Der fernste Ort

von Daniel Kehlmann

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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 152 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.09.2001

Rezension aus FALTER 38/2001

Der Held aus Daniel Kehlmanns jüngstem Roman "Der fernste Ort" verlässt Zug und Wirklichkeit auf offener Strecke.

Diese literarische Bubenbande! Kaum löste man sich aus der Fessel von Thomas Glavinics "Kameramörder", verloren sich die Friktionen der letzten Unverschämtheiten Martin Amanshausers oder Franzobels, die Schauer von Ernst Moldens Naturromantik etc., da gerät man in die Fänge von Daniel Kehlmanns "Fernstem Ort". Das Buch ist bereits Kehlmanns dritter Roman, und der Autor ist erst 26; seine Kollegen sind auch nicht viel älter. Eine neue, genaue Diskussion über das in Österreich schnell verachtete "reine" Erzählen (mit seinen ästhetischen und ökonomischen Implikationen) wäre angebracht. Glavinics und Kehlmanns narrative Positionen bzw. Qualitäten lassen sich gewiss nicht mit Köhlmeier wegschimpfen.

Der "Fernste Ort" ist Kehlmanns bislang konsequentester und bester Roman, weil er die Mittel von Zauberei ("Beerholms Vorstellung", 1997) oder Wahn ("Mahlers Zeit", 1999) nicht mehr braucht, um die unendlichen Räume hinter der approbierten Realität zu öffnen. Wahrscheinlich haben die Romane des Autors auch deshalb so prompten Erfolg, weil das Aufgeben der Wirklichkeit eine Art letztes Traum- und Freiheitsversprechen enthält.

Julian, ein noch junger Mann, geht der Wirklichkeit allmählich verloren. Nach einem Badeunfall gibt er der großen Versuchung nach, als Totgeglaubter aus dem Leben der anderen zu verschwinden. In einem ausgreifenden Rückblick auf seine bisherige Existenz wird gezeigt, dass Julian von Anfang an nicht richtig anwesend war. In einem Nachtzug Richtung Osten verlässt er endgültig das Koordinatensystem der Realität.

Kehlmann entwickelt konsequent eine subrationale Erzählweise. Julians Erlebnisweise ist die der besinnungsfreien Sinneswahrnehmung. Die Details der Außenwelt sind so nahe, dass der Blick aufs Ganze nicht mehr möglich ist. Die Wirklichkeit reicht nur bis zur Netzhaut; das Gehirn, Entstehungs- und Heimstätte von Wirklichkeit, erreicht sie nicht. So wird die Welt nicht nur unerklärlich, sondern auch unheimlich. Der Leser verliert die Souveränität dessen, der versteht. Träumt Julian? Ist er verrückt? Ist er tot?

Die Antworten werden zunehmend unwichtig angesichts der Unmittelbarkeit, in der wir erleben, wie die Wirklichkeit unhaltbar wird. Die Verstehbarkeit des Vorgangs wird von seiner Erlebbarkeit überholt, eine Qualität aller guten Literatur. Mehr noch: Solche Erlebbarkeit basiert wesentlich auf Unverstehbarkeit.

Psychologisch gesehen wäre Julian ein Verwandter bisheriger Kehlmann-Helden: nicht richtig eingerastet in die Konventionen, ungreifbar für die Sachzwänge; ein Unpassender mit Versagerhabitus, Traumaussichten und (letalen) Freiheitschancen: Das reicht nicht für eine der praktikablen Biographien.



Julian wartet in einem Bahnhofscafé auf die Abfahrt seines Nachtzugs. Die Kellnerin nimmt seine Rufe nicht mehr wahr, vor dem Fenster führt ein Blindenhund seinen Herrn in die Irre. Julian verlässt das Lokal. "Er breitete langsam die Arme aus. Er atmete ein und hielt die Luft an. Dann schloss er die Augen und ging los." Die letzte Freiheit beginnt: der Wirklichkeit nicht mehr achten zu müssen, den Atem nicht mehr zu brauchen. (Als Motto hat Kehlmann dem Roman zwei Zeilen von Vladimir Nabokov vorangestellt: "Er atmete nicht mehr, er war abgereist - / wohin, in welche anderen Träume, weiß niemand.") Auf der Fahrt wird der Julian noch all seiner Mittel beraubt. Er verlässt den Zug auf offener Strecke und steckt im Schnee wie Kafkas Landvermesser. Ein kleiner Bahnhof tut sich auf, der Bahnhofswärter kündigt ihm seinen Zug an. "Ich weiß", sagt Julian, der mit Wirklichkeit und Erklärbarkeit abgeschlossen hat.

Kehlmann hat die Erzählung genau komponiert: Plangemäß wird der Leser zum Opfer, ohne dass sich der Plan irgendwo aufdrängte. Der Zerfall der Wirklichkeit wird nicht als erzählerischer Trumpf ausgespielt, verwirrend sacht organisiert, mit leitmotivischen Verweisen erzählt. Der Autor führt weniger den Psychofall eines Wirklichkeitsverlusts vor, als dass er seine erzählerischen Mittel am Ernstfall erprobt. Das gelingt ihm so gut, dass es schon fast wieder frivol ist.

Helmut Gollner in FALTER 38/2001 vom 21.09.2001 (S. 66)


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