Lesen verboten

von Dubravka Ugresic, Barbara Antkowiak

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Brillant und unlarmoyant: Dubravka Ugresic Auslassungen über die Literatur in Zeiten der Marktwirtschaft, die Kulturpolitik in Exjugoslawien und das Exil.


Eines Tages, wenn alle schreiben, wird eine Epoche der allgemeinen Taubheit anbrechen. Soll Milan Kundera gesagt haben. Es ist so weit. Alle schreiben und niemand liest mehr. Alle reden und niemand hört mehr zu. Sagt Dubravka Ugresic. In ihrem neuen Essayband "Lesen verboten". Und den muss man lesen. Obwohl er von der mittlerweile trivialen Feststellung ausgeht, dass Huxley über Orwell gesiegt hat und ein globalisierter Literaturmarkt immer mehr Bücher produziert und gleichzeitig immer weniger Literatur. Aber Ugresic gelingt es wie immer mühelos, bekannten und auch von ihr selbst schon abgehandelten Themen neue Facetten abzugewinnen. Unter anderem geht es um die heikle Beziehung zwischen Schriftsteller und Lektor, um Creative-Writing-Angebote, Agenten und Scouts, die Kultur- und Filmpolitik im ehemaligen Jugoslawien, kurz dem Demokratisierungsprozess der Kultur, der einstweilen in die Diktatur des Markts mündete. Dass sich das alles höchst spannend und keineswegs verkopft, geschweige denn verzopft liest, ist der bekannten (und leider allzu seltenen) Fähigkeit der Autorin zu verdanken, zwischen Alltagserlebnissen und politischen, ästhetischen und philosophischen Fragen überraschende Bezüge herzustellen – zum Beispiel zwischen Umberto Eco und dem Nudismus oder Oprah Winfrey und dem sozialistischen Realismus. Denn, so eine von Ugresic' Thesen: Die Regeln der marktorientierten Kultur lassen sich in nicht unwesentlichen Teilen als Verwirklichung der kommunistischen Kultur verstehen: "Nirgends sind, um heutige Beispiele anzuführen, so viele Arnold Schwarzeneggers und Sylvester Stallones zu einem mächtigen Körper verschmolzen. Der Sozrealismus war eine optimistische Kunst. Nirgends so viel Glaube an eine lichte Zukunft und den Sieg des Guten über das Böse. Nirgends außer in der marktorientierten Kultur." So nebenbei liefert Ugresic eine brillante Analyse des Exils als Befindlichkeit unserer Epoche, die die Neuerfindung seiner selbst, die Idee von der Selbst-Schöpfung als höchste Stufe der menschlichen Befreiung ansieht. Eine Kroatin, die seit Jahren zwischen den USA und Europa pendelt, muss wissen, wovon sie spricht. "Ich selbst bin weder Emigrant noch Flüchtling noch politischer Asylant", räumt Ugresic ein. "Ich bin eine Schriftstellerin, die beschlossen hat, nicht mehr in ihrem Land zu leben, weil ihr Land nicht mehr das ihrige war." Trotzdem lässt sich Ugresic' Definition von Emigrantentexten – "nervös, fragmentarisch, explizit oder implizit polemisch, ironisch, selbstironisch, melancholisch, subversiv und nostalgisch" – als treffende Selbstbeschreibung lesen.



Einer Autorin, die ebenso ernsthaft wie unverkrampft und unlarmoyant zu analysieren versteht, nimmt man sogar die verbreitete Klage über die Verkaufszahlen als einziges Kriterium des literatischen Erfolges oder über den Realitätsverlust der "realistischen" Literatur ("eine ,verseifenoperte' Realität, eine Art ,Leben für Anfänger'") nicht übel. Traurig, aber wahr: "Die Literatur wird ein allen zugängliches Ticket für die Ewigkeit, (...) eine allen zugängliche Möglichkeit, das große Geld zu machen." Die Literatur hingegen, wie wir sie bis vor nicht allzu langer Zeit kannten, ist tot, und mancher "so genannte seriöse Schriftsteller verheimlicht seine hohen Ansprüche und seinen literarischen Geschmack aus Angst, als elitär verschrien zu werden". Ugresic plädiert, trotzig und ohne große Hoffnung, für eine "Kultur des intellektuellen Widerstands" gegen die infantile Kultur des Monologs und der Selbstreklame. Dem Schriftsteller bliebe in der Epoche "after the end of art" nur, die "entgegengesetzte Richtung einzuschlagen und hohe Wertmaßstäbe anzulegen. Denn Literatur ist keine Schule. Sie muss von einem Publikum ausgehen, das kultivierter ist als der Schriftsteller selbst."

Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 14)


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