Die zahnlose Zeit
Prolog: Die Schlacht um die Blaubrücke. Roman

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 26.02.2001

Niederlande, Amsterdam, 1980, 29./30. April, Königinnentag, Juliana dankt ab, Beatrix tritt ihre Nachfolge an. Am 30. April wird nicht nur der Geburtstag von Juliana begangen – an diesem Tag hat auch Albert Egberts Geburtstag.Der wurde jedoch wegen demjenigen des Staatsoberhauptes nie gefeiert. Vielleicht ist das der Grund dafür, daß er nun ganz unten angelangt ist: Als Heroinsüchtiger verschafft er sich das Geld für die Droge, indem er Autos aufbricht.Doch in dieser Nacht vom 29. auf den 30. April paßt er nicht auf und wird von einem im Auto sitzenden Hund in den Arm gebissen. Dies ist der Anlaß, über die beiden Seiten des Lebens, Vergangenheit und Zukunft, nachzudenken. Die Gegenwart drängt sich sowieso ungewollt in sein Leben: Albert Egberts gerät an die Spitze des Demonstrationszuges gegen die Krönung und kämpft an vorderster Front bei der Schlacht um die Blaubrücke.Auch in diesem Roman entfaltet A. F. Th. van der Heijden ein äußerst facettenreiches Kaleidoskop, in dem sich die Ereignisse einer Nacht und eines Tages durch die Perspektive aus der Vergangenheit und in die Zukunft zu einem vielschichtigen Bild des Lebens zusammenfügen. Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden wurde am 15. Oktober 1951 in der Nähe von Eindhoven geboren. Er übersiedelte nach dem Abitur (1969) und einem abgebrochenen Psychologiestudium nach Amsterdam, wo er mit Unterbrechungen bis heute lebt. 1979 debütierte er mit dem Erzählungsband Eine Gondel in der Herrengracht. Adri van der Heijden ist durch seine weitgespannten, raffiniert konstruierten, spannend-realistischen Romane zum Chronisten der Nachkriegszeit in den Niederlanden geworden. In seiner Literatur wird für alle nachvollziehbar die Zeit von 1945 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts lebendig. Auch in Deutschland gilt er als überragender Erzähler, als »der wohl sprachmächtigste Dichter, den die Niederlande augenblicklich besitzen, der mit Sicherheit sinnlichste, der nun seit fast zwanzig Jahren stampfend, dampfend den Weg vom Himmel durch die Welt der Kloake ausmistet und ausmißt, ein Saft- und Kraftgenie, wie Holland es seit dem Barock nicht mehr hatte«. (Der Tagesspiegel) Diese Anerkennung verdankt sich den Romanen Die Schlacht um die Blaubrücke (deutsch 2001), Fallende Eltern (deutsch 1997), Der Anwalt der Hähne (deutsch 1995), Das Gefahrendreieck (deutsch 2000), Der Widerborst (deutsch 1993), Der Gerichtshof der Barmherzigkeit (deutsch 2003) sowie Unterm Pflaster der Sumpf (deutsch 2003). Der Autor fasste den Zyklus unter dem Titel Die zahnlose Zeit zusammen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts eröffnete van der Heijden mit Die Movo-Tapes (deutsch 2007) eine neue Romanreihe. »Der lang erwartete Auftakt zu van der Heijdens neuem Zyklus. Völker, macht Platz in den Regalen!« (Elmar Krekeler, Die Welt) 2007 erschien auf deutsch die »transatlantische Tragödie« Das Scherbengericht. Am Pfingstsonntag 2010 starb das einzige Kind van der Heijdens und seiner Frau Mirjam nach einem Verkehrsunfall. In dem 2011 auf niederländisch und deutsch erschienen »Requiemroman« Tonio setzt er seinem Sohn ein herzzerreißendes Denkmal: Ein Roman, der belegt: angesichts des Todes ist Literatur überlebensnotwendig. Das Werk A. F. Th. van der Heijdens wurde vielfach ausgezeichnet; genauso wie Helga van Beuningen für ihre überragenden Übersetzungen dieses Werks.

Rezension aus FALTER 12/2001

A.F.Th. van der Heijden schickt seinen Helden in eine Straßenschlacht.

Die Romane des A. F. Th. van der Heijden beginnen oft mit schönen Beispielen für die Verkommen- und Heruntergekommenheit ihrer Helden: einsetzendes Quartalssäufertum ("Der Anwalt der Hähne"), Reliquiendiebstahl ("Fallende Eltern"), kindliche Tierquälerei ("Das Gefahrendreieck"). Der soeben erschienene "Prolog" zu dem Romanzyklus "Die zahnlose Zeit" trägt den Titel "Die Schlacht um die Blaubrücke" und führt uns Albert Egberts beim Versuch vor, Autos zu knacken. Pech für ihn: Vor dem Königinnentag, der mit Alberts 30. Geburtstag zusammenfällt, wurden ganze Stadtteile autofrei gemacht; und als Egberts endlich einen Fiat 133 aufkriegt, entpuppt sich dieser als Behindertenfahrzeug, was a) Egberts Restgewissen und b) sein Gedächtnis mobilisiert, darüber hinaus aber c) einen Hundebiss zur Folge hat.

Die Ereignisse öffnen plötzlich eine Tür in die Vergangenheit, und in langen Rückblenden, die zwischen wenige Sekunden gegenwärtiger Handlung geschoben sind, eröffnet sich auch jener Gedächtnisraum, der Albert seinerzeit sein "Leben in die Breite" ermöglichte. Im Zeitraum von einer Nacht und einem Tag begegnet er in der Erinnerung und der Realität Personen aus der Vergangenheit, Zeugen der eigenen Schmach.

Die Klimax des Romans ist die titelgebende Schlacht zwischen militanten Demonstranten und der Polizei. Es hagelt Steine, Schläge und Tränengasgranaten; Albert gerät genau zwischen die Fronten und findet sich plötzlich mit einem Stein in der Hand unter einem Hubschrauber, der unmittelbar über seinem Kopf steht: "Schleuderte ich jetzt, wie ich so inständig gebeten wurde, meinen Stein in die Rotorblätter, würde es Menschenleben kosten, doch nie, nie, nie würde sich dieser pseudoamerikanische Sturzflug abstreiten lassen."

Mit Albert Egberts vertraute Leser können sich ausrechnen, wie die Sache ausgeht. Sie sollten ihre Hypothese aber unbedingt überprüfen. Und auch allen anderen sei geraten, die Tür zum Romankosmos des A. F. Th. van der Heijden aufzustoßen und auf diese Weise ein Leben in die Breite zu beginnen.

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 9)


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