Jenseits von Wahrheit und Lüge
Gesprochene Erinnerungen 1926-1945

von Aleksander Wat, Isolde Charim

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Die Schelte vorweg: Dass es den Polenschwerpunkt bei der Frankfurter Buchmesse brauchte, damit dieses Werk einen deutschen Verlag fand, ist kein Ruhmesblatt für unseren Buchmarkt, eigentlich ist es ein Skandal. Aber seien wir froh, dass Aleksander Wats Erinnerungen, die 1977 in einem polnischen Exilverlag in London erschienen sind, endlich auf Deutsch vorliegen, hervorragend übersetzt von Esther Kinsky, mit ausführlichen Anmerkungen und Namenindex - was will man mehr?
Aleksander Wat wurde 1900 in Warschau geboren, in einer jüdischen Familie, die berühmte Gelehrte und Rabbiner hervorbrachte. Als Polen 1918 seine Unabhängigkeit wiedererlangte, war das für die polnische Literatur ein Schock, weil ihr damit ein wichtiges Thema abhanden kam, der heroische Freiheitskampf, der die Literatur so lange geprägt hatte. Für Wats Generation war nicht die Unabhängigkeit Polens wichtig, sondern "die allgemeine Katastrophe der Epoche, diese große Unbekannte, die wir vor uns hatten, und da wir jung und verwegen waren, erschien uns das gleichzeitig auch als eine unglaubliche Verheißung".
Wat studierte in Warschau Philosophie und Psychologie und stürzte sich mit Gleichgesinnten in das Abenteuer des Futurismus, der in Polen unter dem Einfluss der russischen Revolution stand. Er begeisterte sich für die "reinigende Gewalt" der Revolution, die alles Bisherige zerstören sollte, was ihm auch für Polen als Hoffnung erschien: "Vor uns lagen Trümmer und Ruinen, doch a la longue gesehen waren das heitere Ruinen, (...) denn da konnte man endlich etwas Neues aufbauen, das war die große Unbekannte, die Reise ins Ungewisse."
Es sollte eine Reise in die Kälte des Terrors werden. 1929 übernahm Wat die Redaktion der kommunistischen Zeitschrift Miesiecznik Literacki (Literarische Monatsschrift), zu deren Mitarbeitern auch Isaac Deutscher zählte, der spätere Biograf Trotzkis und Stalins, der 1932 aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde, weil er die Gefahr des Nationalsozialismus "übertrieb". Auch Wat begann sich vom Kommunismus zu lösen, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Säuberungen in Moskau, denen auch Tausende polnische Kommunisten zum Opfer fielen, viele von ihnen seine Freunde.
Der Leser lernt in Wats Erinnerungen verschiedene Welten kennen. Einmal das Milieu der Künstler und Schriftsteller in den Zwanzigerjahren, die euphorische Aufbruchstimmung der linken Intellektuellen, aber auch die wachsenden Zweifel am Kommunismus, dessen Hohepriester blinden Glauben und Gehorsam verlangten. Nach der Niederlage Polens im September 1939 flüchtete Wat ins sowjetisch besetzte Lemberg, wo die polnischen Intellektuellen in ständiger Angst vor Denunziation und Verhaftung lebten. Unter diesem Druck verleugnete Wat seine Ansichten, um der Verfolgung zu entgehen - vergeblich. Er wurde verhaftet - als Trotzkist und Zionist, ein absurder Widerspruch, der Teil des Terrors war.
Die Erinnerung daran, dass er aus Angst zu Kreuze gekrochen war, sollte für den Autor für den Rest seines Lebens ein Stachel bleiben, der nie mehr aufhörte, ihn zu quälen. Er wurde nach Moskau gebracht, in die berüchtigte Lubjanka, der andere sowjetische Gefängnisse folgten. Nach seiner Entlassung aus der Haft wurde Wat nach Kasachstan verbannt, wo er seine Frau wieder traf. Erst 1946 durfte er nach Polen zurückkehren.
Und das ist die dritte Welt, die Wat beschreibt: die sowjetischen Gefängnisse und die Verbannung, eine Welt des Spitzeltums und der Niedertracht, aber auch menschlicher Größe. Wats Erfahrungen mit dem Stalinismus stehen im Mittelpunkt seiner Erinnerungen, die zu den wichtigsten Dokumenten der so genannten Gefängnis- und Lagerliteratur zählen, die in unserem Jahrhundert eine so schreckliche Blüte erlebte. Auch in der Sowjetunion begegnete Wat zahlreichen Menschen, naturgemäß meist Mithäftlingen, die allen sozialen Schichten entstammten: kommunistische Funktionäre, Hochschulprofessoren, Bauern, Schriftsteller und gemeine Verbrecher; Russen, Polen, Juden und Deutsche - die sowjetischen Gefängnisse waren ein einziger großer melting pot, in dem die willkürlich zusammengeworfenen Menschenzu einer gefügigen Masse geschmolzen oder, falls sie sich widersetzten, vernichtet werden sollten.
Besonders interessant sind Wats Erinnerungen an sowjetische Kollegen, den Schriftsteller und Kritiker Viktor Schklovskij, den Satiriker Michail Soschtschenko und andere, die genauso Opfer waren wie er. Von einem Autor, dessen Namen wir nicht erfahren, berichtet er bloß, dieser sei einzig deshalb verhaftet worden, weil er drei oder vier Jahre lang nichts publiziert hatte - eine "innere Emigration", die ihm als staatsfeindliche Haltung ausgelegt und entsprechend mit Haft bestraft wurde, die er nicht überlebte.
Bei manchen Schilderungen beweist Wat grimmigen Humor, etwa wenn er die Versuche eines jüdischen Häftlings beschreibt, sich mit einem deutschen Leidenskollegen zu verständigen, der kein Russisch konnte. Der Jude versuchte es daher mit Jiddisch, weil er um die Verwandtschaft mit der deutschen Sprache wusste, doch aus unerfindlichem Grund glaubte er, Deutsch sei die "bessere Sprache", und "die feierlichen Worte im Jiddischen, also die hebräischen Worte, seien deutsche Worte". So führten die beiden lange Gespräche, ohne einander zu verstehen, ein absurder "Dialog zwischen Taubstummen", wie Wat schreibt.
Im Gefängnis von Saratow vollzog sich Wats Bekehrung zum Christentum: Eines Nachts hatte er, delirierend vor Hunger, eine Vision, in der ihm der Teufel erschien, dessen Lachen durch die Gänge hallte, ein Teufel mit Bocksfüßen, wie aus der Oper "Faust", und dann öffnete sich die Decke der Zelle, und Gott war über allem. Die Szene, die Wat hier beschreibt, könnte von Dostojewski stammen, aus den "Brüdern Karamasow", die Wat übrigens kongenial übersetzt hat. Erst später wurde dem Autor bewusst, dass das teuflische Lachen die Sirene eines Patrouillenbootes war, das auf der nahen Wolga kreuzte und vor einem Luftangriff warnte. Doch der Glaube verließ ihn nicht mehr. Der Spross einer jüdischen Familie, der nie sein Judentum verleugnete, trug fortan ein Kreuz auf der Brust.
Genauso ungewöhnlich wie das Werk selber ist seine Entstehungsgeschichte. 1959 verließ Aleksander Wat Polen und ging nach Frankreich, ein schwer kranker Mann, der unerträgliche Schmerzen litt, die es ihm fast unmöglich machten zu schreiben. Anfang 1964 reiste er auf Einladung der Universität von Kalifornien in die USA, in der Hoffnung, im dortigen Klima Besserung zu finden. Wat machte den Versuch, seine Erinnerungen niederzuschreiben, doch das Ergebnis blieb unbefriedigend. Nur in Gesprächen schien er imstande, diese Sperre zu überwinden. Daher entstand die Idee, er solle seine Erinnerungen mündlich aufzeichnen, im Dialog mit jemandem,der ähnliche Erfahrungen wie er selber gemacht hatte. Die Wahl fiel auf Czeslaw Milosz, der in Berkeley als Literaturwissenschaftler tätig war.
Das Buch war also so etwas wie eine Therapie. Das Ergebnis ist faszinierend, eine Mischung aus herkömmlichen Erinnerungen und Protokollen der oral history, erstellt von zwei Menschen, die dieses Jahrhundert so intensiv erlebten wie sonst kaum einer.
Zu bedauern ist, dass dieses einmalige Unternehmen Fragment blieb. Wat und Milosz trafen sich in vierzig mehrstündigen Sitzungen, in denen sie eine ungeheure Fülle von Material aufzeichneten, und dennoch umfassen die "gesprochenen Erinnerungen" nur einen Ausschnitt aus Wats Leben. Mit den Vierzigerjahren in Kasachstan, kurz vor der Rückkehr nach Polen, brechen sie ab. Die Nachkriegsjahre in Polen, der polnische Stalinismus, die kurze Zeit der Hoffnung nach dem "polnischen Oktober" 1956 und die Jahre der Emigration, alles das fehlt. Leider. In der Emigration schrieb Wat noch Prosatexte und Gedichte, die ihn zu einem der wichtigsten polnischen Lyriker seiner Zeit machen. 1967 setzte er in Paris seinem Leben ein Ende.

Martin Pollack in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 4)


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