Herr Cogitos Vermächtnis
89 Gedichte

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Verlag: Suhrkamp
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 13.08.2000

Vordergründig schlicht, hintersinnig verschmitzt, ernst und heiter zugleich erzählt Zbigniew Herbert von alltäglichen Dingen ebenso unnachahmlich wie von zeitgeschichtlichen Erfahrungen, die man selten ergreifender und anschaulicher zu lesen bekommt als bei diesem Dichter der leisen Töne. Die Sinnlosigkeit des Krieges in einem, das Bekenntnis zur Schönheit des Lebens im nächsten Gedicht, das erzeugt die Magie dieser Sammlung, in der manche bekannte Gedichte neu überarbeitet, andere erstmals auf deutsch zu lesen sind. Zbigniew Herbert ist hier noch einmal in all den Facetten seines lyrischen Werks zu entdecken. Karl Dedecius, 1921 in Lodz geboren, galt als bedeutendster Mittler polnischer Literatur und Kultur in Deutschland. Als Übersetzer hunderter Bücher, Autor zahlloser Reden und Aufsätze, Herausgeber der Polnischen Bibliothek, Gründer des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt wurde er vielfach gewürdigt und ausgezeichnet, u.a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1990), dem Orden des Weißen Adlers (1999) in Polen und dem Deutschen Nationalpreis (2010). Karl Dedecius starb am 26. Februar 2016 im Alter von 94 Jahren in Frankfurt am Main. Zbigniew Herbert, geboren 1924 in Lemberg, erlebte als Schüler die sowjetische, dann die deutsche Okkupation und schloss sich 1943 dem polnischen Widerstand an. Seit 1956 veröffentlichte er Gedichte und Essays. Jahrelang bereiste er Italien, Frankreich und Griechenland. Herbert, der 1998 in Warschau starb, zählt zu den großen europäischen Dichtern des 20. Jahrhunderts.

Rezension aus FALTER 42/2000

Der heute 68-jährige Pole Kapuscinski hielt es zeit seines Lebens an keinem Schreibtisch aus. Er suchte die Gefahr auf eine Weise, die wohl irgendetwas mit Todessehnsucht zu tun haben muss; jedenfalls aber holte er aus den Extremsituationen, in die er sich begab, bemerkenswerte Texte über das Leben heraus.
Kapus'cins'ki hält sich beispielsweise in der angolanischen Stadt Luanda zur Zeit des Bürgerkriegs so lange auf, bis sie von allen verlassen ist, erst von den Portugiesen, dann von den Polizisten, den Feuerwehrleuten und schließlich von den Hunden. Dann wird es ihm zu langweilig und er geht an die Front. Zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges im Kongo schlägt er sich von Ägypten via Sudan ins Niemandsland durch, wird gefangen genommen und entgeht nur durch Zufall dem Tod. Der Tod hat ihn auch in Workuta verfehlt, jenseits des Polarkreises, wo er beinahe erfroren wäre, als er vom Streik der Minenarbeiter berichtete. Oder in Honduras, wo er als Erster an die Front des Fußballkrieges geriet.
"Reportagen, Essays, Interviews aus vierzig Jahren" versammelt ein Band aus dem Eichborn Verlag, in dem Kapuscinski Werke erschienen sind. Man bekommt einen Querschnitt durch die Arbeit des Mannes, der über 30 Bürgerkriege, Kriege und Revolutionen als Berichterstatter miterlebt hat.
Auch ein kleiner Ausschnitt aus "König der Könige" befindet sich darin, Kapuscinski bestem Buch, in dem die Reportage endgültig zur Literatur wird. Die Erzählungen der Höflinge und der Bewohner der Stadt Addis Abeba verdichten sich zu einer vielstimmigen Komposition, die das Leben und Herrschen des Kaisers Haile Selassie umkreist. Eine anonyme Erzählung, die sofort und zu Recht auch als Parabel auf alle totalitären Regimes verstanden wurde. Kapuscinski Bücher gehörten demgemäß zur gern verbotenen Literatur; ihr Verbot gilt heute nur noch in China. Wer wissen will, was eine gute Reportage ist, muss Kapuscinski lesen. Das Buch bietet einen brauchbaren Einstieg in sein Werk.Die Gedichte des polnischen "Philosophen-Poeten" Zbigniew Herbert handeln von unserer Geschichte und ihrer Bedrohung.
Nüchtern, ja "antilyrisch" hat man die Verse des Lyrikers Zbigniew Herbert genannt. Der 1988 im Alter von 74 Jahren Verstorbene ist nicht nur als großer polnischer Dichter und als einer der bedeutendsten Lyriker der Gegenwart gefeiert worden, er war auch ein philosophisch gebildeter und skeptisch gestimmter Essayist. Sein lyrisches Ich hat er wohl auch deshalb in der Figur eines "Herrn Cogito" ironisiert, eines "Herrn Denk"sozusagen, einer Personifikation des Descartes-Satzes "Cogito ergo sum - ich denke, also bin ich".
Beim Band "Herrn Cogitos Vermächtnis" handelt es sich nicht um Herberts poetisches Vermächtnis. So es eines gibt, findet man es im Band "Gewitter Epilog", kurz vor dem Tod Herberts auf Polnisch erschienen (und heuer auf Deutsch bei Suhrkamp). Die Gedichte in "Herrn Cogitos Vermächtnis" wurden mehreren Bänden Herberts entnommen; der Titel stammt aus dem 1974 auf Deutsch erschienenen Gedicht "Herr Cogito".
Der berühmte Übersetzer polnischer Literatur, Karl Dedecius, nennt Herbert einen "Philosophen-Poeten". Denn Herbert ist entscheidend geprägt worden von seinem philosophischen Lehrer Henryk Elzenberg, dem er auch zahlreiche Gedichte widmete. Der Stoizismus war die von Herbert und seinem Lehrer gewählte Form, das totalitäre, kommunistische Regime zu ertragen, der Stoiker Marc Aurel das Inbild des gleichmütigen Zivilisierten an der Grenze zur Barbarei (Herbert selbst sprach von sich übrigens als Barbaren im "Garten" der europäischen Kultur).
Diese Notiz über Herbert wird in der Marc-Aurel-Straße geschrieben, im Schatten schnell wachsender Akazien, am Rand des einst jüdischen Textilviertels, nah dem Gestapokeller, unterhalb des Kreisverkehrs, nicht weit von Würstelstand und Römerquadern. "An Marc Aurel" heißt ein Gedicht Herberts, gewidmet Elzenberg, und es fängt so an:

Lösch aus das licht Marc gute nacht
und schließ das buch über dem kopf
steigt schon der sterne silberlarum
des himmels fremder zungenschlag
der schrei des schreckens der barbaren
den dein latein nicht sagen kann
es ist die alte angst die finstre angst
was da ans morsche menschenufer
schlägt und siegt
hörst du das brausen
der flut der strom der elemente wird
zerstören deine lettern ( )

Man soll, sagt Herbert, in der Geschichte nicht bei Achill beginnen, sondern bei der Schnalle an dessen Sandale, besser noch "beim achtlos beiseite getretenen Kiesel am Weg". Bei diesem Stoiker lernt man europäische Tradition und genaues Sehen. Trost spendet er keinen.

Armin Thurnher in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 5)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies (Ryszard Kapuscinski, Martin Pollack)

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