Hellblau
Roman

von Thomas Meinecke

€ 21,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 336 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.09.2001

Tillmann verbringt den Sommer in North Carolina. Ein Hurrikan zieht auf. Ein Leuchtturm wird verschoben. Auf dem Meeresboden ruhende Kriegsschiffe bilden die Kulisse für Tauchgänge. Ein hellblauer Badeanzug, ein westafrikanisches Gewand, in Form gebrachte Augenbrauen. Reagan besucht Bitburg. Jüdische Jungen, die den Blues singen, der Antisemitismus der Black-Power-Bewegung und die »Frauen fremder Völker«. Abschiebungen von Asylbewerbern, Streit um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern, schwarze Aliens. Chicago, Detroit, Mannheim, Berlin, Krakau. Das ist der Kosmos des neuen Meinecke.Nachdem der Autor in The Church of John F. Kennedy Konzepte nationaler Identität in Frage gestellt und seine Figuren im Roman Tomboy in »gender trouble« gebracht hat, kreiselt Hellblau um die Konstruktion ethnischer Identität. Was ist ein Europäer, Afrikaner, Amerikaner, der jüdische Mann? Welche Folgen hat der transatlantische Sklavenhandel für die heutige Technomusik? Was – überhaupt – kann eine Technoplatte erzählen? Und wie politisch ist das? Inwiefern kann die Sängerin Dana International als ehemaliger Junge den Staat Israel beim Grand Prix de la Chanson repräsentieren? Und welche Farbe hat eigentlich Mariah Carey? Tillmann und seine Freundinnen Yolanda und Cordula tauschen E-Mails, Faxe, Platten und Bücher aus. Meinecke vernetzt die Perspektiven seiner Denk-Figuren zu einem polyphonen Textgeflecht. Thomas Meinecke wurde 1955 in Hamburg geboren, lebte ab 1977 in München und zog 1994 in ein oberbayrisches Dorf. Von 1978 bis 1986 war er Mitherausgeber und Redakteur der Avantgarde-Zeitschrift Mode & Verzweiflung, in den Achtzigerjahren schrieb er Kolumnen für die ZEIT, ab 1986 veröffentlichte er Erzählungen und zahlreiche Romane, zuletzt den Roman Selbst (2016) im Suhrkamp Verlag. Außerdem war er von 2007 bis 2013 Kolumnist für das Berliner Magazin Groove. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Düsseldorfer Literaturpreis (2003) und dem Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst (2008). Im Wintersemester 2012 hatte er die Poetikdozentur an der Goethe-Universität Frankfurt inne, 2014 war er Writer in Residence an der Queen Mary University in London und 2016 Fellow am IFK in Wien. Die Frankfurter Vorlesungsreihe mit dem Titel Ich als Text ist anschließend in der edition suhrkamp erschienen. Thomas Meinecke ist außerdem Musiker und Texter in der 1980 von ihm mitgegründeten Band Freiwillige Selbstkontrolle (FSK), Radio-DJ in seiner Sendung Zündfunk Nachtmix (BR 2) und hat auch als Solokünstler Platten aufgenommen.

Rezension aus FALTER 49/2001

Noch stärker als den beiden Vorgängern "Church of John F. Kennedy" (1996) und "Tomboy" (1998) - aus dem er ein Jahr davor beim Bachmann-Wettbewerb gelesen hatte und preislos blieb - geht dem Roman "Hellblau" des 46-jährigen deutschen Autors, Musikers (FSK) und Radiomachers ("Zündfunk") Thomas Meinecke eine nacherzählbare Handlung ab. Fünf Personen - Tilmann und Yolanda sitzen in North Carolina, Yolanda in Chicago, Heinrich und Cordula in Berlin - tauschen via E-Mail, Telefon und in so mancher realer Begegnung Informationen aus. Das wars.

Dennoch transportiert Meinecke eine gewaltige Menge an Inhalten. Seine Figuren berichten einander von ihren neuesten Entdeckungen in alten Büchern und auf obskuren Websites. Man erfährt von jüdischen Jazzern, die sich nicht nur schwarz fühlen, sondern auch so nennen, ebenso wie von schwarzen Techno-Musikern, die an die Visionen der kühlen Düsseldorfer Elektronik-Götter Kraftwerk anschließen und sich Namen wie Dopplereffekt geben. Und die zusammengetragenen Informationen sind zum Großteil dermaßen interessant, dass dem Leser die Handlung bald überhaupt nicht mehr abgeht.

Eigentlich macht das Meinecke sehr geschickt: Er widmet sich jahraus, jahrein seinen Studien und Obsessionen, teilt die gewaltige Menge des frisch erworbenen Wissens anschließend auf fünf Personen auf, dreht sie dafür durch den literarischen Sample-Wolf und verkauft sie anschließend über das renommierte Frankfurter Suhrkamp-Label als Roman. Und beim Lesen macht der Zitate-Wirrwarr "Hellblau" auch noch erstaunlich viel Spaß.

Sebastian Fasthuber in FALTER 49/2001 vom 07.12.2001 (S. 76)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb