Requiem für Ernst Jandl

von Friederike Mayröcker

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Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 48 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.02.2001

Ein halbes Jahrhundert gemeinsamen Lebens, und das hieß ganz selbstverständlich auch: gemeinsamer literarischer Arbeit, verband und verbindet Friederike Mayröcker und Ernst Jandl. Unmittelbar nach dem Tod des Gefährten im Frühsommer des Jahres 2000 hat Friederike Mayröcker den Schmerz des Verlustes in einer stillen und zugleich leidenschaftlichen Todesklage zu bewältigen versucht, die zu einem Gesang von berückender Intensität wird. In diesem Dokument von tapferster Zartheit ruft sie Erinnerungen an Erlebnisse der gemeinsamen Jahre auf, macht sich Offengebliebenes jäh bewußt, liest Jandls Texte neu. Vor einer plötzlichen und existentiellen Leere erschreckend, fragt sie nach Möglichkeiten und Weisen des Weiterlebens und -arbeitens und hört nicht auf, zu einem Gegenüber zu sprechen. »Der Verlust eines so nahen Menschen, eines HAND- und HERZGEFäHRTEN ist etwas ganz und gar Erschütterndes, aber vielleicht ist es so, daß man weiter mit diesem HERZ- und LIEBESGEFäHRTEN sprechen kann nämlich weiter Gespräche führen kann und vermutlich Antworten erwarten darf. Einer einstmals so stürmischen Aura, nicht wahr. Jetzt gestammelt gehimmelt, und weltweit.« Friederike Mayröcker wurde am 20. Dezember 1924 in Wien geboren. Sie besuchte zunächst die Private Volksschule, ging dann auf die Hauptschule und besuchte schließlich die kaufmännische Wirtschaftsschule. Die Sommermonate verbrachte sie bis zu ihrem 11. Lebensjahr stets in Deinzendorf, welche einen nachhaltigen Eindruck bei ihr hinterließen. Nach der Matura legte sie die Staatsprüfung auf Englisch ab und arbeitete zwischen 1946 bis 1969 als Englischlehrerin an verschiedenen Wiener Hauptschulen. Bereits 1939 begann sie mit ersten literarischen Arbeiten, sieben Jahre später folgten kleinere Veröffentlichungen von Gedichten. Im Jahre 1954 lernte sie Ernst Jandl kennen, mit dem sie zunächst eine enge Freundschaft verbindet, später wird sie zu seiner Lebensgefährtin. Nach ersten Gedichtveröffentlichungen in der Wiener Avantgarde-Zeitschrift "Plan" erfolgte 1956 ihre erste Buchveröffentlichung. Seitdem folgten Lyrik und Prosa, Erzählungen und Hörspiele, Kinderbücher und Bühnentexte.

Rezension aus FALTER 12/2001

Friederike Mayröckers "Requiem für Ernst Jandl" gibt Aufschluss über ein Zusammenleben, das in der Weltliteratur nicht seinesgleichen hat.

Diese Schrift lässt sich nicht "ankündigen" oder gar "besprechen": Sie entzieht sich nicht nur durch ihren traurigen Anlass, sondern auch als literarische Form, in ihrem elegischen Grundton, dem wertenden Vokabular. Und doch sollten Worte gefunden werden, die dem Text mit der Dezenz begegnen, die ihn auszeichnet: "Wo deine Seele blutet, sagt Elke Erb, wie solltest du da nicht Worte finden, sagt Elke Erb, zwischen Mongolei Melancholie Monochromie und grünen Passanten, sendet er dir nicht die Fülle von freundlichen Seelen dass sie rund um dich, ich meine dich in einem Halbkreis, dir die Hände halten."

Und so findet Friederike Mayröcker auch Worte, die trotz des Schmerzes, der sie begleitet, nie der klaren Sicht auf die Dinge entraten, die alles deutlicher und lebendiger und auf unpathetische Art freundlicher macht: die Schuhe in den Regalen, das Gewand, die Schirmkappe, die Brille und das Schweizermesser.

Das Buch besteht vor allem aus zwei etwas längeren Prosastücken, von denen eines, das eigentliche Requiem, den Titel "will nicht mehr weiden" hat, während das anderemit "the days of wine and roses" überschrieben ist und sich mit einem Bericht an eine Person ("Leo N.") im Stil der großen Prosa der letzten Jahre richtet. Ein Text zu "ottos mops" aus dem Jahre 1976, zwei Gedichte und vor allem eine Erinnerung an ein Gedicht Jandls und eine zu diesem gehörige Paraphrase zeugen von der eigentümlich undramatischen Intensität des gemeinsamen Lebens, das fast fünfzig Jahre währte, eine einmalige Verbindung, zu der sich in der Geschichte der Weltliteratur nichts Vergleichbares findet.

In fast jeder Zeile dieser Schrift wird manifest, wie für beide Leben Schreiben bedeutete, und so liefert das Buch auch Einsichten in die Poetik sowohl Ernst Jandls als auch Friederike Mayröckers, so etwa wenn "er" Francis Bacon zitiert, der meinte, dass der "Künstler in seinem Werk dem Zufall gehörigen Raum geben", aber doch einen "höchsten Grad von Genauigkeit anstreben sollte". Dies sei auch ihrer beider Maxime gewesen.

Der Text ist schön, weil er nichts beschönigt. Da ist von Jandls Krankheit die Rede, von depressiven Phasen, von Phasen der Überaktivität, von der Einsamkeit der Schreibenden, in dessen Wohnung sich die Blätter stapeln, "hingeworfen in Selbstverachtung, Selbstzerfleischung, Egalität". Das Gedicht, dessen sich Friederike Mayröcker mit liebevoller Akribie erinnert, bannt diesen Zustand mit bezwingender Einfachheit in ein Bild:

"in der küche ist es kalt
ist jetzt strenger winter halt
mütterchen steht nicht am herd
und mich fröstelt wie ein pferd."

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 16)


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