Willenbrock
Roman

von Christoph Hein

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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 319 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.06.2000

"Bernd Willenbrock führt im Berlin der späten neunziger Jahre erfolgreich einen Gebrauchtwagenhandel; auch im Privaten scheint alles zu stimmen. Dass der abgezäunte Platz mit den Fahrzeugen irgendwann Ziel eines nächtlichen Diebstahls wird, überrascht den Besitzer kaum. Auch der nächste Diebstahl, besser: Raubüberfall, lässt sich nicht aufklären; Behördliche Hilfe allerdings bleibt Willenbrock auch bei anderer Gelegenheit versagt, etwa als er um Baugenehmigungen zur Erweiterung seines Geschäfts ersucht oder, gravierender noch: als er und seine Frau im Wochenendhaus überfallen werden. Alle Sicherheiten des zivilisierten Lebens rutschen erst unmerklich und dann unübersehbar weg. Hinter vermeintlich geordneten Verhältnissen wird ein Dschungel sichtbar, in dem keine Regel mehr gilt außer: Hilf dir selbst! Willenbrock gerät schließlich in einen Strudel, in dem alles zur Bedrohung wird und ein Revolver wie ein Zeitzünder irgendwann losgehen muss." Christoph Hein wurde am 8. April 1944 in Heinzendorf/Schlesien geboren. Nach Kriegsende zog die Familie nach Bad Düben bei Leipzig, wo Hein aufwuchs. Ab 1967 studierte er an der Universität Leipzig Philosophie und Logik und schloss sein Studium 1971 an der Humboldt Universität Berlin ab. Von 1974 bis 1979 arbeitete Hein als Hausautor an der Volksbühne Berlin. Der Durchbruch gelang ihm 1982/83 mit seiner Novelle Der fremde Freund / Drachenblut. Hein wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Uwe-Johnson-Preis und Stefan-Heym-Preis.

Rezension aus FALTER 26/2000

In "Willenbrock" demonstriert Christoph Hein wie dünn die Decke von Rechtsstaat und Zivilisation ist.
"Ich kam immer zurecht, auch früher. Eigentlich war ich immer zufrieden." Bernd Willenbrock, einst Ingenieur in einer Rechenmaschinenfabrik der DDR und nun Gebrauchtwagenhändler, scheint es Ende der Neunzigerjahre geschafft zu haben: ein Haus am Stadtrand, ein Landhaus am Stettiner Haff, eine Frau, der er eine Boutique "eingerichtet hat" und die er liebt, obwohl er sich stimulierende Seitensprünge gestattet, und eine Handballmannschaft, mit der er sich austobt. Doch über der scheinbaren Mittelklasseidylle schwebt in Christoph Heins neuem Roman "Willenbrock" von Anfang an ein Hauch von Bedrohung: "Es ist wieder spannender geworden, das Leben. Gelegentlich allzu spannend."
Gerade erst hat der geschickte Autoverkäufer, dessen Kunden vor allem aus dem Osten kommen, von der lange zurückliegenden Denunziation durch einen ehemaligen Kollegen erfahren, da verschwinden über Nacht sieben Autos: der Beginn einer Kette von Verbrechen, die sich mit dem Überfall auf den neu eingestellten Nachtwächter fortsetzt und ... Mehr soll hier nicht verraten werden. Denn bis zum Schluss spielt Hein souverän mit dem investigativen Ehrgeiz des Lesers; dass er die Zuspitzung auf eine Krimihandlung verweigert, erhöht nur die Spannung.
Der fortschreitende Bau einer neuen Autohalle, die Verkaufspräsentation von Willenbrocks Frau Susanne mit typischem Boutiquenpublikum, die Unstimmigkeiten beim Familientreffen, die Gespräche mit dem polnischen Mechaniker Jurek - alles wird mit der gleichen Aufmerksamkeit registriert, in einem Stil, dessen unauffällige Eleganz sich nicht in einzelnen Sätzen offenbart und zu dessen Stärken die Genauigkeit der Beobachtung, die Unaufgeregtheit des Erzählens und die Angepasstheit der Sprache an die Figuren und ihre Gefühle zählen.
Mit "Willenbrock" erweist sich Christoph Hein, vor knapp 20 Jahren mit seiner Novelle "Der fremde Freund" bekannt geworden (im Westen als "Drachenblut" erschienen), einmal mehr als einer der wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren. Sein neuer Roman ist nicht nur eine Analyse der deutschen Nachwendegesellschaft, die nach dem Zusammenbrechen der alten Ordnung mit neuen Formen von Kriminalität konfrontiert ist und in der - wie einmal jemand bemerkt - "Sibirien neuerdings vor der Haustür beginnt".
An dem besonnenen, ein wenig distanzierten, aber durchaus sympathischen Durchschnittsbürger Willenbrock, der gegen die Law-and-Order-Sprüche seiner Umgebung immun zu sein scheint, demonstriert Hein, wie dünn die Decke von Rechtsstaat und Zivilisation ist. Polizei und Justiz scheinen entweder unwillig, inkompetent oder machtlos zu sein, den Bürger zu schützen. Willenbrock, dessen Empfindlichkeit gegenüber erlittenem Unrecht mit jedem "Schlag" steigt, ist kein neuer Hiob - aber auch kein brandschatzender Kohlhaas. Er rüstet sich zwar mit Alarmanlagen und Tresoren aus, weist den Vorschlag seines treuen Kunden Krylow, seine Probleme mit der Faust zu regeln, jedoch zunächst empört zurück: "Das ist ein zivilisiertes Land, ich bringe mich in Teufels Küche, wenn ich die Gerechtigkeit selbst in die Hand nehme."
Die Mephistogestalt Krylow, ein "kleiner rothaariger Russe, der stets einen Anzug mit einer auffälligen, grellfarbenen Krawatte" trägt und offenbar mafiöse Geschäftsgebahren pflegt, schenkt Willenbrock schließlich eine Pistole, die dieser eigentlich zurückgeben möchte. Doch Selbstschutz ist von Selbstjustiz oft nur eine Fingerbewegung weit entfernt, und nach einem erneuten nächtlichen Überfall befindet sich Willenbrock unversehens in der zerstörerischen Spirale von Rache und Vergeltung ...
"Willenbrock" ist natürlich kein Plädoyer für die Selbstjustiz und auch keine Stellungnahme zur neuen Kriminalität aus dem Osten, sondern ein düsterer, beklemmender Roman über die Verführbarkeit durch das Böse nach dem Weckbröckeln sämtlicher Sicherheiten. Das Böse kommt hier zwar - zumindest in der Wahrnehmung der Figuren - vor allem aus "Asien", aus Russland, Bulgarien und Rumänien, aber Krylows Eltern haben mit "deutschen Banditen" ähnliche Erfahrungen gemacht - 50 Jahre vorher. Am Schluss, als es ihm bereits Spaß macht, "eine richtige Waffe zu besitzen", erinnert sich Willenbrock an einen Satz, den er einmal gelesen hat: "Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein."

Kirstin Breitenfellner in FALTER 26/2000 vom 30.06.2000 (S. 61)


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