Tristanakkord
Roman

von Hans-Ulrich Treichel

€ 14,40
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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 237 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.02.2000

Georg Zimmer, im Emsland aufgewachsen und angehender Doktorand in Berlin, gerät in die Fänge eines weltberühmten Komponisten. Er folgt diesem nach Schottland, New York und Sizilien, wo er von einer verstörenden Erfahrung in die andere gerät. Verstörend ist die beinahe brüderliche Nähe zwischen dem Doktoranden und dem Komponisten, die freilich ein bedrohtes Glück ist. Nicht nur weil letzterer so bedeutend, sondern weil Georg so wenig bedeutend und auf einen Brahms oder Beethoven nicht sonderlich vorbereitet ist. Genausowenig wie auf die betörende Mary, eine junge Frau aus Manhattan. Georg muß am Ende erkennen, daß Meistern, die vom Himmel fallen, zutiefst zu mißtrauen ist. Hans-Ulrich Treichel, am 12.8.1952 in Versmold/Westfalen geboren, lebt in Berlin und Leipzig. Er studierte Germanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1984 mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen. Er war Lektor für deutsche Sprache an der Universität Salerno und an der Scuola Normale Superiore Pisa. Von 1985-1991 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und habilitierte sich 1993. Von 1995 bis 2018 war Hans-Ulrich Treichel Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. Seine Werke sind in 28 Sprachen übersetzt.  

Rezension aus FALTER 12/2000

In seinem ebenso klugen wie unterhaltsamen Roman "Tristanakkord" setzt sich Hans-Ulrich Treichel mit der Penetranz ständiger Kunstbemühung auseinander.
Ein junger Mann aus der Provinz, Georg Zimmer ist sein Name, hat in Berlin nach zwölf Semestern mehr schlecht als recht sein Germanistikstudium zu Ende gebracht und setzt sich nun, mehr aus Verlegenheit denn aus Interesse, an eine Doktorarbeit. Doch bevor es damit so richtig ernst wird, nimmt sein Leben eine jähe Wendung. Durch Zufall gerät er an den weltberühmten Komponisten Bergmann, der gerade auf den Hebriden damit beschäftigt ist, seine Erinnerungen zu vollenden und dabei redaktionelle Hilfe braucht. Mit Georgs Ankunft in dieser äußersten Ecke Europas beginnt Hans-Ulrich Treichels außerordentlich kluger, witziger und unterhaltsamer "Tristanakkord".
Klug, weil Treichel mit dem ungeschickten, schüchternen Georg und dem weltläufigen, erfolgreichen Bergmann zwei nahezu gleichwertige Hauptfiguren erfunden hat, deren Gegensätzlichkeit die ganze Tragik und Komik einer Gesellschaft vorführt, der die Kunst als letzte Chance verblieben ist, Distinktion und Individualität zur Geltung zu bringen. Georg gehört zu jener Spezies von Studenten, bei der man nie so recht weiß, ob sie nun ein vager Drang zur Kunst oder die schlichte Unkenntnis bezüglich anderer, hoffnungsvollerer Ausbildungsgänge in die Germanistik verschlagen hat. Bei Bergmann wiederum drängen sich die Früchte künstlerischen Ruhms - Villa auf Sizilien, ein ganzer Stab von Bediensteten und ein Fuhrpark der britischen Oberklasse - vor sein Künstlerdasein: Vielleicht wäre er als Broker glücklicher und noch reicher geworden. Mit diesem nur auf den ersten Blick so ungleichen Paar führt Treichel jenen unglaublichen Überschuss an Langeweile vor, der dem Paradox zugrunde liegt, dass Kunst gerade in einer durch und durch ökonomisierten Gesellschaft verdächtig viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dass ein Buch witzig ist, kann eine Rezension nur schwer beweisen. Man könnte es mit einer wundervollen Rückblende in Georgs frühe Semester versuchen: Er hat eine Kommilitonin zum Abendessen eingeladen, will ihr mit Kochkunst und musikalischer Kennerschaft imponieren. Als Aperitif legt er Keith Jarretts "Köln Concert" auf, zum Hauptgang Wagners "Tristan". Er versucht ihr näher zu kommen und macht sie dabei immer wieder auf den berühmten Tristanakkord aufmerksam. Nun studiert die Dame leider Musikwissenschaft und hört genau, wann der Tristanakkord erklingt - und wann nicht. Sie macht den Annäherungsversuchen ein rasches Ende und verabschiedet sich für immer. An dieser kleinen Szene zeigt sich Treichels Sinn für Details und die richtige Fallhöhe. Die Pointe funktioniert ja nur, weil Treichel weiß, welche Musik ein Typ wie Georg in einer solchen Situation für unwiderstehlich hält - und weil er genauso gut weiß, dass diese Inszenierung an ihrer Ambition scheitern muss.
Womit wir beim nächsten Vorzug des Autors wären: Treichel kennt die Welt, über die er schreibt. Er lehrt als Germanist in Leipzig und hat als Librettist mit Hans-Werner Henze zusammengearbeitet, in dessen Memoiren er wohlwollende Erwähnung findet. Müßig, darüber zu spekulieren, ob mit Bergmann Henze gemeint sei, einige Details jedenfalls passen. Und dem Großkomponisten ist es zu verdanken, dass dieser Roman ein solches Tempo entwickelt. Der Meister kann schließlich nicht ewig auf den Hebriden bleiben, Georg muss (vielmehr: darf) ihm nach New York und nach Sizilien folgen. Ein Parsival aus der deutschen Provinz, den es nur zum Studium nach Berlin verschlagen hat, ist er ja im Grunde völlig überfordert, in den Kreisen des großen Musikbusiness zu bestehen. Aber er entwickelt ein erstaunliches Talent, in prekären Situationen gerade noch richtig zu reagieren und damit seinen Meister zu täuschen. Oder, anders herum: Diesen Bergmann hat seine Eitelkeit so naiv gemacht, dass ihn eine durch und durch durchschnittliche Figur wie Georg blenden kann. Und Treichel treibt mit seinen beiden Hauptfiguren ein ständiges, für den Leser immer wieder überraschendes und unterhaltsames Vexierspiel.
Treichels "Tristanakkord" gelingt es spielend, das weit verbreitete Misstrauen gegenüber einer angeblich leserfeindlichen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu zerstreuen. Wenn Georg in der letzten Episode des Romans von Bergmann beauftragt wird, den Text zu einer Hymne zum Lobe der Schöpfung zu schreiben, und zwar bitte in elegischen Distichen, der arme Georg aber leider nie gelernt (oder kapiert) hat, was denn nun elegische Distichen seien, dann meint man plötzlich aus dem Erzählfluss einen fremden Unterton, eine Dissonanz sozusagen, herauszuhören: Das hämische Gelächter eines perfekten Romans, der sich gegen den alltäglichen Terror penetranter Kunstbemühung stellt, dem vielleicht nur auf diesem Weg zu entkommen ist.

Tobias Heyl in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 17)


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