Ich und Kaminski

von Daniel Kehlmann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Daniel Kehlmann wirft in seinem vierten Roman, "Ich und Kaminski", Gewichte ab und beschert dem Leser unter anderem eine schräge Roadstory an die Nordsee.

Sebastian Zöllner ist einer, der im Nichtraucherabteil raucht: nicht weil er Suchtopfer, sondern weil er Stänkerer ist. Seine Misanthropie scheint weniger die Folge von Welterfahrung oder Weltanschauung zu sein als eine Missbildung des Charakters. Darum ist es leicht, über seine ständigen Kollisionen zu grinsen; noch leichter fällt das, wenn seine habituelle Geringschätzung der Mitmenschen von peinlicher Selbstüberschätzung begleitet wird. In Gesellschaft - "Hallo, ich bin Sebastian Zöllner!" - führt jede seiner rücksichtslosen Bewegungen ins Fettnäpfchen oder ins Porzellan, was die Auffassung, Held des Abends gewesen zu sein, aber nicht weiter beeinträchtigt.

Dieser Sebastian Zöllner ist Kunstkritiker, der sich nicht durch Fachkompetenz, sondern durch Opportunismus auszeichnet. Zöllner zieht aus, eine Biografie über den berühmten Maler Kaminski zu schreiben. Sein Kalkül: Die Aufdeckung sensationeller Intima und der bald zu erwartende Tod des greisen, inzwischen erblindeten Meisters werden schon für die entsprechende Auflage sorgen. Verkaufsstrategisch braucht er als Zentralszene seines Buches die Wiederbegegnung des Alten mit Therese, der einzigen Frau, die imstande war, Kaminski seinerzeit zu verlassen. Therese, über siebzigjährig, wohnt an der Nordsee. Also organisiert Zöllner verschlagen, skrupellos und (überraschend) mit Einverständnis Kaminskis die Fahrt in den Norden.

Die Fahrt entwickelt sich zu einer schrägen Roadstory, in deren Verlauf Zöllner vom Entführer immer mehr zum Opfer des herrischen und schlauen Greises wird. Der Leser kann nicht einmal mehr sicher sein, dass Kaminski wirklich blind ist. Ein Anhalter stiehlt Auto und Gepäck, und fortan lebt Kaminski von der Kreditkarte seines Biografen. In Zöllners ehelicher Wohnung stehen seine Koffer, gepackt von seiner Frau; ein anderer Mann wird einziehen ("War es wirklich nötig, dass er auch noch Walter hieß?"). Ein mieser Annäherungsversuch an seine Frau schlägt fehl ("Ich überlegte, ob ich versuchen sollte zu weinen"). Am Ziel der verlustreichen Reise sitzt Therese, die große Geliebte von einst, vor dem Fernseher, verwechselt Kaminskis Vornamen (Manuel - Miguel) und lädt ihn zur "Millionenshow" ein. Unbrauchbar als Sensation. Und das ist noch nicht einmal das Ende von Zöllners Niederlagen.

Das Buch unterhält, dafür ist es gemacht. Haben wir Unterhaltungsschriftsteller in Österreich? Kehlmann bewegt jedenfalls ein unterhaltungstaugliches Romanpersonal: Figuren mit ausreichend (negativem) Verhaltensappeal, psychologisch so weit plausibel, dass sie weder zur Karikatur verkommen noch das Amüsement durch übergroße Existenzgewichte beeinträchtigen. Der Autor hat eine überraschungsreiche Handlung erfunden, die die Spannung hält, und führt lakonisch und mit Witz durchs Geschehen. Nach drei Romanen, die den Genuss an den irrationalen Räumen hinter der Physik auslebten, wollte Kehlmann etwas Diesseitiges, Leichtes schreiben. Das ist ihm auch gelungen.

Nur ganz am Schluss verliert der niveauvolle Unterhaltungsroman etwas an Niveau: Der Charakterflache muss filmpathetisch posieren; die reizvolle Roadstory verliert an Leichtigkeit, bekommt Bedeutsamkeiten umgehängt, die sie in unseren, um nicht zu sagen in den deutschen, Wertealltag herunterzieht (Männerfreundschaft, Lebensphilosophie ...). Ich habe mich mit zwei Gaunern, die einander ständig betrügen, wohler gefühlt. Am Ende steckt auch die Natur voller Andeutungen ("Der Himmel war niedrig und weit, allmählich löschten die Wellen meine Spuren aus. Die Flut kam"), das Bild welkt zum Sinnbild, und ein amüsanter Ausflug wird mit seinen Konsequenzen bestraft.

Helmut Gollner in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 16)


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