Natura morta
Eine römische Novelle

von Josef Winkler

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Josef Winkler geht auf einen römischen Markt und sieht dort Tod, Verwesung und Verfall.

Vanitas, vanitatum vanitas! Ob er über die indischen Domra, die römischen Marktverkäufer oder die Kärntner Bauern schreibt und norddeutsche Literaturpreise wie jüngst den Döblin-Preis verliehen bekommt, Josef Winkler ist und bleibt ein barocker, katholischer, österreichischer, gebannt auf Tod und Verwesung starrender Schriftsteller. Das ist das Fazit nach der Lektüre von "Natura morta", einem schmalen Buch, mit dem der Autor dort weitermacht, wo er den Faden zuletzt aus der Hand gelegt hatte. Die Geschichte, die er diesmal ausgewählt hat, ist so schrecklich wie die bisherigen Selbstmord- und Totschlaggeschichten, nur vielleicht einfacher, extrem reduziert auf einen sinnlosen, die Sinnlosigkeit stumm anklagenden Vorfall. Es gibt in diesem Buch keinen Erzähler, der irgendein Profil gewönne. Was beschrieben wird, wird mit scheinbar absoluter Objektivität beschrieben. Es ist ein maschinelles Auge, das alles registriert. Anstelle des Erzählers hätte man auch eine Kamera aufstellen können am Rand des Geschehens, das heißt am Markt auf der römischen Piazza Vittorio.Das Besondere an diesem Markt ist – in der Wirklichkeit, das Buch selbst bietet keinerlei derartige Erklärungen – seine Miserabilität. Es ist ein billiger Markt in der Nähe des Hauptbahnhofs, der überwiegend von Nichtitalienern frequentiert wird. Mit dem pittoresken, aber viel teureren Markt auf dem Campo dei Fiori hat er nichts gemein. Es ist kein Zufall und eine erste Einschränkung der Objektivität, dass Winkler den Markt auf der Piazza Vittorio und nicht den auf dem Campo dei Fiori als Beschreibungsobjekt ausgewählt hat. Treibt man sich (in der Wirklichkeit) am Campo dei Fiori herum, kann es geschehen, dass man auf einen Fotografen stößt, der die hübsch aufgeschichteten und gereihten Früchte und Fische fotografiert und den Leuten in den umliegenden Cafés seine ausgewogenen, die abstrakten Formen betonenden Fotos zeigt. Die Ästhetik dieses Fotografen ist das genaue Gegenteil der Ästhetik Winklers. Bei Winkler sind die Dinge, Tiere und Menschen verformt, zerstört, blutig, schmutzig, faulig, eitrig, invalid ... Sollten auf dem von Winkler beschriebenen Markt auch frische, saubere, wohlriechende, wohlproportionierte Dinge, Menschen oder Tiere vorkommen, so hat er diese nicht in seine Beschreibung aufgenommen. Im Grunde ist Winklers Ästhetik eine radikal subjektive, und sie wird bestimmt von österreichischen, in der Kindheit und späterhin gemachten Erfahrungen der Zerstörung und Verwesung. Natürlich ist dieses Österreichische insgeheim auch universal. Alles ist eitel, alles vergeht. Der Tod ist ein Skandal, und er steckt überall, in der Natur, in uns selbst. Es gibt eine luftige, leichte Art der Literatur und eine schwere, mineralische. Beide haben natürlich ihre Existenzberechtigung. Die Literatur Winklers gehört zur zweiten Art. Sein Handwerk erinnert an Einlegearbeiten, bei denen ein Plättchen neben das andere gesetzt wird. Die Satzgerüste, nüchtern konstruiert, werden mit zahlreichen, oft komplexen Attributen gefüllt, was den konkreten Satz oft unüberschaubar und das so sorgfältig Beschriebene schwer vorstellbar macht. Man verliert sich dann in der Beschreibung und "sieht" nichts mehr. In äußerster Konsequenz gehandhabt setzt dieser Stil die Einbildungskraft des Lesers außer Kraft. Ein wenig verhält sich der Autor Winkler wie ein aufsässiger Schüler, der die Schulaufgabe nicht verweigert, sondern sie übererfüllt und mit seinem Beschreibungseifer den Lehrer zur Verzweiflung treibt. Winkler schreibt sozusagen besser, als es der liebe Gott erlaubt.Was den Lesenden betrifft, der weder Gott noch Lehrer ist, so kann er sich beim Lesen von der funkelnden Schwere lösen und darauf verzichten, alle beschriebenen Details nachzuvollziehen. Er macht sich die Lektüre dann leichter, ähnlich wie bei Büchern, die eine spannende Geschichte erzählen und es einem erlauben, immer wieder einen Absatz oder eine Seite zu überspringen. Was die Geschichte betrifft, so ist es besser, sie nicht zu verraten. Nicht, weil einem sonst die Spannung verdorben wäre, sondern weil das, was Winkler erzählt, so geringfügig, das damit Gemeinte und Gesagte aber so gewaltig ist, dass man dem künftigen Leser dieses Wenige/Viele nicht auch noch wegnehmen will.

Leopold Federmair in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 18)


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