Monument für John Kaltenbrunner
Vom Schlachten des gemästeten Kalbs und vom Aufrüsten der Aufrechten

von Tristan Egolf, Frank Heibert

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2001

Der Vergleich von Tristan Egolfs "Monument für John Kaltenbrunner" mit T.C. Boyles "Ein Freund der Erde" zeigt, dass im "Land of the Free" die Klimakatastrophe leichter zu überstehen ist als der Klassenkampf.

Von "grünen Niggern" ist sowohl in Tristan Egolfs erfolgreichem Debütroman "Monument für John Kaltenbrunner" als auch im jüngsten Buch von T.C. Boyle, "Ein Freund der Erde", die Rede, wobei sich der Begriff bei Egolf auf grün uniformierte (und im Übrigen weißhäutige) Müllmänner, bei Boyle auf kalifornische Öko-Aktionisten bezieht. USA today: Der Nigger ist ein weites Land.

Beide Romanhelden wenden sich von der "Corporate Culture" ihres Landes ab und werden "Grüne". Kaltenbrunner bringt schon als Kind die heruntergekommene Farm seines verstorbenen, zu Lebzeiten für ein großes Stahlunternehmen tätigen Vaters auf Vordermann; Tierwater verkauft als Enddreißiger den Supermarkt seines Vaters, beginnt für die Umweltorganisation "Earth Forever!" zu arbeiten und legt einen Biogarten an. Beides geht nicht gut. In ihrer Rückwendung zu ruralen Lebensformen stoßen die beiden auf eine Realität, "von deren Existenz der Großteil der Nation überhaupt nichts wusste", wie Egolf schreibt.

Kaltenbrunner scheitert bei seinem Versuch, in einem Industriebezirk, der ironischerweise Greene County heißt und im Corn Belt liegt, einen landwirtschaftlichen Betrieb hochzuziehen, unter anderem an der stumpfsinnigen Ignoranz der Menschen von Baker: "Hier lebte von jeher nichts als Pöbel, zu dessen Lebensgewohnheiten es immer gehört hatte, einander an die Gurgel zu gehen. Die Statistiker schieben das ungewöhnlich hohe Maß an Alkoholismus und Kindesmisshandlung in Baker oft auf die überwiegend deutsch-proletarischen Wurzeln der Bevölkerung." Ein Wirbelsturm, der seine Farm zerstört und die schwere Krankheit seiner Mutter leiten Kaltenbrunners Untergang ein, den Rest besorgen "Methodistenvetteln", ein "Trupp korbflechtender Soziopathinnen", der seine kranke Mutter betreut und dieser Hab und Gut abluchst.

In den finanziellen Ruin und die Verzweiflung getrieben, verschanzt sich Kaltenbrunner mit einem Gewehr, schießt auf einen Streifenwagen und wird zu drei Jahren Arbeitsdienst verurteilt. Nach seiner Freilassung bekommt er einen Job im Schlachtraum einer Geflügelfabrik, der ihm entsprechend zusetzt: "Er dachte an die Familien im ganzen Land, reich und arm und gleich trotz ihrer unterschiedlichen Lebenswege, wie sie unter weichem Licht und Feiertagsgedudel durch die Zuckergusspräsentation der Fleischabteilungen taumelten. Er fragte sich, wie viele von ihnen wohl Fleischesser bleiben würden, wenn sie nur fünf qualvolle Minuten ihres Lebens in das Hacken und Metzeln des Schlachtraums getrieben würden." Ein schwerer Arbeitsunfall bringt Kaltenbrunner um den Job und zu den "grünen Niggern", den Müllmännern. Hier hat er schließlich seinen großen Moment als Organisator eines Streiks. Der Müllmann ist "das einzige Bollwerk zwischen der Gemeinde als Ganzem und dem unvorstellbaren Ruin", lässt er seine Kollegen wissen. Und behält damit Recht.Der Vergleich von Tristan Egolfs "Monument für John Kaltenbrunner" mit T.C. Boyles "Ein Freund der Erde" zeigt, dass im "Land of the Free" die Klimakatastrophe leichter zu überstehen ist als der Klassenkampf.

Von "grünen Niggern" ist sowohl in Tristan Egolfs erfolgreichem Debütroman "Monument für John Kaltenbrunner" als auch im jüngsten Buch von T.C. Boyle, "Ein Freund der Erde", die Rede, wobei sich der Begriff bei Egolf auf grün uniformierte (und im Übrigen weißhäutige) Müllmänner, bei Boyle auf kalifornische Öko-Aktionisten bezieht. USA today: Der Nigger ist ein weites Land.

Beide Romane schildern eine Form von Apokalypse. Boyles Held Tyrone Tierwater lebt im Kalifornien des Jahres 2025. In Rückblenden wird von seinen fruchtlosen Aktivitäten als Öko-Terrorist in den Neunzigerjahren erzählt. Nun versorgt Tierwater die Privatmenagerie eines Rockstars, "die letzte dieser Art in unserem Teil der Welt". Für den 75-Jährigen ist die Welt längst untergegangen: Seine Tochter ist bei einer Baumbesetzung ums Leben gekommen, seine Frau hat ihn verlassen, und die Welt befindet sich in einer Klimakatastrophe. "Es herrscht das totale Chaos, kein Zweifel." Auch Tyrone Tierwater versucht es mit politischer Mobilisierung. Doch als Öko-Aktivist gerät er in den Kampf mit Waldarbeitern, die um ihre Arbeitsplätze fürchten, und ein Gericht will ihm als unzuverlässigem Vater das Sorgerecht für seine Tochter entziehen. Ehe es so weit kommt, entführt er das Kind aus dem Haus der amtlichen Zieheltern und taucht unter. Das von den Forstarbeitern gebrauchte Schimpfwort "grüner Nigger" ist jetzt seine gesellschaftliche Realität geworden.

Um seinen grünen Anliegen Öffentlichkeit zu verschaffen, entschließt er sich, dem Vorbild eines Vorfahren folgend, gemeinsam mit seiner Frau und unter Beobachtung durch den Journalisten Chris Mattingly einen Monat lang nackt in der Wildnis zu verbringen: "Sie sammelten Grillen, Grashüpfer und Beeren; sie rotteten eine ganze Kolonie von Süßwassermuscheln aus, die nach Schlamm und unverdauten Algen schmeckten. Sie plünderten Vogelnester, kauten ständig auf Zweigen herum, um den Hunger niederzukämpfen, der sie Tag und Nacht quälte, und sie lungerten wie Flüchtlinge um Chris Mattinglys Camp herum, an der eigenen Spucke würgend." Als sie endlich halb verhungert aus dem Wald kommen und Tierwater "den kalten stählernen Griff der Handschellen spürte, die sich klickend schlossen, hätte er vor Freude weinen können".

Wut und Verzweiflung treiben Tierwater in den Öko-Terrorismus und machen ihn zum Dauerknacki. Gegen Ende des Romans jedoch taucht seine Exfrau wieder auf und lässt die alte Liebe wieder erblühen - und sogar ein abgestorbener Wald beginnt wieder zu grünen.

Der Vergleich der beiden Romanschicksale macht uns sicher: Während T.C. Boyles Öko-Kämpfer selbst nach der Klimakatastrophe noch eine Chance auf ein Happy End hat, ist für einen Klassenkämpfer wie Kaltenbrunner auch nach einem erfolgreichen Streik nichts zu gewinnen. Das ist Amerika. Grün kann eine Farbe der Hoffnung sein, aber die "roten Nigger" sind immer zum Untergang verurteilt.

Christian Zillner in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 13)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Ein Freund der Erde (T.C. Boyle, Werner Richter)

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