Chronik der Gefühle
2 Bände

von Alexander Kluge

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2001

Alexander Kluges in zwei Bänden gebündeltes Lebenswerk "Chronik der Gefühle" verknüpft Fakten und Fiktionen in einer fantasieanregenden Arbeit an und mit der Geschichte.

Bei der Fülle dessen, was wir in einer durchschnittlichen Lebenszeit erfahren können, gibt es doch Konstanten der Verarbeitung. Die Ereignisse werden immer schneller, Katastrophen ereignen sich in der Schrecksekunde einer Explosion, in unheimlicher Geschwindigkeit werden Vermögen vernichtet oder ganze Landstriche. Die Gefühle dagegen sind zäh, sie folgen, seit es menschliches Bewusstsein gibt, gleich bleibenden Impulsen: Worauf kann ich vertrauen? Wie kann ich mich schützen? Was muß ich fürchten? Was hält freiwillige Taten zusammen?

Diese alles Verhalten steuernden Fragen formuliert Alexander Kluge im knappen Vorwort zu seiner 2000 Seiten dicken "Chronik der Gefühle". Und mit ihnen hat man tatsächlich ein Navigationsinstrument durch die unglaubliche Fülle an Material aus allen Zeiten und Räumen, das diesem Werk sein Gewicht verleiht. "Basisgeschichten", Geschichten von Leuten, "die nach ihrem Platz in der Welt suchen", nennt Kluge den ersten Band, "Lebensläufe" den zweiten. Sie stellen ein einzigartiges unabschließbares Archiv menschlicher Wunschproduktion und menschlicher Anstrengungen dar. Staunend lesen wir vom Elefanten, der um 1900 auf Coney Island öffentlich hingerichtet wird, weil er drei Wärter umgebracht hat. Sein Sterben wird gefilmt und als sensationelle Kinoattraktion vermarktet. Wir lesen vom Debakel Napoleons in Russland; vom Kind, das wenige Meter vor dem elterlichen Haus von dem Schnee verschüttet wird, den ein LKW dort ablädt; wir lesen, was Heiner Müller sagt und Martin Heidegger gedacht haben könnte; was Gorbatschow empfunden haben mag, als er seine entscheidenden Verhandlungen mit dem Westen führte. Der Witz der Erkenntnisleistung dabei: Entscheidend ist nicht, ob etwas tatsächlich so stattgefunden hat, sondern welche Möglichkeiten in einer Geschichte, einem Bild stecken.

"Nun war die Psychologin eine aufgeklärte Frau, ausgebildete Privateigentümerin ihrer Person, und so dem unausgebildeten Grundeigentümer Maximilian, der seine Seele sozusagen nicht innehatte, überlegen." Ein typischer Klugesatz, der auf ironische Weise Psychologie und Soziologie als die tragenden Säulen der realistischen Methode auf die Probe stellt; in einer irritierenden, distanzierten Form, die sowohl den billigen Psychologismus als auch den Sozialkitsch ausschließt, ohne die in diesen enthaltenen (missbrauchten) Gefühlsenergien gering zu schätzen.

Das Zusammentreffen der Psychologin mit Maximilian, einem ihr vom Gericht zugewiesenen Zuhälter, ist eine Versuchsanordnung, die das Unwahrscheinliche wahrscheinlich erscheinen lässt: Seinen Charakter ändern will er nicht, der rabiate Zuhälter, nur neu "verkabelt werden", dass er nicht gar so schnell wieder Tische und Türen zertrümmert. Das sagt er der Psychologin. Was er der ihm Überlegenen nicht mitteilt, ist sein von starker Wunschenergie angetriebener Plan: Die Psychologin soll für ihn arbeiten. Mit Instinkt, Schlauheit, Willenskraft lockt er die Privateigentümerin ihrer selbst schließlich in seine Gasse: Die Psychologin berät die Mädchen des Zuhälters über richtiges Verhalten im Kundendienst und lässt sich mit einem vom Zuhälter vermittelten Bankmann ein.

Der Arztsohn und promovierte Jurist Kluge bohrt da weiter, wo Medizin, Justiz und Ökonomie aufhören müssen, um nicht an sich selbst irre zu werden. Ein Richter braucht ein begründbares Urteil, ein Arzt eine begründbare Diagnose, ein Ökonom die Sicherheit der Zahlen. Doch sie bewegen sich an den Grenzen zum Unbestimmbaren. Die Subversion der "quasi dokumentarischen" Methode Kluges liegt in ihrer Offenheit, der eine zentrale Überzeugung zugrunde liegt: Geschichte, Verhaltensweisen, politische Systeme sind keine in den Einmachgläsern der Vergangenheit eingeweckte tote Materie, sondern voll der lebendigen, wenn auch unterdrückten Arbeit. "Das umfassendste Massenmedium", so Kluge, "ist die lebendige Arbeit". Und Arbeit steckt überall drin: in den Produkten, in den Verhaltensweisen, in den Gefühlen. Was als gesellschaftliches Produkt, als wahrnehmbares Ereignis jeweils herauskommt, ist mehr als die Summe der Motive oder Einzelhandlungen.

Arbeit steckt beispielsweise im "organisatorischen Aufbau eines Unglücks": Kluges Text- und Bildmontage zur Vernichtung der 6. deutschen Armee im Kessel von Stalingrad mit dem Titel "Schlachtbeschreibung" erschien erstmals 1964. Die Vermischung von "echten" Dokumenten mit fingierten hat Kluge damals die vehemente Kritik von Marcel Reich-Ranicki eingetragen. Doch "Schlachtbeschreibung" enthält ein Potenzial, das das Buch vergleichbaren Projekten - etwa Heimrad Bäckers "nachschrift" oder Walter Kempowskis monumentaler Materialsammlung "Echolot" - überlegen macht: Es mobilisiert die Fantasie des Lesers in hohem Maße.

Von der "Schlachtbeschreibung" führen Linien zu den "Lernprozessen mit tödlichem Ausgang", Fragmenten aus einer Zeit nach dem fast finalen Weltkrieg, der einzig noch versprengte Menschenzombies in entlegenen Raumstationen zurücklässt. Und es führt eine Linie in das Wirtschaftswunderdeutschland, zu einer Geschichte aus den "Lebensläufen", Kluges erstem Buch von 1962. Eines der stärksten Stücke darin: die Beschreibung des organisatorischen Aufbaus eines riesigen Faschingsfestes, wobei die von den Organisatoren mit rationalem Kalkül produzierte "Stimmung" von einem Todesfall gestört wird.

Die standardisierte Wirklichkeitsverarbeitung, die Verwaltungssprachen, Geschichtsschreibung oder Zeitungen, aber auch die Erzählmuster von Film und Literatur leisten, formatieren die Komplexität der Wahrnehmung. Deshalb setzt Kluge auf die Montage von Bildern und Texten, deswegen sucht er durch dialogische Formen - das Interview spielt eine zentrale Rolle - der "Wahrheit" eines Ereignisses auf die Spur zu kommen. Als leise insistierender Fragesteller treibt er die Gesprächspartner in seiner Fernsehsendung "10 vor 11" regelmäßig zu Höchstleistungen. (Früher als alle anderen hat Kluge erkannt, wie wichtig die Aneignung des Privatfernsehens ist und sich dort Sendeflächen gesichert.) Die Arbeit des Autors, so Kluge mit einer anschaulichen Metapher, muss heute darin liegen, ein Bild aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu isolieren, das wie ein "Kristallgitter" funktioniert: "Um dieses Kristallgitter kristallisiert sich jetzt ein ganzer Zusammenhang" - mit zwei lebensgeschichtlich bedingten Fluchtpunkten: der Katastrophe des von Deutschland ausgegangenen Krieges und den Ereignissen um 1989.

Das Werk des 1932 geborenen Autorenfilmers, Fernsehproduzenten, Theoretikers und Erzählers Kluge hat den Begriff von künstlerischer Arbeit und künstlerischer Erkenntnis entscheidend erweitert. Lesen Sie ihn!

Bernhard Fetz in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 6)


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