Unsre allzu kurzen Sommer

von Jorge Semprun, Eva Moldenhauer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/2000

Es ist Jahre her, dass ein alter Freund mich mit Jorge Semprun bekannt gemacht und mir sein Buch über Yves Montand geschenkt hat. Ich hatte es zwei, vielleicht auch schon drei Mal gelesen, ehe mir eine vernichtende Kritik in die Hände fiel. Peinlich, hieß es dort: das schwächste Buch des Autors. Wie mussten dann erst die anderen sein? Ich fing gründlicher und noch mal ganz von vorne an. Entdeckte "Die große Reise", "Was für ein schöner Sonntag!" und, nach einigem Suchen, sein Drehbuch zu Alain Resnais' "Der Krieg ist vorbei" und die vergriffene autobiografische Streitschrift "Federico Sanchez", in der Semprun seine aktive Zeit in der KPF bilanzierte, aus der er anno 64 wegen schwerer Differenzen mit der Partei ausgeschlossen worden war.
Verglichen mit allen diesen Büchern ist "Unsre allzu kurzen Sommer", sein jüngstes Buch, geradezu heiter. In der Wahl des Themas, nicht im Ton. Keinen Moment lang darf man vergessen, dass es der Semprun - der ehemalige Buchenwaldhäftling, ehemalige Untergrundkämpfer und ehemalige Kulturminister - ist, der sich hier seiner Adoleszenz erinnert, genauer: jener Tage des Sommers 1938, die er, als exilierter "Rotspanier" mit einem unverkennbaren Akzent, kaum 15-jährig in Paris verlebt hat.
Lethe, Fluss des Vergessens! Wie viele Umstände Semprun diesmal macht, seine Erinnerungen ins Trockene zu holen! Erinnerungen an die Bäckersfrau, die ihn verhöhnte, und den Freund, der ihm Andre Gide zu lesen gab; an die gewaltige Bibliothek des Vaters, die verloren ging, und die schöne Unbekannte, die aus der Metro kam, an die Lektüre von "L'espoir", Malraux' Bürgerkriegsroman, aus dem er noch heute seitenlang zitieren kann. Mag ja sein, dass die Art, "im zeitlichen Hin und Her zwischen Vorgriffen und Rückblenden zu schreiben", wie der Autor einmal anmerkt, in seiner Natur liegt, "insofern sie die Art widerspiegelt - oder enthüllt, wer weiß? -, wie ich mich körperlich, geistig in die Dauer einschreibe". Hier allerdings wirkt das Projekt seines Lebens - die literarische Re-, De- und Neukonstruktion der eigenen Biografie -, einigermaßen kurzatmig und, schlimmer noch, seltsam eitel.
"Unsre allzu kurzen Sommer" ist ein typischer Fall von Alterswerk, und genauso sollte man es auch lesen. So wie man einem alten Freund die Treue hält, obwohl er einem schon vor langer Zeit fremd geworden ist.

Michael Omasta in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 32)


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