Das Leben des Ismail Ferik Pascha

von Rhea Galanakis, Michaela Prinzinger

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Rhea Galanakis soeben in deutscher Übersetzung erschienenes Romandebüt "Das Leben des Ismail Ferik Pascha" leistet im Rückgriff aufs 19. Jahrhundert einen aktuellen Beitrag zur "Clash-of-Cultures"-Debatte.

Aus schierer Meinungsfreudigkeit sei hier die Ansicht geäußert, dass "Das Leben des Ismail Ferik Pascha" zu den aktuellsten und brisantesten Büchern dieses Herbstes zu zählen ist. Der Titelheld des im Original bereits 1989 erschienenen Romandebüts von Rhea Galanaki ist historisch belegt, wobei sich die meisten gesicherten Daten auf Ismail Paschas Rolle während des Kretischen Aufstands (1866–1868) beziehen, den er – an der Spitze des für die Osmanen kämpfenden ägyptischen Heeres stehend – niederschlagen soll. Die Faktenlage ist dünn, und die heute 54-jährige Galanaki hat erst gar nicht versucht, verbürgte Ereignisse und Details als Gerüst einer üppigen Ausstattungsliteratur aufzuziehen, in deren Settings historische Konflikte und Leidenschaften aufgeführt und den lesenden Zeitgenossen zur zeitlosen Einfühlung anempfohlen werden. Bezeichnenderweise ist der erste Teil des Romans mit "Mythos der ägyptischen Jahre" überschrieben. Und Galanaki betreibt Arbeit am Mythos des legendären Ismail Pascha, indem sie diesen literarisch ausbaut, fortspinnt: Das Reich der Lebenden ist hier nicht klar von jenem der Toten geschieden. Nachdem der Knabe Ismail Pascha dem blutigen Gemetzel entkommen ist, das die Osmanen unter seinen kretischen Landsmännern anrichten, erlebt er eine "zweite Geburt". Gemeinsam mit seinem Bruder Antonios gerät der als Emmanuil Kambanis Papadakis geborene Titelheld in Gefangenschaft. Von da an trennen sich die Lebenswege: Antonios wird nach Konstantinopel verschleppt und später eine wichtige Rolle bei der Finanzierung des griechischen Freiheitskampfes gegen die osmanische Herrschaft spielen (für den sich das libertär gesonnene Europa entzündete). Gänzlich anders verläuft Ismail Paschas Biografie: Ohne die Erinnerungen an die Hochebene seiner kretischen Heimat, diesen "Stachel im Fleisch", los zu werden, konvertiert er in Ägypten zum Islam und macht – an der Seite des ägyptischen Königssohnes Ibrahim – eine steile militärische Karriere, an deren Ende er an den Ort seiner Geburt zurückkehren wird: als Oberbefehlshaber des osmanischen Heeres, der seinem Bruder nun im imaginierten Showdown gegenübersteht. Das Leben des Ismail Ferik Pascha" verhüllt seine forcierte Konstruktion ebensowenig wie seine ästhetische Heterogenität, die er wechselnden Perspektiven (im zweiten Teil des Romans tritt der Titelheld als Icherzähler auf), vor allem aber einem Idiom verdankt, das überaus poetische Passagen gegen Exkurse setzt, die einem historischen Lexikon entnommen sein könnten. Hinzu kommt ein in hohem Maße selbstreflexiver Erzähler, der mitunter wie ein Livekommentator der eigenen Identitätskrisen auftritt: "Verblüfft sah ich, wie aus meinem tiefsten Inneren ein liberaler europäischer Bürger (...) ans Tageslicht trat." Dass die existenziellen Verunsicherungen eher behauptet als erfahrbar gemacht werden, ist vielleicht der größte Mangel eines Werkes, das übers historische Sujet einen ungemein aktuellen und genauen Blick auf jenen clash of cultures wirft, der derzeit in aller Munde ist. Im "Leben des Ismail Ferik Pascha" triumphiert das kulturelle Lernen über das Paradigma des Verrats. Und doch verfehlt eine solch betuliche Formulierung den Gehalt eines Romans, dessen Radikalität in dem Gedanken besteht, dass Kulturleistungen und Zivilisations-gewinne sehr oft mit einem Verlust an "Heimat" einhergehen. Es geht nicht um wohlfeile Multikulti-Apologie, sondern um die Einsicht, dass die Zerrissenheit des Protagonisten, der an europäischer, arabischer, asiatischer, an christlicher und islamischer Kultur teilhat, nur den radikalisierten Fall einer jeden Identitätsbildung darstellt: geklittert, unvollständig, temporär und gewiss nicht schmerzfrei. Am Ende stirbt Ismail viele Tode: vergiftet von einem Widersacher aus den eigenen Reihen, getroffen von der Kugel "des Bruders" und – nach alledem – durch sein altes Messer, das er sich, in den Körper eines kleinen Jungen geschlüpft, ins eigene Herz stößt.

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 3)


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