das interessiert mich. Im Prinzip. Nur habe ich wieder nichts über Physik erfahren. Denn die Geschichte von David Mahler, der die Inexistenz der Zeit beweisen und möglicherweise nutzbar machen zu können glaubt – "unter gewissen Umständen, bei einer gewissen Strahlung, unter Anwendung von vier Formeln" –, enthält zwar den ein oder anderen Merksatz zum Aufs-Kissen-Sticken ("Natur, das heißt: Gesetze"; "Entropie: der Tod, übersetzt in die Physik"), bleibt aber auch ansonsten quälend vage. Das würde nichts ausmachen, bekäme man dafür ein spannendes Gedankenexperiment oder eine packende Geschichte erzählt. Ausgehend von der Science-Ficition-Grundformel "Was wäre, wenn" hat Philip K. Dick, Autor von Romanen wie "Time Out of Joint" oder "Marsian Time-Slip", ganz grandiose Stories aus den abstrusesten Voraussetzungen entwickelt. (Zugegeben: Der Vergleich ist hoch gegriffen, und die meisten Produkte der "seriösen" Literatur würden ihn – jedenfalls, was das Beste des Viel- und Brotschreibers Ph.K.D. betrifft – nicht unbeschadet überstehen).
Schon Kehlmanns Debütroman "Beerholms Vorstellung" hat seine E-Literatur-Ambition durch etwas hochtrabende Auslassungen über die mathematische Schönheit der Schöpfung und den anthropofugalen Charakter des Weltalls ausgewiesen und das Unerhörte, Außergewöhnliche ständig behauptet, ohne etwas davon spürbar zu machen. Ähnlich "Mahlers Zeit": "Es nahm Gestalt an. Ein Gebilde reiner Mathematik (…)". Was unklar bleibt, wird aber auch durch eine simple Spannungsdramaturgie nicht spannender: "Etwas war geschehen. (…) Etwas kam auf ihn zu" (Seite 14). "Etwas kam" (S. 22). "Etwas ganz Merkwürdiges; er weigerte sich, es zu beschreiben" (S. 37).
Etwas ist dem Autor sicher nicht zu unterstellen: dass ihm das alles "passiert" ist. Zu auffällig sind die Motivdoppelungen, all die Spiegel und Insekten, die mit großzügiger Hand im Text verteilt wurden und Stilwillen beweisen. Nur bedürfte der literarische Ehrgeiz auch einmal eines brauchbaren Stoffes. Jetzt, wo Kehlmann der klassische Erfolgsnachweis eines österreichischen Autors durch den Wechsel zu einem deutschen E-Literatur-Verlag geglückt ist, sollte er sich mit der Auswahl Zeit lassen.

Klaus Nüchtern in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 15)


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