Neun
Roman

von Andrzej Stasiuk

€ 11,30
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Übersetzung: Renate Schmidgall
Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 300 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.03.2002

Pawel, ein junger Geschäftsmann, der es zu einem bescheidenen Textilhandel gebracht hat, erwacht in einer Trümmerlandschaft. Der Spiegel im Bad ist zerschlagen, Tuben, Bürsten und Fläschchen liegen auf dem Boden, Kleider sind aus dem Schrank gerissen. Er verläßt seine Wohnung und fährt durch Warschau, getrieben von Unruhe und Angst. Er hat Schulden, man ist ihm auf den Fersen, er braucht Geld. Ein Freund, Jacek, an den er sich um Hilfe wendet, entgeht knapp einem Überfall und ist ebenfalls auf der Flucht.Stasiuk erzählt diese Geschichte aus dem kriminellen Milieu so unspektakulär wie beklemmend. Ohne Kommentare, präzise wie ein allgegenwärtiges Kameraauge, begleitet er seine Protagonisten von Schauplatz zu Schauplatz: über Bahnhöfe und Magistralen, durch Industriebrachen und Hotelruinen, wilde Gärten und aufgeweichte Lehmwege, heruntergekommene Innenhöfe und schließlich auf die Dächer hoch über der Marszalkowska, wo die Verfolgungsjagd endet. Sein multipler Erzähler lauscht den Atemzügen der Großstadt, belauert sie wie ein Lebewesen, spürt dem Vergehen der Zeit nach und wird Zeuge eines Mordes.Nach Der weiße Rabe und Die Welt hinter Dukla hat Stasiuk in seinem neuen Buch – es ist sein neuntes – die poetische Ausmessung der heutigen polnischen Wirklichkeit weitergetrieben. Hinter allem, was geschieht, wartet der Stillstand. Das träumerische Wissen um die Vergeblichkeit jeder Fluchtbewegung gibt dem Roman seinen eigentümlichen Zauber. Andrzej Stasiuk, der in Polen als wichtigster jüngerer Gegenwartsautor gilt, wurde 1960 in Warschau geboren, debütierte 1992 mit dem Erzählband Mury Hebronu (Die Mauer von Hebron), in dem er über seine Gewalterfahrung im Gefängnis schreibt. Stasiuk wurde 1980 zur Armee eingezogen, desertierte nach neun Monaten und verbüßte seine Strafe in Militär- und Zivilgefängnissen. 1986 zog er nach Czarne, ein Bergdorf in den Beskiden. 1994 erschienen Wiersze milosne i nie (Nicht nur Liebesgedichte), 1995 Opowiesci Galicyjskie (Galizische Erzählungen) und Bialy Kruk (Der weiße Rabe; 1998 bei Rowohlt Berlin), 1996 der Erzählband Przez rzeke (Über den Fluss; diesem Band ist Die Reise entnommen) und 1997 Dukla. 2002 erhält er den von den Partnerstädten Thorn (Polen) und Göttingen gemeinsam gestifteten Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis. Den literarischen Jahrespreis Nike erhielt Andrzej Stasiuk 2005 für sein Buch Unterwegs nach Babadag. Sein vielfach ausgezeichnetes Werk erscheint in 30 Ländern. Renate Schmidgall, geboren am 26. März 1955 in Heilbronn, ist deutsche Übersetzerin polnischer Literatur und lebt in Darmstadt. Sie studierte Slawistik und Germanistik in Heidelberg und war anschließend als Bibliothekarin am Deutschen Polen-Institut beschäftigt. Von 1990 bis 1996 arbeitete sie dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Seither ist sie als freie Übersetzerin tätig.

Rezension aus FALTER 20/2002

Falencia ist nicht so bekannt wie Valencia, schon allein, weil der SK Falencia lange nicht so bekannt ist wie der FC Valencia. Der SK Falencia hat aber seinerzeit ein Unentschieden gegen den SK Radosc erreicht, wobei Ersatztorhüter Wisna, der König der Vorortezüge, (fast) alles gehalten hat - sehr zur Begeisterung einer Clique um den Icherzähler.

Falencia, unweit von Warschau gelegen, ist vermutlich nicht gerade der Ort, wo der Papst im Kettenhemd tanzt. Aufregend muss es dennoch gewesen sein, damals in den Sechzigerjahren: Schlägereien gegen übermächtig scheinende Gegner wie den Jabol (Obstwein) vernichtenden Bumcek; sanfte Lehrer, die sich in Schülerinnen verlieben und darob verrückt werden; schweinische Schuldirektoren, die man mittels subversiver Affirmation (kollektive Abfeierung des Genossen Gomulka während des Turnunterrichts) los wird; und natürlich Mädchen, die einem den Kopf verdrehen und schon mal einen Strip hinlegen.

Der 1954 geborene Marek Lawrynowicz lässt diese Personenkonstellation, die auch einer Dorfgeschichte des vorletzten Jahrhunderts entnommen sein könnte, auf der kleinen Flamme des Anekdotischen dahinköcheln; allerdings nicht ohne einen kräftigen Schuss Schwermut, denn all die Geschichten, die sein Roman "Lehrjahre des Gammelns" enthält, werden dem Jugendfreund Józef erzählt, der im Epilog zu Grabe getragen wird. Und auch die einstige Geliebte der beiden Freunde ist mittlerweile weniger Schatten ihrer selbst als zwei Öltanks: eine fette, kaum wiederzuerkennende Frau. So geht nicht nur die Jugend den Bach runter: "Alles verweht der Wind, alles verwischt der Regen."Falencia, das ist bei Andrzej Stasiuk nur ein Kaff an der endlosen Peripherie von Warschau, und die Protagonisten des Romanes "Neun" (dem neunten Werk des 1960 geborenen Autors) sind zum Teil in einer derart desperaten Verfassung, dass sie für die melancholische Kontemplation ihrer Jugend keine Zeit haben. "Kindheit", so heißt es einmal, das ist die Zeit, "als es noch niemandem in den Sinn kam, dass die Wirtschaft die Welt erlösen könnte." Mittlerweile geht es ums nackte Überleben, nicht zuletzt, weil sich Typen wie Pawel wirtschaftlich überhoben haben und die 200 Millionen Zloty seit einem halben Jahr schuldig sind - und das ist lebensbedrohlich.

Stasiuks Roman über den Alltag einer Handvoll von "Geschäftsleuten" mehr oder weniger kriminellen Zuschnitts ist eine virtuose Kamerafahrt durch ein Warschau, dem jeglicher pittoresker Charme abhanden gekommen ist: "Die nächsten fünf Kilometer kam nichts, nur Hallen, Hangars, die Höllenschlünde der Autofabrik, verschlossen hinter himmelhohen Stahlwänden, bis zum Horizont Industrie."

Stasiuk schreibt mit sicherem Gespür für atmosphärische Valeurs und einer Vorliebe für Vergleiche, die die Ästhetik der Heruntergekommenheit poetisch überhöhen und die urbanen Unorte mit "blassem Zementlicht" überflutet. Die Figuren haben keine Biografie, die sich erzählen, die Stadt keine Topographie, die sich souverän überblicken ließe. Am Ende befinden sich Pawel und Jacek zwar über den Dächern von Warschau, aber die Aussicht ist in jedem Sinne schlecht: "Die Hochhäuser der Innenstadt gingen in dem grauen Regen unter, als hätte es sie nie gegeben, die beiden standen jetzt auf einer seltsamen schwarz glänzenden Insel."

Klaus Nüchtern in FALTER 20/2002 vom 17.05.2002 (S. 64)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Lehrjahre des Gammelns (Marek Lawrynowicz, Renate Schmidgall)

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