Erklärte Nacht

von Durs Grünbein

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Durs Grünbeins Gedichte "Erklärte Nacht" vereinigen antikes Versmaß und moderne Wahrnehmung auf bestechende Weise.


Über das Verfassen von Prosa äußert sich Durs Grünbein in seinen Berliner Aufzeichnungen aus dem Jahr 2000 ("Das erste Jahr") bisweilen ein wenig abfällig: Im Vergleich zur gedanklichen und sprachlichen Konzentration des Gedichts kommt ihm solche Übung geschwätzig, allzu leichtfertig vor. Da ist es eine Überraschung, dass Grünbeins neuester Gedichtband, in einer Anspielung auf Arnold Schönberg "Erklärte Nacht" betitelt, zwar immer wieder thematische Motive der Aufzeichnungen ausführt, aber eben häufig in einer literarisch schon fast untergegangenen Form: Im Langgedicht, das als Nachbar des Versepos der Prosa schon ziemlich nahe steht. Ein Mann von vierzig Jahren: Auch diese häufig wiederkehrende Formel rückt die Gedichte in die autobiografische Perspektive der Aufzeichnungen. Doch damit sind wohl alle Korrespondenzen aufgezählt. Denn wo in den Tagebuchnotizen der Autor Grünbein über sich selbst Rechenschaft ablegt, wo er mehr oder minder spontane Reflexionen neben bisweilen riskant private Notizen setzt, verallgemeinert der Dichter Grünbein die Existenz dieses Mannes von vierzig Jahren, setzt sie in historische, ja universalhistorische Bezüge. Und das mit einer poetischen Leidenschaft, als stünde der letzte Augenblick, in dem es überhaupt noch möglich ist, von den Kategorien privater und kollektiver Geschichtlichkeit Gebrauch zu machen, unmittelbar bevor. Vielleicht ist das ja wahr.

Grünbein findet einen recht geschickten Weg, diese Kategorien geradezu beiläufig einzuführen. Das erste Gedicht ist in Berlin angesiedelt, das zweite schildert eine Taxifahrt zum Bahnhof (wo hat man so etwas gelesen: "Das Taxameter, in Zwanzigerschritten, springt mit dem Geld um, / Das sich unendlich langsam verdient, mit elegischen Zeilen"), und vielleicht führt die Reise von dort nach Italien, dem Sehnsuchtsort deutscher Lyrik schlechthin. Erstaunlich, wie das antike Versmaß gar nicht mehr so fremd klingt, wenn nun von den Vögeln am umbrischen Himmel oder von etruskischen Gräbern die Rede ist. Seitenblicke auf Goethes "Venezianische Epigramme" oder dessen "West-östlichen Divan", hier freilich reduziert auf Beobachtungen während einer Kurzreise deutscher Dichter in den Jemen, seien nur erwähnt, um Grünbeins Selbstverständnis im Kontext deutscher Dichtung klarzustellen.

In den "Neuen Historien" dann geht es, wenn man dies hier so sagen darf, zur Sache. Sie erzählen Episoden aus der Antike, teils bekannte, teils eher entlegene Geschichten, und sie klingen ein bisschen, als habe Tacitus im Blankvers geschrieben. Doch Virtuosität um ihrer selbst willen ist nicht ihr Zweck. Die Figuren überlagern sich mit modernen Großstadtexistenzen, wie sie heute in Berlin und anderswo anzutreffen sind. Die Politik, die Lüge, die Leidenschaft, der Reichtum: Rhythmisiert im antiken Versmaß, treten sie als eine der Grunderfahrungen unserer Lebensform hervor, denen die Bewohner Roms wohl als Erste ausgesetzt waren und die sich vielleicht bis heute tatsächlich nur graduell verändert haben.


Das klingt nun entweder nach der Rede von der immer noch lebendigen Antike, von der uns schon unsere Lateinlehrer nicht so recht zu überzeugen vermochten, oder nach einem geradezu geschichtsvergessenen So-war-es-schon-immer. Es war aber auch noch nicht die Rede davon, dass Grünbein das klassische Muster seiner Gedichte mit präzisen Wahrnehmungen und Beschreibungen füllt, wie sie die Antike eben nicht kannte, wie sie erst im 20. Jahrhundert der Fotografie und im Film möglich wurden. Das ist der historische Bruch, der sich durch diese Gedichte zieht, das ist der immanente Widerspruch, aus dem sie ihre Spannung beziehen. Und es wäre wohl auch missverständlich, die "Neuen Historien" losgelöst von den weiteren Gedichtgruppen zu lesen. Der folgende "Traktat vom Zeitvertreib" schlägt ganz andere Töne an, und man ist beruhigt: Der Mann von vierzig Jahren kann auch noch sarkastisch schreiben, quält sich mit Alltagsdepressionen herum, geht als Lyriker zwar einem vielleicht nicht gerade alltäglichen Beruf nach, hat sich deswegen aber nicht schon von dieser Welt verabschiedet. Das Zeitmaß schrumpft von der universalgeschichtlichen Perspektive auf die ganz normale Lebenszeit. Die Form bleibt streng und man wird nur schwer einen anderen Lyriker finden, der den Reim ähnlich souverän beherrscht wie Grünbein:
"Von Distanz erschöpft, schrumpft das Herz
Zum Fäustling im Schnee. Es tut weh.
Zeitlebens streckt man sich, himmelwärts.
Der Mensch? – Ein Kadaver in spe."


Wer über Lyrik schreibt, sollte irgendwann auch einmal erklären, woher diese Rede im konkreten Fall ihr Recht auf Kompliziertheit und Konzentration bezieht. Man kann es sich dann einfach machen und auf den ästhetischen Mehrwert rhythmischer und musikalischer Verschränkungen verweisen, vielleicht auch noch das eine oder andere gekonnte Bild herbeizitieren. In seinem poetologischen Schlussgedicht, das dem Band seinen Titel gab, führt Grünbein solche Argumente aus, viel differenzierter und kunstvoller natürlich. Man kann aber auf die Frage, warum man sich um diese Gedichte bemühen sollte, auch viel einfacher antworten: Weil sie in ihrer verfremdenden Rede eine Assoziationskraft freisetzen, über die der direkte Zugriff der Prosa auf die Welt nicht verfügt. Es sind die Assoziationen der Worte, der Bilder und der Geschichten, die sich nach der Lektüre dieser Gedichte so intensiv im Gedächtnis festsetzen, dass einem die Welt außerhalb dieses Buches für eine Weile ganz flach und konturlos erscheint.

Tobias Heyl in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 12)


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