Der Lebenslauf der Liebe

von Martin Walser

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 33/2001

Auf über 500 Seiten geht Martin Walser der Liebe in Zeiten des Spätkapitalismus nach. Dabei müht er sich verzweifelt, seinen Figuren Authentizität zu verleihen.

Schon in meiner Jugend wollte ich mehr über die erotische Innenseite der Düsseldorfer Hochfinanz wissen. Was man in der Jugend begehrt, hat man im Alter in Fülle, und eine Überfülle wird mir nun durch Martin Walsers Roman "Der Lebenslauf der Liebe" zuteil: Susi und Edmund Gern sind ein reiches Paar, er macht Verträge und ist weltweit gut im Geschäft. Ihre Ehe dient nur der sexuellen Nahversorgung, er begann mit dem Fremdgehen, sie folgte ihm. Sie ist immer leicht eifersüchtig, er tröstet sie damit, dass sie unvergleichlich sei. Ihre Vorliebe gilt dem Exotischen - Salim, Shankar, Lotfi heißen die Auserwählten in der Zeit von 1962 bis 1972. Er ist bei drei Damen unterschiedlichen Alters abonniert, die er offenkundig nach dem Prinzip der Alliteration ausgesucht hat: Pudlich, Prellmann und Proll.

Neben diesen vergleichsweise stabilen Beziehungen gibt es auf beiden Seiten unzählige Exkursionen; vor allem Edmund lässt, um es volkstümlich auszudrücken, nichts anbrennen, während Susi mit Annoncen im Trüben fischt. Der erste Teil spielt 1987, da ist er 58, sie 56, aber das Alter hat noch nicht so richtig angeklopft. Doch brauen sich dunkle Wolken über seinem Haupt zusammen, und man ahnt: Die Börsenspekulation wird schief gehen. Im zweiten Teil (Handlungszeit: 1995) ist die Katastrophe da: Edmund verarmt total, sein Vermögen wird von den Banken geschluckt, er ist schwer krank (Parkinson, Blasenleiden) und stirbt. Bis zum Zusammenbruch konnte er - peinlicherweise - von seiner Leidenschaft nicht lassen.

Im dritten Teil (Handlungszeit 1999/2000) heiratet Susi den um 29 Jahre jüngeren marokkanischen Studenten Khalil, und das scheint auf seine Weise zu funktionieren: Das Buch schließt damit, wie Khalil, Susi und Conny, die mittlerweile 41 Jahre alte, geistig behinderte Tochter der Gerns, einander umarmen und schwören, immer beieinander bleiben zu wollen. Auch einen Sohn namens Andreas gibt es noch, der mit seinem Geschäftemachen dort anfängt, wo der Vater aufhörte - mit der totalen Krida. Dazu gibt es viele Figuren, die den Lebenslauf der Susi Gern begleiten, eine Romankomparserie, die in dem bei der Lektüre leicht vorhersehbaren Bedarfsfalle die Bühne betreten darf. Zu dieser gehören auch zunächst zwei, dann drei Katzen, die Susi mit je zwölf "Quarkfingern" füttert, der Basso continuo zur Geschichte von Glanz und Elend der Familie Gern.



Mich ärgert immer, wenn Reich-Ranicki es Romanfiguren zum Vorwurf macht, dass sie ihn nicht interessieren würden: Das ist kein Kriterium. Als bei der Lektüre des Romans dieser Vorwurf sich in mir artikulierte, pfiff ich mich immer wieder zurück - vergeblich. Diese Gestalten ließen mich kalt - in Glück und Unglück. Sie kommen aus der Retorte, tun aber immer so, als wären sie wirklichste Wirklichkeit. Selten wird etwas anschaulich, und es scheint, als müsste man, um etwas anschaulich zu machen, Illustrationen aus dem Stern mitdenken.

Walser lässt kein Mittel ungenutzt, um Authentizität herzustellen. Sachkundig soll die Rede über Medizinisches, Ökonomisches, Erotisches dahingleiten. Politisches - man denke an den Handlungszeitraum! - ist so gut wie draußen, und das kann man bei Martin Walser auch als sublime Absicht deuten. Aber sonst wird so gut wie nichts ausgelassen, vor allem wird jedes Motiv bis zum Überdruss wiederholt. Das kann ein Kunstmittel der Epik sein, aber in dieser Penetranz zermürbt das Verfahren die Geduld des Lesers. Gewiss, Walser ist ein vortrefflicher Satiriker - aber wem gilt diese Satire? Ein rheinischer Bankrotteur und die in ihrer Unerlöstheit an die Senta im "Fliegenden Holländer" erinnernde Frau sind kein Grundkapital, das satirische Zinsen trägt.

Was der Schilderung an Eindringlichkeit abgeht, wird durch Drastik ersetzt: Der zweite Teil geht mit der Unappetitlichkeit so abundant um, dass er den krassesten Naturalismus vergessen macht. Abgesehen davon, dass mein Bedürfnis am deutschen Naturalismus mit Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel" ohnehin mehr als befriedigt ist, lässt einen dieser Umgang mit dem Hässlichen und Schrecklichen kalt. Es scheint fast, als wäre die Inkontinenz Edmunds zum Gestaltungsprinzip auch dieser Prosa geraten; überall bleiben Flecken.

Nach der Lektüre von mehr als einem halben Tausend Seiten ist man so klug als wie zuvor. Bleibt noch der fatale Titel "Der Lebenslauf der Liebe". Den Verdacht, dass Suhrkamp damit Marktanteile von Droemer-Knaur übernehmen wollte, würde ich zurückweisen, doch dass damit die Glücksvorstellungen der Trivialliteratur konterkariert werden sollen, scheint doch sehr wahrscheinlich. Beziehungsvoll ist der erste Abschnitt mit "Sonntagskind" und der zweite - als Tribut an die Medien - mit "Glücksrad" überschrieben. Das Unglück dieses Romans ist, dass er negativ auf den Kitsch fixiert bleibt und somit auf einem dunklen Tone nur das reproduziert, was er zu ironisieren, kritisieren oder zu überwinden vorgibt.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 33/2001 vom 17.08.2001 (S. 53)


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