Die Vertreibung aus der Hölle

von Robert Menasse

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 30/2001

Führende Philosophen empfehlen neuerdings das Vergessen. Und was machen die Schriftsteller? Scheren sich einen Dreck drum und erinnern, was das Zeug hält. Robert Menasses knapp 500 Seiten umfassender Roman "Die Vertreibung aus der Hölle" steht da in einer auffälligen Kontinuität zur jüngsten österreichischen Literatur. Von allen Romanen, die in den letzten drei Jahren das Thema Shoah aufgegriffen haben, geht Menasse am weitesten zurück: bis ins Zeitalter der Inquisition, in dem Samuel Manasseh am 5. Dezember 1604 das Licht der Welt im Lichte der Scheiterhaufen erblickt. Auch die Geburtsumstände des 351 Jahre später auf die Welt gekommenen Viktor Abravanel sind um nichts weniger bedeutungsvoll: Seine Mutter bricht am 15. Mai 1955 bei der Staatsvertragszeremonie im Belvedere zusammen; der vermeintliche Arzt, der ihn mit dem Taschenmesser abnabelt, entpuppt sich als Fleischhauer.

Der Hang zum Skurrilen schießt auch dort übers Ziel hinaus, wo Viktor und dessen Jugendliebe Hildegund (seinerzeit Trotzkistin, mittlerweile mit einem katholischen Religionslehrer verheiratet und Mutter zahlreicher Kinder) nach der frühzeitigen Auflösung des 25-jährigen Maturatreffens alle Gänge auch für die 28 Abwesenden auftragen lassen. Die Verlesung der NSDAP-Mitgliedsnummern der Lehrer durch Viktor war übrigens, wie sich herausstellt, ein Schuss ins Blaue, der in zwei Fällen auch prompt getroffen hat.

Der gelegentliche Hang zur Überpointiertheit wird freilich durch eine Unzahl an gut recherchierten oder erfundenen Details und ein Personenarsenal wettgemacht, das neben den beiden Protagonisten, die mit einer auch spürbar gemachten Lebensunfähigkeit und Ängstlichkeit geschlagen sind (Viktor wird einmal treffend als "sexuell und finanziell nervös" beschrieben), zahlreiche, ganz unterschiedlich konturierte Nebenfiguren umfasst: die resolute Hildegund, in gewisser Weise die Parallelfigur zu Manassehs älterer, ungleich überlebenstüchtigerer Schwester Esther; Viktors im Alter rührselig werdenden Vater, der keine Nähe zu seinem Sohn herzustellen vermag; oder Onkel Erich, den Bruder von Viktors (nichtjüdischer) Mutter, der sich durch seine antisemitischen Parodien unwillkürlich ins Zerrbild eines Juden verwandelt und als solcher zum ersten Opfer des Antisemitismus in der 2. Republik wird - eine Figur wie aus einem Canetti-Roman.

Man könnte diese Aufzählung von Personen und Szenen, die im Gedächtnis des Lesers haften bleiben, noch sehr lange fortsetzen. In jedem Fall stellt sich zuletzt die Frage, ob das Material auch in eine Form gebracht worden ist, die die knapp 500 Seiten des Romans trägt. Die Antwort lautet: ja. Menasses Literatur gründet ganz wesentlich in der philosophischen Reflexion. Und oft bedauert man es auch, dass der Erzähler mit seinem Wissen so selten hinterm Berg hält, dem Leser auch noch die offenkundigste Pointe ausdeutscht (dass die infolge eines Beschneidungsunfalls gespaltene Eichel von Manasseh auch für "eine gespaltene Existenz" steht - auf diesen Hinweis etwa hätte man ganz gerne verzichtet).

So betrachtet war die Entscheidung, gleichsam die Flucht nach vorne anzutreten und die Tendenz zur narrativen Selbstbespiegelung zum ästhetischen Prinzip des Romans zu machen, wohl die richtige: Bis ins kleinste Detail finden sich Figuren, Szenen und Motive in den Lebensläufen von Samuel Manasseh und Viktor Abravanel gedoppelt. Dafür sind deren Schnittstellen durch Übergänge camoufliert, die eine Fortsetzung der laufenden Episode suggerieren, obwohl der Leser soeben um drei Jahrhunderte versetzt wurde. Auf diese Weise hält der Roman seine Konstruktion sichtbar und ist, was die Verknüpfung der beiden Erzählstränge anbelangt, überzeugender als Josef Haslingers "Vaterspiel" (2000), in dem die ebenfalls penibel recherchierte Vergangenheit (Naziverbrechen in Litauen) in ihren Konsequenzen unmittelbar in die Gegenwart des etwas jüngeren Protagonisten hineinragt.

Marlene Streeruwitz' Roman "Nachwelt." (1999) verweigert sich der erzählerischen Nachstellung der Shoah ostentativ und liefert die Recherchen über das Leben von Gustav Mahlers Tochter Anna ab, ohne diese in eine Biografie zu gießen. Norbert Gstrein entlarvt in "Die englischen Jahre" (1999) den Lebenslauf eines mythenumrankten Exilschriftstellers als Fälschung. Was noch schwerer wiegt: In seiner multiperspektivisch aufgefächerten Skepsis macht Gstreins Roman deutlich, dass die Nachforschungen notgedrungen ein Patchwork von Fakten und Fiktionen ergeben.

Bei Menasse äußert sich der Historiker Viktor Abravanel recht abfällig über die Oral History und deren "blödes Vertrauen in die Authentizität von Erinnerungslücken". Der Roman selbst reagiert auf diese Einsicht, indem er die begriffliche Anstrengung seiner Konstruktion nicht verbirgt und die Stellen der Gegenwart markiert, von denen aus der Tigersprung in die Vergangenheit gewagt wird. Einzige substanzielle Trübungen des Unterfangens: Die zum Teil schon recht abenteuerliche Verwendung der Tempora und die in der abhängigen Rede bunt durcheinandergewürfelten Konjunktive und Indikative hätte ein aufmerksameres Lektorat zumindest systematisieren können.

Klaus Nüchtern in FALTER 30/2001 vom 27.07.2001 (S. 54)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb