Galizische Geschichten

von Andrzej Stasiuk, Renate Schmidgall

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 45/2002

Ein Gespenst geht um in einem polnischen Dorf: Mit seinem neuen Roman "Galizische Geschichten" festigt Andrzej Stasiuk seinen Ruf als Enfant terrible der Literaturszene.
Ein weißer Rabe ist ein schwarzes Schaf. Der Nichtsnutz, Outsider, Fremdling und Sündenbock unserer Alltagssprache, dessen Wurzeln in der europäischen Mythologie zu suchen sind, trägt in der Welt der Slawen den Namen des boshaften Tieres: Es steht für diebisches Verhalten, Aufmüpfigkeit, triebhaftes Verhalten und Lügenhaftigkeit - kurz für Freiheit. Andrzej Stasiuk, Erzähler, Romancier und Journalist, 1960 in Warschau geboren, Superstar der polnischen Gegenwartsliteratur mit Kultstatus, gehört offenbar zu dieser Spezies. Ein Schulabbrecher unter Intellektuellen, ein Hippie unter Punks und Kommunisten in den Siebzigerjahren, ein Hooligan unter den Friedensbewegten, in den Achtzigern ein Deserteur aus der polnischen Volksarmee, der zur Strafe mit normalen Gaunern einsitzt, denen die politischen Häftlinge des Jaruzelski-Regimes ziemlich auf die Nerven gehen, weil sie zu viele Kirchenlieder singen.
All das ist in Stasiuks "Wie ich Schriftsteller wurde" (2000) zu lesen, dem Versuch einer Autobiographie, in dem es zwar um alles Mögliche geht, nur nicht um Schriftstellerei: um sex, drugs and rock 'n' roll im Sozialismus, um den Infantilismus der Polen unter kommunistischer Herrschaft, um die zweifelhaften Höhenflüge der Freiheit durch Alkohol oder darum, warum - politisch nicht ganz korrekt - dem dekadenten Westen eine Paar Jahre Okkupation ganz gut täten.
Stasiuks Ruf als Enfant terrible der Literaturszene hat das Buch gefestigt. Von der Literatur amerikanischer Machart hält er ohnedies wenig, aber umso mehr von den Russen Andrej Platonow und Wenedikt Jerofoejew. Begründet wurde dieser mittlerweile auch internationale Ruf mit den Romanen "Der Weiße Rabe" (1998) und vor allem "Die Welt hinter Dukla" (2000); Hymnen an eine düstere osteuropäische Landschaft am Fuß der Karpaten, ein waste land der Geschichte, das von Hitler und Stalin verwüstet wurde, für fünfzig Jahre im Tiefschlaf des Kommunismus versank und in Stasiuks realistischer Literatur wiedererweckt wurde.
Die Gegend ist endzeitlich, aber wenn bei Beckett, einem von Stasiuks Hausgöttern, ein Romananfang lautete: "Die Sonne schien, da sie keine andere Möglichkeit hatte, auf nichts Neues", so beginnen ein Tag und ein Roman in Stasiuks absurdem Beskidenkosmos wieder sinnlich: "Um vier Uhr früh hebt die Nacht langsam ihren schwarzen Hintern, steht vollgefressen vom Tisch auf und geht schlafen." Und so öde die gottverlassene Gegend sonst zu sein scheint - Stasiuk lebte imagefördernd selbst lange Zeit in einer Holzhütte ohne Wasser und Strom -, so lebendig und auf grausame Weise liebevoll erscheinen ihre Bewohner.
Das ist auch der Fall im neuesten Buch, "Galizische Geschichten", einer Art Roman aus Erzählungen. "Ein Dorf wie Dörfer eben. Beton, Holz, eingefallene Dächer, Reste von Zäunen und eiserne Balustraden bilden einen Teig aus Armut und Sehnsucht nach TV-Welt." Zentrum dieses Dorfes ist das Wirtshaus: "Der Napoleon, der Whiskey und der Cinzano schlafen auf dem obersten Regal, irreal in ihrer Schönheit und unerreichbar wie Frauen aus amerikanischen Filmen." Fünfzehn Erzählungen lang gruppiert Stasiuk ein Häufchen menschlichen Elends um Dorfpfarrer und -polizist, um es vom Nichts ins Nichts zu führen; das Ganze umgibt eine mächtige Wind- und Lichtlandschaft. Marionetten, deren winzigste Bewegungen immer aus dem Jenseits gesteuert zu sein scheinen. Jemand schneidet seine Zehennägel, draußen krümmen sich die Blätter.
Als da sind: Jòzek, ausgemergelter Traktorist, der mit vierzig stirbt; Wladek, der Vater von zwölf Kindern, der mit dem Einzug des Kapitalismus vom Armenhäusler zum Geschäftsmann aufsteigt; der Schmied Kruk, der in suffgesteuerten Wortanfällen alles erzählt, was er je gesehen hat; der Holzarbeiter Janek, der aus Schweden reich zurückkommt; Lewandowski, der von allen weiß, wer mit wem und wer mit seiner Tochter schläft; eine Oma, Mutter von sieben Kindern, deren Mann betrunken im Bach ertrank und deren Haus abbrennt; sowie deren Tochter Maryska, die aus dem Drecksnest immer wegwollte, nie wegkam und irgendwie zuletzt umgebracht wird.
Und schließlich Kosciejny. Der Schaf- und Schweineschlachter ist die Hauptfigur: "Mit kurzen, raschen Bewegungen trennt er den Kopf ab. Die Messerspitze glitt den Bauch und die Beine entlang, die Haut ging ab wie ein Strumpf ... Eine einfache präzise Analyse des Seins." Für seine eigene Analyse dieses Seins lässt Stasiuk Kosciejny dessen Freund Semen Wasylczuk umbringen, offenbar aus Eifersucht. Der Täter stellt sich, wird verurteilt und kehrt ins Dorf zurück, stirbt und spaziert als Gepenst, auf der Suche nach Erlösung, durch die Gegend. Ein lebender Toter unter toten Lebenden.
Die Leichtigkeit, mit der der bizarre Vorgang beschrieben wird, als wäre es selbstverständlich, dass Gespenster in der Welt herumlaufen, und mit der zuletzt in einer vom halben Dorf besuchten Seelenmesse unter Zierharmonikabegleitung das Seelenheil auch erlangt wird (ein Lächeln auf dem Gesicht des Gespenstes) - all das zeichnet Stasiuk als einen Autor von höchstem Rang aus. Kaum jemand, der sich seit Gogol Derartiges getraut hätte, kaum jemand, der so etwas zusammengebracht hätte.
Andrzej Stasiuk sagt einmal, Erlösung sei der eigentliche Grund für sein Schreiben; wenn man spannende Lektüre nicht als solche versteht, wird sie der Leser kaum erreichen. Aber die "Galizischen Geschichten" stellen auf jeden Fall ein Stück jener Osterweiterung der Fantasie dar, für die Literatur immer schon stand: ein Stück Jenseits im Diesseits, und dabei ganz normal.

Erich Klein in FALTER 45/2002 vom 08.11.2002 (S. 62)


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