Untertagblues
Ein Stationendrama

von Peter Handke

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 37/2003

Olle Menschen san eam zwider: Peter Handkes wütend-komischer Monolog "Untertagblues".

Die Genrebezeichnung "Stationendrama" ist wortwörtlich zu nehmen: Peter Handkes neues Theaterstück spielt in einer fahrenden U-Bahn, die zwanzig Szenen entsprechen den zwanzig Stationen der befahrenen Strecke. Der Zug ist zwar gut besucht, aber reden tut die längste Zeit nur einer: der "Wilde Mann", dem Handke eine nicht enden wollende Suada in den Mund legt.

"Und schon wieder ihr." So fängt es an. "Und schon wieder muss ich mit euch zusammen sein." Zumutung Gesellschaft: Der Wilde Mann redet dagegen an. Rund um ihn sitzen lauter Fremde, aber er durchschaut sie alle. "Ich kenne euch von außen wie von innen. Du da, du hast eingewachsene Fußnägel. Und du pfeifst vor dich hin auf offener Straße, und du pfeifst, wenn du irgendwo in der Schlange stehst, und du pfeifst, wenn du in deinem Terminkalender blätterst. Du pfeifst und runzelst dabei die Stirn. Wozu brauchst du im Übrigen einen Terminkalender? Wozu Termine? Ja, schämst du dich denn nicht?"

Der "Untertagblues", das ist "Leute ausrichten" auf höchstem literarischen Niveau. Gnadenlos schließt der Wilde Mann von Äußerlichkeiten auf den Charakter: "Schlüpfer als Schuhe? Was ist von einem, der sich so anzieht, zu erwarten? Kannst nur ein Nichtsnutz sein." An die Frau mit dem um die Brust geschnallten Baby: "Was hat dein Kind dir bloß getan, dass es all die Zeit seine Mutter sehen muss?" An den Blinden: "Dass du da blind bist, ist noch lange kein Grund, vor den Sehenden deine unendlich selbstzufriedene Blindenmiene zur Schau zu stellen!" An alle: "Warum seid ihr heutzutage überall? Wie kann man nur so viele sein?"

Die Rede des Wilden Mannes ist reaktionär, kulturpessimistisch und misanthropisch wie Peter Handke, könnten die Feinde des Autors sagen. Sie ist so genau beobachtet, so präzise formuliert und so grimmig komisch geschrieben, wie das nur Peter Handke zustande bringt, könnten seine Fans erwidern. Tatsächlich kokettiert der Autor damit, mit dem Wilden Mann identifiziert zu werden; aber wer das Stück als Selbstporträt lesen will, muss es sich als Karikatur vorstellen. Die Menschen, die der Wilde Mann beschimpft, entsprechen oft überhaupt nicht seinen Beschreibungen; wenn er endlich allein im Waggon ist, weiß er mit sich gar nichts anzufangen ("Wo bleibt ihr, liebe Hässliche?"), und am Ende findet er in einer Wilden Frau seine Meisterin.

Die Stationen, die der Wilde Mann und seine stummen Mitfahrer streifen, tragen kosmopolitische Mehrfachnamen wie "Dolina - La Paz - Erdberg". Diese U-Bahn fährt um die ganze Welt, das scheinbar kleine Stück meint die ganze Menschheit. Es ist Peter Handkes bestes Drama seit "Publikumsbeschimpfung" (1965). Und es ist das beste Stück, das in Wien derzeit nicht zu sehen ist: Luc Bondys für 14. September als Festwochen-Produktion im Akademietheater geplante Uraufführung mit Gert Voss wurde abgesagt und wird frühestens nächste Saison nachgeholt.

Wer nicht so lange warten will, muss das Buch lesen - allerdings besser nicht in der U-Bahn: "Schluss mit eurem Bücherlesen in der Metro - überhaupt in der Öffentlichkeit. Wem wollt ihr bloß derart vortäuschen, dass ihr Leser seid?"

Wolfgang Kralicek in FALTER 37/2003 vom 12.09.2003 (S. 56)


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