Klausen
Roman

von Andreas Maier

€ 18,50
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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 216 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.03.2002

Rezension aus FALTER 34/2002

Die neuen Romane von Joseph Zoderer und Andreas Maier haben Südtirol zum Thema. Während Zoderer das Zusammenleben zwischen Deutschen und Italienern in düsteren Farben schildert, legt Maier den Schluss nahe, dass die ganze Welt ein Dorf ist.

Gelegentlich greift der Tourist zur Belletristik, um sich über die bereiste Landschaft zu informieren - zu Theodor Fontane in der Mark Brandenburg, zu Leonardo Scascia auf Sizilien. Im Fall der norditalienischen Provinz Südtirol, die der Lauf der Geschichte aus dem Völkerkonglomerat des Habsburgerreichs gelöst hat, ist es Joseph Zoderer, der mit Romanen wie "Das Glück beim Händewaschen" oder "Die Walsche" Auskunft über Land und Leute gegeben hat.

Auch in Zoderers neuem Roman "Der Schmerz der Gewöhnung" spielen die historischen Hintergründe der von ihm geschilderten Familientragödie eine gewichtige Rolle. Die Italienisierungspolitik der Faschisten oder die um ein friedliches Zusammenleben der Volksgruppen bemühte Neue Linke der Siebzigerjahre sind Teil der Biografie der Protagonisten: Jul, ein deutscher Journalist, heiratet die Lehrerin Mara, deren Vater als junger Mann aus Sizilien nach Südtirol kam, um dort Karriere in der faschistischen Verwaltung zu machen. Maras Mutter ist eine deutsche "Gebirglerin, die sehr gut Knödel kocht". Jul und Mara lernten sich Ende der Sechzigerjahre bei Versammlungen der Neuen Linken kennen. Er wird von ihrer Familie abgelehnt. Ihre gemeinsame Tochter Nathalie ertrank in einem Hotelschwimmbad, als Jul in Deutschland weilte.

Nathalies Unglück verleiht dem Roman einen kräftigen Mollton - und versetzt der Beziehung der Eltern den Todesstoß. Am Anfang fährt Jul nach Agrigent, um sich in der Heimatstadt seines Schwiegervaters Klarheit über das Vergangene zu verschaffen. Zoderer erzählt Sizilien als Märchenlandschaft, als Evokationsraum für Erinnerungen an das verstorbene Kind. Ärgerlicherweise beginnen aber bereits hier die klischeehaften Darstellungen auf der zerbrechlichen Geschichte über Sterben und Trauer zu lasten. Ältere Sizilianer haben "dichtes schwarzes Haargewuschel und Sonnenbrille". Folgerichtig sind Maras Augen "braun wie polierte Milchschokolade".

Mit den Kennzeichnungen italienischer Physis klingt das politische Leitmotiv des Romans an: Der Versuch eines friedlichen Zusammenlebens der beiden Volksgruppen scheitert beispielhaft an der Biografie des fortschrittlich eingestellten Paares. Die Italiener werden als Besatzervolk geschildert, die das Land zuerst durch faschistische Methoden unterdrückten und nun als Touristen ihr Werk vollenden: "Von allen Seiten dieses Geschrei, diese kreischenden, schrillen Zurufe", denkt sich ein genervter Jul angesichts einer Gruppe von Italienern auf dem Dorfplatz. Seine Reaktion: "Er hatte den Faschisten in sich entdeckt, die Intoleranz, die Arroganz eines Rassisten."

Durch die perspektivische Verengung auf den hasserfüllten Hauptdarsteller (über das Seelenleben Maras erfährt man fast gar nichts) hat Zoderer einen in seiner politischen Tendenz bedenklichen Roman geschrieben, der auch den interethnischen Optimismus seiner früheren Romane relativiert, denn schon dort galt die Losung: "Ihr habt uns die Spaghetti ins Land gebracht, und wir geben euch dafür Knödel." Die Botschaft des neuen Romans lautet: "Auch wenn ihr nun schon seit achtzig Jahren unsere Knödel esst, werdet ihr dieses Land nie verstehen!"Die neuen Romane von Joseph Zoderer und Andreas Maier haben Südtirol zum Thema. Während Zoderer das Zusammenleben zwischen Deutschen und Italienern in düsteren Farben schildert, legt Maier den Schluss nahe, dass die ganze Welt ein Dorf ist.

Subtiler als Zoderer porträtiert der in der Kleinstadt Brixen lebende deutsche Schriftsteller Andreas Maier in seinem Roman "Klausen" die Südtiroler Gesellschaft. Bei ihm geraten zwar auch die "Walschen", wie die Italiener in Südtirol verächtlich genannt werden, in Konflikt mit den Einheimischen. Und auch die Touristen (bei Maier sind es die "Piefkes", nicht die Italiener) bekommen ihr Fett ab. Der Roman beruht aber nicht auf Tatsachenbehauptungen, sondern auf einer endlosen Reihe von Mutmaßungen, bösen Nachreden und Gerüchten, vorgetragen in indirekter Rede. Maier hebt den Unterschied zwischen der Außenperspektive (wie sehen Touristen Südtirol) und der Innenansicht (wie sehen Südtiroler sich selbst) auf, indem er beiden Sichtweisen den Mechanismus des Gerüchts zugrunde legt.

Sich dem Heimatlichen in gekünstelter Sprache zu nähern hat Thomas Bernhard zu einer Kunstform entwickelt. Sie wurde von mehreren Generationen literarisch ambitionierter Gymnasiasten nachgeahmt. Auch bei Maier erahnt der Leser sofort: Wo im Konjunktiv geschrieben wird, kann das Dorf nicht weit sein. Allerdings weitet sich bei ihm das enge Eisacktal spätestens dann zum Szenario des globalen Dorfes, als aufgrund einer Blockade und eines Anschlags von Transitgegnern auf die Brenner-Autobahn zahlreiche TV-Teams nach Klausen kommen und den - Massenmedien eigenen - Mutmaßungs- und Gerüchteapparat anwerfen. "So gut wie jeder Klausner, der den Journalisten entgegenkam, wurde vor die Kamera gezogen, um dort irgendwelche Dinge zu sagen oder, im Falle dass er gar nichts zu sagen hatte, zumindest seine Betroffenheit kundzutun."

Klausen ist unter Kunstliebhabern durch eine - im Roman mehrfach erwähnte - Stadtansicht Albrecht Dürers bekannt. In Maiers Roman verschwindet die pittoreske mittelalterliche Architektur unter der alles beherrschenden Autobahn. Das Lokale, personifiziert durch die Bürgerinitiative gegen den Transitverkehr, wird zum unbedeutenden Zwischenfall, der den transnationalen Verkehrsstrom lediglich für wenige Minuten bremst. Die Betonkrake hoch über den Köpfen der Klausner wird aber auch zur Metapher für den alles übertönenden massenmedialen Gerüchtelärm.

Matthias Dusini in FALTER 34/2002 vom 23.08.2002 (S. 53)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Schmerz der Gewöhnung (Joseph Zoderer)

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