Milch und Kohle

von Ralf Rothmann

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 21/2000

In seinem hervorragenden Roman "Milch und Kohle" rekonstruiert Ralf Rothmann die kleinbürgerliche Welt des Ruhrpotts in den Sechzigern - intensiv und diskret zugleich.
Die Lektüre von Ralf Rothmanns Romanen bewirkt körperliches Unwohlsein: Während man mit ihnen lebt, mag man nicht mehr an Alkohol, Nikotin, Sauerbraten oder Sex denken. Diese Bücher drängen ihre Figuren dem Leser so hautnah auf, dass es kein Entkommen gibt. Dabei sind sie weit davon entfernt, den Ekel durch breite Schilderungen der Auswirkungen von billigem Rotwein in Korbflaschen oder verunglücktem Petting in Jugendzimmern herbeizuschreiben. Rothmann lässt seine Figuren aus einem minutiös geschilderten Ambiente hervortreten, das die kleinbürgerliche Welt des Ruhrgebiets von der Speisekarte billiger Tanzlokale bis hin zu kleinen, charakteristischen Gesten und Wendungen festhält. Diese Welt ist mit der Schließung der großen Zechen und Hüttenwerke verschwunden.
Ralf Rothmanns neuer Roman "Milch und Kohle", der Ende der Sechzigerjahre spielt, kann deshalb als Epitaph auf eine Welt gelesen werden, der mancher sentimental nachtrauern mag. Noch mehr aber ist er der - wohl autobiografisch inspirierte - Nachruf auf eine Familie, Vater, Mutter, zwei Söhne, die einst von Norddeutschland in den Pott kam, um dort von der Kohle besser zu leben als von der Milch schwarz-weiß gefleckter Kühe. Simon, der ältere Sohn, erinnert sich nach dem Tod seiner Eltern an die beklemmende Enge seiner Jugend: an den Vater, der bis zum körperlichen Ruin in den Schacht stieg; an die Mutter, die als Bedienerin jobbte und mit einem italienischen Gastarbeiter nach Neapel durchbrennen wollte, während der Vater nach einem Arbeitsunfall im Krankenhaus lag; an den epileptischen Bruder, dessen Krankheit die Kräfte der Familie immer wieder überforderte. Dazu kommen die ersten Erfahrungen mit Mädchen, der halbstarke Freund Pavel mit seiner hochfrisierten Zündapp, Tanz im Gasthaus Maus, Frust in der Schule. Irgendwann, aber das wird am Ende nur skizziert, fand Simon den Absprung aus dieser kleinen, geschlossenen Welt, konnte studieren, bekam einen Lehrauftrag in den USA und entdeckte den Zen-Buddhismus ...
Dieser hingehuschte Schluss, hinter dem ja nun wirklich eine dramatische Geschichte stecken könnte, ist wohl unumgänglich, um Simon die nötige Beobachtungs- und Erinnerungsdistanz zu seiner Heimat zu verschaffen. Dieser Roman nämlich macht es sich zum Prinzip, alles Spektakuläre, auch alles Dramatische und Grelle abzudämpfen. Es gibt da die Schilderung eines epileptischen Anfalls des Bruders, eine hochdramatische, weil gefährliche Szene. Simon aber erzählt sie aus einer diskreten Distanz, als wolle er den Bruder vor der neugierigen Leserschaft schützen. Intensität entsteht in diesem Roman aus dem Reichtum der Details, die gleichsam als Resonanzkörper der Figuren wirken. Rothmann gelingen da meisterhafte Arrangements, bei denen es gar keine Rolle spielt, ob sie nun in genau dieser Kombination vor dreißig Jahren im Ruhrgebiet anzutreffen waren oder nicht. Entscheidend ist nur, wie sie das Lebensgefühl gerade dieser Menschen ausdrücken,deren Sache es nicht war, über ihre Befindlichkeiten lange zu reden. An ihrer Stelle reden nun Weißwandreifen, gedrechselte Couchtischbeine, verlaufene Wimperntusche und die Musik von Caterina Valente.
Rothmanns gnadenloser Naturalismus zeigt Menschen, denen alle Möglichkeiten, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu verändern, versperrt sind - und die soll es ja bis heute geben, auch wenn sie jetzt im Ruhrgebiet als Parkplatzwächter von Erlebniscentern arbeiten. "Wir hatten ja auch gute Jahre", erinnert sich die Mutter auf dem Sterbebett. Lakonischer hätte sie ihr Leben nicht auf den Begriff bringen können. Es war ein ewiges Warten, auf etwas mehr Geld, etwas mehr Platz, etwas mehr Bewegungsmöglichkeit, auf einen einfühlsameren Mann vielleicht auch. Sie mag selbst gespürt haben, dass sie vergeblich gewartet hat.

Tobias Heyl in FALTER 21/2000 vom 26.05.2000 (S. 69)


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