In der Seele ein Deserteur. Cahiers 1957-1972

von Emil M. Cioran, Verena von der Heyden-Rynsch

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Er war einer der größten europäischen Welt- und Selbstverachter: der rumänisch-französische Schriftsteller Emil M. Cioran. Nun liegen seine Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1957 bis 1972 vor, die neues Licht auf Ciorans paradoxe Existenz werfen.

Emil Cioran, 1911 in einem siebenbürgischen Dorf geboren, 1995 in Paris, wo er mehr als ein halbes Jahrhundert lebte, gestorben, hat in allen seinen Schriften persönliche Erfahrungen verarbeitet. Das Schreiben war für ihn eine kämpferische Auseinandersetzung mit der eigenen Existenz. Es ging ihm nicht darum, Theorien zu formulieren oder Fiktionen zu erfinden (was letztlich aufs selbe hinausläuft).

Wenn nun eine Auswahl aus seinen "Cahiers", die er nie zur Veröffentlichung vorbereitete, auf Deutsch erscheint, so wird man nicht erwarten dürfen, darin Informationen zu finden, die das eigentliche Werk nicht schon enthielt. Die Betonung der Herausgeber, die "Cahiers" seien kein journal intime, ist also überflüssig, denn Cioran hat die Grenzen zwischen solchen Genres geflissentlich ignoriert. In den Tagebüchern findet man mehr konkrete Mitteilungen aus dem bescheidenen Pariser Alltagsleben, über die rumänische Kindheit und die Schande seiner Jugend, als er sich für die mystisch-faschistische Eiserne Garde begeisterte und sich als Religionsgründer fühlte.

In seinen zu Lebzeiten veröffentlichten Schriften findet man dasselbe, nur schärfer formuliert, oft verallgemeinert, sprachlich abgeschliffen. Die Zähmung der eigenen überbordenden Leidenschaften war einer der Schreibantriebe des "französischen" Cioran. In den "Cahiers" kann man noch einige der Wutausbrüche des allerdings als Privatperson schon recht gezähmten Mannes unmittelbar miterleben.

Cioran war ein Zerrissener, ein "Gevierteilter", und er hat die Spannungen, als deren Opfer er sich sah, beschrieben und ausgekostet. Die Dualismen, die in Paradoxa münden, versuchte er hartnäckig in antithetisch konstruierte Satzperioden zu fassen - in die Zwangsjacke der französischen Sprache, wie er einmal schrieb. Er sei ein innerlich Rasender, der im praktischen Leben endlos zaudere; ein Fanatiker, der sich zur Skepsis zwinge; ein Nachzügler der Romantik, den allein sein Zynismus rette.



Das sind viele von uns, aber Cioran hat sich genauer, illusionsloser erkannt als wir uns. Im Grunde variiert er mit einer besonderen Art von Trägheit das alte, banale Thema des Widerspruchs zwischen Vernunft und Leidenschaft. Cioran scheute sich nicht, das Banale zu denken und zu formulieren. Das war Teil seiner strategischen Weltverachtung und Selbstverachtung. Seine Pariser Existenz, zunächst in einem billigen Hotel, später in einer billigen Mansardenwohnung, hatte etwas vorsätzlich Nichtiges. Er zog die praktische Konsequenz aus der Überzeugung, die Existenz als solche sei nichtig, im Verfall begriffen, dem Tod geweiht. Als besonders deprimierend (weil verlogen) empfand er Ruhm und Erfolg. Ein Dichter - sich selbst sah er bloß als Parasiten der Dichter - war für ihn ein notwendig Scheiternder, der jeden Kompromiss ausschlägt.

Ciorans Vater war Pope in einem rumänischen Dorf in der Nähe von Hermannstadt. Für den lebenslangen, zwiespältigen Kampf gegen die familiär vorbestimmte religiöse Bindung gibt es einen berühmten Vorläufer, den Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche. Was die uneingeschränkt paradiesische Erinnerung an seine Kindheit betrifft, so ist Cioran natürlich bewusst, dass sie zum Teil fiktiv sein dürfte. Nichtsdestotrotz ist die Erfahrung der kindlichen Unschuld für sein Denken entscheidend, da sie die Folie abgibt, auf welcher der darauf folgende historische oder biografische Verfall in aller Schärfe erscheint.

Die ideale Existenz ist für Cioran die vorbewusste; die einzig wirklich Weisen sind Analphabeten, Schäfer und Bauern in Rumänien oder in gewissen ländlichen Gegenden Frankreichs. Mit dem Bewusstsein beginnt das Unglück, die Einsamkeit. Es gibt kein Zurück; vor uns wartet der Tod. Das gesamte Denken Ciorans richtet sich gegen das Denken. Deshalb auch seine Verwandtschaftsgefühle gegenüber der Mystikerin Simone Weil, die das Abdanken des Denkens verfolgte. Natürlich ist das alles paradox, und auch das wusste Cioran.

In mehreren Schriften über Cioran wurde behauptet, er habe seine frühere Nähe zum Faschismus verschwiegen. Tatsächlich gibt es kaum ein Werk des "französischen Cioran", das nicht eine klare Anspielung auf diese Nähe enthält. In den "Cahiers" kommt er immer wieder darauf zurück, und zwar regelmäßig mit einer Begrifflichkeit von "Scham" und "Schande". Man spürt, dass er sich in dem Moment schämt, wo er sich erinnert und schreibt. Vielleicht hindert ihn die Scham daran, noch konkreter zu werden.

Signifikant ist auch, dass er die Eiserne Garde immer als Iron Guard bezeichnet, wo er doch sonst nie zum Englischen greift (zum Deutschen häufig). Tatsächlich aber war sein nationalistisches und antisemitisches Pamphlet "Die Verklärung Rumäniens" 1936 in Bukarest erschienen und auch bekannt. Nur seine Zeitungsartikel aus den Jahren 1933/34, in denen er Hitlerdeutschland lobt und Rumänien beschimpft, wurden nach seinem Tod im eigentlichen Sinn wiederentdeckt. Über seine Zeit als Stipendiat in Berlin schreibt Cioran in den "Cahiers", er habe damals wie verklärt gelebt, delirierend, in völliger Einsamkeit.

Diese Erfahrungen seiner Jugend hat Cioran nicht verleugnet, im Gegenteil, er bezeichnet sie als Glück in Hinblick auf sein späteres Denken und Schreiben, das über weite Strecken nichts anderes ist als eine Analyse derselben. Skepsis und Toleranz (oder Indifferenz) sind das Gegengift gegen den Fanatismus, den er nicht zuletzt als biologisch bedingt betrachtet. Die Lebensenergie ist anfangs groß, flaut dann bald ab. Bei aller Selbstkritik schwingt in Ciorans Schriften immer auch ein Bedauern über den Verlust der vitalen Überzeugungen mit.



Cioran hat mehrmals die Meinung geäußert, in seinem ersten Buch, "Auf den Gipfeln der Verzweiflung", 1932 geschrieben und 1934 in Bukarest veröffentlicht, sei bereits seine gesamte "Philosophie" enthalten. Diese Aussage findet man bei der Lektüre im Wesentlichen bestätigt. Es ist daher nur ein Teil der Wahrheit, wenn gesagt wird (etwa von Hans-Peter Kunesch in der Zeitschrift Literaturen), erst der "französische Cioran", der 1947 die französische Sprache adoptierte, habe nach erfolgter Selbstkritik sein Werk schreiben können.

Zwar überwiegt im rumänischen Frühwerk der lyrische Selbstausdruck, im französischen Werk die lakonische Analyse; aber in Letzterem sind Pathosreste enthalten, und Ersteres erreicht manchmal eine Luzidität, die mit der Ekstase nicht unvereinbar ist. Und wenn versucht wird, aus Cioran einen liberalen Denker à la Wittgenstein zu machen und ihn als Widerpart Heideggers hinzustellen, dann ist das nicht falsch, sondern unsinnig. Einerseits ist in Ciorans Frühwerk das spätere in nuce enthalten; andererseits bleibt auch der späte Cioran ein reaktionärer Denker.

Statt ihn zu verleumden oder zu rehabilitieren, wäre es besser, sich den Möglichkeiten zu öffnen, die dieses Denken enthält. Cioran war und blieb ein elitärer Underdog, der am Rand der Gesellschaft und zugleich über ihr vegetierte und gegen sie dachte. Eine Art Parasit, der sich unentwegt selbst bezichtigte, ein Parasit zu sein und nichts zuwege zu bringen, und der unterdessen genau das zuwege brachte: ein unmögliches, zerrissenes, obsessives Werk, für das er sich mit einer Sprache abquälte, die nicht seine eigene war, auch nie seine eigene wurde.

Der späte Cioran sang keine Loblieder auf die westliche Zivilisation und ihre Demokratie. Es gefiel ihm, seine östliche, bald ungarische, bald russische Seele zu hätscheln. Frankreich und die französische Sprache waren überaltert, ausgelaugt, ausdrucksschwach. Westeuropa hatte seine Zukunft längst (oder immer schon) hinter sich. Wie er selbst.

Leopold Federmair in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 28)


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