Samuel Beckett
Eine Biographie

von James Knowlson

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Übersetzung: Wolfgang Held
Vorwort: James Knowlson
Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Umfang: 1114 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.05.2001

Als Samuel Beckett, einer der innovativsten und einflußreichsten Autoren des 20.Jahrhunderts, 1989 starb, war er weltberühmt. Spät – erst mit der Pariser Uraufführung von En attendant Godot 1953 – richteten sich die Scheinwerfer auf den öffentlichkeitsscheuen Autor.Beckett, 1906 geboren, studierte in Dublin und in Paris, wo er sich James Joyce anschloß. Ein erster Band mit Erzählungen erschien 1934. Drei Jahre später verließ er Irland für immer und zog nach Paris, aus dem ihn die deutsche Besatzung vorübergehend vertrieb. Verlage wagten sich an seine Bücher kaum heran – bis der Erfolg des Godot diesen und den materiellen Schwierigkeiten ein Ende bereitete. Jedoch um sein Schreiben, um eine Verfassung, die ihm das Schreiben überhaupt erlaubte, hat Beckett ein Leben lang gerungen.James Knowlson, der das Beckett-Archiv in Reading aufbaute, hat Becketts Werk mehr als dreißig Jahre erforscht. Mehr als zwanzig war er mit dem Autor befreundet. Ein halbes Jahr vor seinem Tod autorisierte Beckett Knowlsons Biographieprojekt: Er »ist der, der mein Werk am besten kennt«. Auch zu Becketts Leben förderte Knowlson viel Unbekanntes ans Licht. So erhielt er als erster Zugang zu den aufregenden Tagebüchern von Becketts Deutschlandreise 1936/37. Mit seinen umfassenden Kenntnissen kann er zeigen, wie auch Becketts spätere Werke, die biographische Anspielungen eher vermeiden, in Leben und Denken des Autors verwurzelt sind.Fünf Jahre nach der englischen Erstveröffentlichung erscheint James Knowlsons große, definitive Biographie Samuel Becketts im Suhrkamp Verlag, der das Werk des irischen Nobelpreisträgers seit einem halben Jahrhundert deutsch in vielen (oft zwei- und dreisprachigen) Ausgaben Der Schriftsteller, Übersetzer und Pianist Wolfgang Held wurde am 15. August 1933 in Freiburg im Breisgau geboren. Er promovierte 1961 mit einer Arbeit über Georg Trakl. Von 1961-73 arbeitete er als Lektor für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) an den Universitäten Madras (Chennai), Ljubljana und Edinburgh. Danach wurde er Senior Lecturer an der Greenwich University (früher Thames Polytechnic) in London, wo er ab 1973 lebte. Sein literarisches Werk besteht aus Romanen, Essays sowie Prosa- und Gedichtübersetzungen. Seine Romane umspannen die Karriere als Schriftsteller von 1965 (Die im Glashaus) bis 2014 (Schattenfabel). Es erschienen außerdem Die schöne Gärtnerin (1979), Ein Brief des jüngeren Plinius, Rabenkind (1985), Geschichte der abgeschnittenen Hand (1994) und Traum vom Hungerturm (2007). Helds Werk erfuhr Anerkennung unter anderem durch Einladungen zu literarischen Veranstaltungen (Treffen der Gruppe 47 1965, Wettbewerb zum Ingeborg-Bachmann-Preis 1983) und die Verleihung des Literaturpreises des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie (1983). Durch seine Übersetzungen für Suhrkamp brachte Held Schlüsselfiguren der englischen und irischen Literatur einer breiteren deutschen Öffentlichkeit näher. Zu den übersetzten Werken gehören eine Biographie zu und Schriften von Samuel Beckett, eine Biographie zu Bernard Shaw, eine Biographie und Briefe von T.S. Eliot und Gedichte von Emily Bronte, John Donne, John Keats, Robert Graves, Edgar Allan Poe. Seine Bewunderung für E. T. A. Hoffmann inspirierte sein einziges Theaterstück Hoffmanns Verbrennung, für das er 1994 den Berganzapreis erhielt. Das Stück wurde 2015 mit Bühnenbildern aus seinem auf Hoffmanns Werk basierenden Collagenzyklus in Bamberg uraufgeführt. Text und Collagen wurden 2015 bzw. 2013 veröffentlicht. Helds Liebe zur Musik und Kunst war für seine Arbeit von zentraler Bedeutung. Als Pianist gab er Konzerte in Madras (Chennai), Bamberg und privat in London.  Er schrieb eine Reihe von Sendungen für SWF und NDR, die er mit eigenen Einspielungen von Lieblingskomponisten wie Bach, Schubert und Schumann illustrierte. Held verstarb am 11. Dezember 2016 in London.

Rezension aus FALTER 41/2001

James Knowlson hat sieben Jahre gebraucht, um die über tausend Seiten starke Biografie über seinen Freund Samuel Beckett zu schreiben. Im "Falter"-Interview spricht Knowlson über die Liebe des Dichters zum weiblichen Geschlecht, zum Whiskey und zum Boxsport.

Zugegeben, die Beckett-Biografie von James Knowlson hat ihre Längen, vor allem im ersten Drittel. Wer den Schmöker ob seiner anfänglichen Langatmigkeit zur Seite legt, ist freilich selber schuld, denn der weltweit führende Beckett-Experte bietet faszinierende Einblicke in das Seelenleben des irischen Nobelpreisträgers. Samuel Beckett erscheint in Knowlsons Band als verzweifelt Suchender, nicht weiter überraschend, aber wir lernen den Schöpfer von Klassikern wie "Endspiel" oder "Warten auf Godot" auch als wackeren Whiskey-Trinker und schlagkräftigen Boxer kennen. Knowlson führt seine Leser nahe an Beckett heran, ohne eine voyeuristische Lesart zu unterstützen. Mit britischem Understatement breitet der gelernte Theaterwissenschaftler Fakten über Becketts Leben aus, die man so noch nicht kannte.
Im Zuge seiner Recherchen konnte sich Knowlson auf reichhaltiges Material stützen. Als erster wertete er Briefe und Tagebücher des Dichters aus, er sprach mit Freunden und Verwandten und konnte Beckett in den Monaten vor dessen Tod noch eingehend interviewen. Das Resultat: eine Biografie, die ihresgleichen sucht. James Knowlsons Wälzer vermag neben den Meisterwerken der angelsächsischen Biografik absolut zu bestehen.

Falter: Samuel Beckett hat Biografien gehasst, Mister Knowlson. Jetzt haben Sie eine vorgelegt. Gewissensbisse?

James Knowlson: Aber woher denn?! Samuel Beckett selbst hat mich autorisiert, seine Biografie zu schreiben. Er wusste, dass sich irgendwann nach seinem Tod jemand über sein Leben hermachen würde, um daraus eine Biografie zu destillieren. Und da war es ihm natürlich lieber, dass das jemand macht, der sein Werk kennt. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Menge über ihn und seine Arbeiten publiziert und deshalb schien ich ihm genau der richtige Mann zu sein.

Falter: Sie waren mit Beckett befreundet?

James Knowlson: Ja. Als ich in den späten Achtzigerjahren mit der Arbeit an meinem Buch begann, kannte ich ihn bereits seit zwanzig Jahren.

Falter: Sie bieten überraschende Einblicke in Becketts private Vorlieben und Neigungen. In seiner Jugend zum Beispiel war er ein exzellenter Sportler.

James Knowlson: Das kann man sagen. Er brillierte in mehreren Disziplinen. Im Zuge meiner Recherchen habe ich einen alten, beinahe 90-jährigen Mann kennen gelernt, der mir erzählte, dass er in seiner Jugend von Samuel Beckett im Boxen geschlagen worden wäre. "Er hat mich aus dem Ring geblasen", so formulierte es dieser Mann. Aber Beckett besaß viele Talente: Er spielte auch Crickett und Rugby, er spielte Golf für das Trinity-College, und er war ein passabler Schachspieler, man kann ihn also durchaus als Allround-Sportler bezeichnen.

Falter: Man stellt sich Beckett für gewöhnlich als menschenscheu und eher schwierig vor. Ein unzutreffendes Bild?

James Knowlson: Na ja, es ist richtig, dass er oft unter Verzweiflungszuständen und Depressionen litt. So notierte er 1931 in einem Brief: "Ich fühle mich nichtswürdig, schmutzig und untauglich." Das ist so ein typischer Beckett-Satz, und solche Statements findet man immer wieder in seinen Schriften. Aber auf der anderen Seite war er charmant und leutselig, großzügig und humorvoll. Wenn er in der richtigen Stimmung war, konnte er sogar richtiggehend witzig sein, wobei ich seinen Humor als "extra dry" bezeichnen würde. Die Leute sehen ihn gern als Melancholiker, als Depressivling, als eine Art Heiligen des Nihilismus, aber das war er nur zum Teil. Im Grunde war er ein Mensch wie Sie und ich: Er liebte lange Spaziergänge, er trank täglich sein Guiness, manchmal auch zwei oder drei, und er verzichtete ungern auf seinen 5-Uhr-Whiskey.

Falter: In dieser Beziehung war er ein echter Ire?

James Knowlson: Absolut. Bis zu seinem Tod fühlte er sich als Ire. Aus Beckett ist nie ein richtiger Franzose geworden, obwohl er sein halbes Leben in Frankreich verbracht hat.

Falter: Der sprichwörtliche Nationalismus seiner Landsleute war ihm aber fremd.

James Knowlson: Beckett verstand sich als Europäer. Er fühlte sich der deutschen und der französischen Kultur genauso verpflichtet wie der englischen und der irischen. Deutsche Musik hat er über alles geliebt: Schubert, Mozart, Haydn ...

Falter: Sie meinen, österreichische Musik.

James Knowlson: Ja, ja, verzeihen Sie ... Seine große Liebe gehörte Schubert. Wenn er die "Winterreise" hörte, vergaß er alles andere ringsherum.

Falter: Wie würden Sie Becketts Verhältnis zu Joyce beschreiben?

James Knowlson: Er lernte Joyce mit 22 Jahren in Paris kennen. Er verehrte den Autor des "Ulysses" über alles, er bewunderte ihn, wie man wohl nur mit Anfang zwanzig bewundern kann. Er äffte Joyces Art, sich zu kleiden, nach und nahm einige seiner Ticks und Gewohnheiten an: das Tragen von zu engen Schuhen, eine bestimmte Art, die Zigarette zu halten ... Eine Zeitlang durfte er Joyce auch bei der Arbeit an "Finnegans Wake" zur Hand gehen: Der Meister diktierte ihm und ließ sich von ihm vorlesen, um seine Augen zu schonen. Joyce war zu dieser Zeit ja schon stark kurzsichtig.

Falter: Nach einiger Zeit kam es zum Bruch.

James Knowlson: Das war unvermeidlich. Beckett hat früh begriffen, dass er sich von Joyce befreien muss, wenn er selbst Schriftsteller werden will. 1931 schrieb er einen wunderbaren Brief an einen seiner Freunde: "Ich werde Joyce verlassen, yes, Sir!" Zu diesem Zeitpunkt hat Beckett schon begriffen, dass er seine eigene Welt entdecken muss.

Falter: Joyce war nicht der einzige Autor, der maßgeblichen Einfluss auf Beckett ausgeübt hat, Sie arbeiten das in Ihrem Buch sehr schön heraus.

James Knowlson: Er hat natürlich auch Dante eine Menge zu verdanken, das ist bekannt. Vor allem das Dante'sche Purgatorium kehrt in der Beckett'schen Welt auf eigenwillige und wundersam verkleidete Weise wieder. Auch hier gilt das schöne Wort von Picasso: "Ein Genie borgt nichts, es stiehlt."

Falter: Beckett hat eine Menge gestohlen?

James Knowlson: Sagen wir so: Er hat sich das poetische Material anderer Autoren einverleibt und in die Welt seiner Dichtungen integriert. Beckett hat sich zeitlebens als Schüler, als Lernender verstanden. Seine Idole waren Dante und Joyce, Goethe und Heine, Hölderlin und Yeats – von diesen Autoren hat er gelernt. Aber er wurde sehr bald zu seinem eigenen Meister. "Warten auf Godot", "Endspiel", "Das letzte Band" ..., diese Texte hat niemand anderer schreiben können als Samuel Beckett.

Falter: Wie war sein Verhältnis zur Religion? Seine Gegner – vor allem aus dem christlichen Lager – haben ihm ja zeitlebens seinen Atheismus und die tief empfundene Hoffnungslosigkeit seiner Stücke zum Vorwurf gemacht.

James Knowlson: In gewisser Weise war Beckett ein profunder Agnostiker, aber man kann ihn genauso gut als spirituellen Menschen beschreiben. Für ihn gab es keinen Konflikt zwischen den beiden Haltungen, er konnte beides miteinander verbinden. Wenn ich einen Begriff für Becketts religiöse Haltung wählen müsste, würde ich sagen: Er war ein spiritueller Agnostiker.

Falter: Seine Haltung zum Christentum war aber eher distanziert?

James Knowlson: Er verlor seinen Glauben als Student, vielleicht auch schon vorher. Aber die christliche Tradition hat tiefe Spuren in seiner Persönlichkeit und seinem Werk hinterlassen. Dafür gibt es mehrere Indizien: Er konnte auch im Alter noch zahlreiche Bibelstellen auswendig hersagen, er hat sich intensiv mit Mystikern wie Meister Eckhart beschäftigt und er hat das Lukas-Evangelium gleich in mehreren Texten zitiert. Oder nehmen Sie ein Stück wie "Warten auf Godot" – es steckt voller religiöser Anspielungen.

Falter: Zugleich war Beckett, wenn man Ihrem Buch glauben darf, irdischen Genüssen nicht abgeneigt.

James Knowlson: Er war kein Heiliger, beileibe nicht. Beckett wirkte stark auf Frauen, das ist bekannt. Er übte eine ungeheure Anziehung auf das weibliche Geschlecht aus, sein Charisma, seine Ausstrahlung wirkten offenbar erotisierend.

Falter: Samuel Beckett, ein Womanizer?

James Knowlson: (Lacht:) Er war kein Kostverächter. Im Zuge meiner Recherchen habe ich mindestens zwanzig Frauen getroffen, die Becketts Geliebte gewesen waren.

Falter: Ein treuer Liebhaber scheint er allerdings nicht gewesen zu sein.

James Knowlson: Sexuelle Treue genoss nicht die höchste Priorität in Becketts Leben, das kann man wirklich nicht behaupten. Für ihn waren anderen Dinge wichtig: Freundschaft und Loyalität vor allem. Beckett war einer der loyalsten Menschen, die ich jemals kennen gelernt habe. Wenn er einmal Ihr Freund war, konnten Sie sich auf ihn verlassen – felsenfest. In dieser Beziehung war er treu. In anderer eben nicht.

Falter: Die 68er-Linke hat Beckett als "apolitisch" abqualifiziert. Zu Recht?

James Knowlson: Ganz und gar nicht. Beckett war ein hochpolitischer Mensch. Im Grunde ist seine politische Haltung auf einen einfachen Nenner zu bringen: Seine Sympathien gehörten den Underdogs, den Verlierern, den Tramps ... Das drückt sich auch in seinen Theaterstücken und Büchern aus.

Falter: War er seinem Selbstverständnis nach ein Linker?

James Knowlson: Er stand eindeutig links. Er verstand sich als "antiestablishment". Die Nazis hat er ebenso gehasst wie die stalinistischen und poststalinistischen Regimes in Osteuropa. Ich würde sagen, er war ein Antitotalitarist aus tiefster Überzeugung.

Falter: Sie haben sieben Jahre an Ihrer Beckett-Biografie gearbeitet ...

James Knowlson: In dieses Buch ist der Schweiß mehrerer zehntausend Arbeitsstunden geflossen. Man macht sich keinen Begriff, wie aufwendig die Arbeit an so einer Biografie ist.

Falter: Sie haben keine Lust, eine weitere zu schreiben?

James Knowlson: Gott bewahre! Die Biografie über Beckett war meine erste und meine letzte, darauf können Sie Gift nehmen!

Günter Kaindlstorfer in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 6)


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