Tito ist tot

von Marica Bodrožić

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 28/2002

Josip Broz Tito, 1892-1980: Das scheint noch immer der neuralgische Punkt zu sein, um den die postjugoslawische Literatur kreist. Auch dann, wenn sie ihn auszusparen versucht. Denn der Titel der Debüt-Erzählungen der 1973 in Dalmatien geborenen Marica BodrozicŽ, "Tito ist tot", liegt eher in den Verkaufsstategien des Verlags begründet als im Gegenstand der 24 kurzen Erzählungen mit ihren jungmädchenhaft anmutenden Themen auf der Suche nach dem "Erbe meiner Kindheit", dem Sehnsuchtsort am "äußersten Ende" des Orients, den BodrozicŽ mit zehn Jahren Richtung Deutschland verließ.

"Wir waren in ein Land gezogen, dessen Sprache ich noch nicht sprach, die mich aber eigenartig umspülte, als schwömme ich in ihr wie in einem Bassin wundersamer Töne." Mit der deutschen Sprache nun, die die Autorin in einem erstaunlich reifen, sicheren Stil zu meistern versteht, wird ein kroatisches Kindheitsdorf beschworen, wo gebetet und gebeichtet wird, wo man Lilienfelder von der Größe mehrerer hundert Hektar züchtet, der Oleander den Sommer in den Schlaf wiegt und die Tante den hübschen Namen Morgenrot trägt. Diese Erinnerungen an Verwandte, an magische Augenblicke, an Schlangentöterinnen und vieläugige Schmetterlinge - weniger Stories als vielmehr der Stoff, aus dem die Träume und in der Literatur sonst eher die Gedichte sind - lassen das Dunkle, den Schmerz des Kindes etwa, dessen Eltern im Ausland arbeiten, nur erahnen. Und sie sind naturgemäß dort am stärksten, wo sie den märchenhaften, zauberischen Schleier durchbrechen. Wenn in "Mein Onkel Joseph" dem früher so genannten "Gastarbeiter", der sich dem Alkohol ergab, die neue Freundin aus der DDR davonläuft. Oder in "Meine Tante Morgenrot" das kantige Gesicht der Tochter Ivana sich zu einem Dreieck verformt, bevor sie, einfach so, im Bett, stirbt. "Träume, sagte sie, verschlucken mich, und sie rieb sich den Schweiß der Nacht vom Körper, während ihre Lippen zu einem Strich verkümmerten und immer schmaler wurden."Auch in Igor Stiks Roman "Ein Schloß in der Romagna" ist Genosse Tito der Bezugspunkt. Aber anders als bei BodrozicŽ geht es in der durchkomponierten, kunstvoll parallel geschalteten Doppel-Geschichte, die der spätere Mönch Niccolò Darsa einem jungen "bosniaco" eben auf einem Schloss in der Romagna erzählt, um das Ineinandergreifen von Politik und Privatem. Für den 18-jährigen Darsa, "Italiener aus der Familie eines ausgeschlossenen Parteimitglieds und abgehalfterten Partisanen", gab es nach Titos Machtübernahme keinen Platz mehr, schon gar nicht als Geliebter der Tochter des neuen Kommandanten Nizetic: "Ich töte für das, was mir gehört, Kleiner. Der Kommunismus und sie." Darsa flieht, auf Rat seines Vaters, von seiner Heimatinsel Rab nach Triest. Seine Rückkehr wird ihm zum Verhängnis.



Vierhundert Jahre zuvor, nach der Übernahme der Lombardei durch die Habsburger, trifft der junge Enzo Strecci, ein "Genius der Renaissanceliteratur", als Gast auf eben jenem Schloss ein und lernt dieselbe "Logik der Macht" kennen wie Darsa. Streccis verbotene Liebe zur Frau seines Gastgebers wird mit politischen Unterstellungen und Verfolgung vergolten.

Liebe und Verrat, Schicksal und Tod - der 1977 in Sarajevo geborene Stiks scheut sich nicht vor Altbekanntem, vor dem Stoff, aus dem die großen Geschichten sind. Wie BodrozicŽ schlägt auch er unerschrocken einen hohen Ton an. Da wird ein betörendes Lächeln gelächelt, Jünglinge wandeln auf dem Pfad der Wahrheit und die Fäden des Schicksals verknüpfen sich unauflöslich. Aber am Schluss dieser souverän erzählten Geschichte steht eine durchaus nüchterne Erkenntnis: "Jetzt bin ich mir dessen bewusst, dass es möglich ist, das Leben zu leben, indem man die Vergangenheit einbalsamiert. Unter uns wimmelt es geradezu von Leuten dieses undankbaren Geschäfts."

Kirstin Breitenfellner in FALTER 28/2002 vom 12.07.2002 (S. 51)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Ein Schloss in der Romagna (Igor Štiks)

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