Zahnlose Zeit
7 Bände

von A.F.Th. van der Heijden, Helga van Beuningen

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 22/2003

Sex, Drugs und Impotenz: A.F.Th. van der Heijdens gewaltiger Romanzyklus "Die zahnlose Zeit" liegt nun komplett in deutscher Übersetzung vor. Mit dem "Falter" sprach der niederländische Autor über seinen Hang zur Breite, über trinkende Väter, treue Mütter und den Katzenjammer nach dem Schreiben.

Kein Ende in Sicht" - das ist kein schlechter Schlusssatz für einen Roman. Hat man es bis zu ihm geschafft, so hat man zumindest die 808 Seiten des soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Wälzers "Unterm Pflaster der Sumpf" gelesen. Gemeinsam mit dem gleichzeitig herausgekommenen Roman "Der Gerichtshof der Barmherzigkeit", der schlappe 673 Seiten umfasst, bildet er den dritten Teil des gewaltigen Zyklus "Die zahnlose Zeit", der nun - nach zehn Jahren - endlich komplett in der fantastischen Übersetzung von Helga van Beuningen vorliegt.

Das ist, schon allein sportlich betrachtet, ein epochales Ereignis. Fast zwanzig Jahre lang hat A.F.Th. van der Heijden an der "Zahnlosen Zeit" (Originaltitel: "De tandeloze tijd") gearbeitet, einem rund 3500 Seiten breiten Panorama der niederländischen Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung der devianten Strömungen, aus denen sich Boheme, Studentenbewegung, Hausbesetzer- und Punkszene speiste; und: eine veritable Phänomenologie des Rauschs und der Süchte, in deren Zentrum der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Albert Egberts steht, Bummelstudent, Poetologe, Impotenzler, Frauenliebling und Heroinjunkie.

Mit einem solchen Projekt als beeindruckendem Opus magnum würde jede andere Schriftsteller-Vita ihr Auslangen finden. Nicht so die des 1951 in Geldrop bei Eindhoven geborenen A.F.Th. van der Heijden. Bei ihm drängt alles in die Breite. Schon die Kette der gewichtig latinisierten Vornamen - Adrianus Franciscus Theodorus -, die auf den Buchdeckeln stets zu A.F.Th. verkürzt wird (Freunde nennen ihn übrigens "Adri"), verrät etwas vom barock-ausufernden Wesen dieses Autors und seines Schaffens. Dabei hatte dieser ursprünglich gar nicht vorgehabt, einen Zyklus von solchem Umfang zu schaffen. Am Anfang stand lediglich der Plan zu einem 600 Seiten starken Roman mit dem Titel "Scheren". Als der Verleger angesichts der Kalkulation des Ladenpreises (etwa 65 Gulden) den Kopf zu wiegen begann, meinte van der Heijden: "Okay, dann mach ich zwei Bücher draus." Geworden sind es schließlich sieben: ein Prolog ("Die Schlacht auf der Blaubrücke"), ein Intermezzo ("Der Widerborst") sowie fünf große Romane (neben den bereits genannten noch "Das Gefahrendreieck", "Fallende Eltern" und "Der Anwalt der Hähne"). Dazwischen erschienen außerhalb des Zyklus auch noch einige "kleine" Romane (von denen "Ein Tag im Leben" und "Die Drehtür" auch ins Deutsche übersetzt wurden). Zurzeit arbeitet van der Heijden an seinem nächsten Zyklus: "Homo Duplex" behandelt den Ödipus-Stoff; der einleitende Band null umfasst 730 Seiten und ist im Original bereits erschienen; Band eins, "Schmerzliche Füße", folgt im Herbst.

Dass es diesmal beim projektierten Umfang bleiben wird, ist - bei aller Tendenz zur magischen Verbreiterung - nicht ganz unwahrscheinlich, wie van der Heijden erklärt: "Nach Beendigung der ,Zahnlosen Zeit' habe ich viele Jahre an den acht Bänden von ,Homo Duplex' gearbeitet: Ich hatte einen guten Einfall für Band drei, dann wusste ich plötzlich, wie alles enden sollte, habe also sofort an Band sieben geschrieben, bin dann wieder zu Band zwei zurückgegangen ... Das hat eine starke Struktur geschaffen, die nicht als Plan an der Wand hängt, aber sehr fest in meinem Kopf sitzt. Die Zahnlose Zeit' ist viel intuitiver entstanden, und die Struktur kam erst hinterher, wohingegen sie bei Homo Duplex' schon da war, noch bevor irgendetwas davon publiziert wurde."

Begonnen hat es mit der "Zahnlosen Zeit" im August 1977, als van der Heijden "einen Ton und einen Rhythmus gefunden hatte". Ein Interview mit dem "Haus-Junkie" einer Amsterdamer Zeitung, in dem dieser unter anderem über die Eignung gewisser Scheren zum Autoknacken Auskunft gab, schuf ein erstes starkes Bild, an dem sich die Fantasie des Autors zu entzünden vermochte. "Etwas später, im September 1977, habe ich dann selbst eine bizarre Nacht in Amsterdam durchgemacht." Sie war das Vorbild für die berühmte "Schneenacht im September", der die letzten 180 Seiten des "Gerichtshofs der Barmherzigkeit" gewidmet sind. Die Feier seines 10.000sten Lebenstages führt Albert am 21. September durch eine Anzahl von Kneipen, Bars und Bordellen; zunächst in Begleitung des Zuhälters und Dichters Krijn, der ihn mit Kokain und Whisky versorgt. In den Morgenstunden schließlich trifft Albert den Türken Ali, der ihn nach Hause begleitet - eine Begegnung mit fatalen Folgen: Ali entpuppt sich als Heroindealer, der in der Folge Albert mit Stoff versorgt.

Ursprünglich sollte Band drei der "Zahnlosen Zeit" überhaupt "ein Mythos, ein Loch zwischen Band zwei und vier" bleiben. Das erwies sich allerdings als unmöglich. Nun laufen in den beiden Romanen all die Fäden zusammen, die der Autor in seinem epischen Labyrinth ausgelegt hat. In den exakt datierten Abschnitten des Buches meldet sich nicht nur der Protagonist, sondern auch ein gutes Dutzend von Haupt- und Nebenfiguren zu Wort. Wer dabei den Überblick verliert, dem leistet das ebenfalls soeben erschienene "Gruppenporträt" wertvolle Orientierungshilfe, indem es die Frage beantwortet: "Wer ist wer in der Zahnlosen Zeit'?"

In der Chronologie des Verfassens bilden die beiden Romane von Band drei das Schlussstück des ganzen Zyklus; in der Chronologie der Handlung folgt noch "Der Anwalt der Hähne". An die Vollendung der "Zahnlosen Zeit" kann sich van der Heijden noch heute erinnern: "Das war im Mai 1996, als ich eine kleine Lesereise durch Deutschland machte und in Münster noch eine halbe Seite überarbeiten musste, die ich dann an meinen Verlag gefaxt habe." Der Abschluss eines solch extensiven und arbeitsintensiven Werks muss bei einem Autor doch eine gewaltige Euphorie freisetzen? Van der Heijden verneint. "Man denkt, dass es eine unglaubliche Befreiung sein wird. Aber wenn es so weit ist, gibt es nur Trauer. Ein Buch zu vollenden ist noch fröhliche Arbeit, aber ein Buch vollendet zu haben ist deprimierend. Dann kommt das große schwarze Loch." Und wie kann man vermeiden, vollends in dieses zu stürzen? "Mein großer Kollege Simenon hatte drei Prostituierte gleichzeitig nötig. Ich suche eher eine Kneipe auf, um mir etwas unechte Entspannung zu besorgen."

Apropos Kneipen: Sie spielen eine zentrale Rolle in der "Zahnlosen Zeit". Alberts Vater etwa, der - wie der Vater des Autors - in den Fünfzigerjahren als Lackierer bei Philips arbeitet, verschwindet ganze Wochenenden über im Wirtshaus. Was die entsprechenden Folgen auf das Familienleben hat. "Warum ich vom Rausch so fasziniert bin, weiß ich nicht. Ich denke, es hat damit zu tun, dass mein Vater mit seinem normalen Gesicht wegging und mit total verändertem, grünem Gesicht wieder nach Hause kam. Solange er in der Kneipe war, war mein Vater froh. Aber er wusste, wenn er nach Hause kommt, würde es lange, böse Gesichter geben. Und davon wurde er selbst böse, noch bevor er nach Hause ging. Er wurde aggressiv und gewalttätig. Es war schon so, wie ich das in Fallende Eltern' beschreibe."

Wie sein Alter Ego Albert Egberts beschloss auch der junge van der Heijden, den Kampf mit dem Vater auf dessen eigenem Terrain auszutragen: "Es war ein Match in Betrunkenheit. Wie Albert sagte ich zu mir: Heute muss es geschehen; ich muss wissen, was unten in der Flasche ist, dann lerne ich meinen Vater kennen. Albert trinkt fast eine ganze Flasche Whisky und stirbt beinahe an einer Alkoholvergiftung. Das ist mir mit 17 auch passiert - nicht gerade ein Abenteuer, auf das man stolz ist. Vielleicht ist die ganze
Zahnlose Zeit' ja nur eine Studie der Veränderung meines Vaters."

Albert ist unfähig, dezidiert für oder gegen seinen Vater Stellung zu beziehen. Das schönste Bild für diese Ambivalenz, das die physisch-konkrete und die symbolische Ebene auf die für den Autor typische Weise verschränkt, ist eine Szene aus dem "Gefahrendreieck", in welcher der völlig betrunkene Vater über eine Leiter in die abgeschlossene Wohnung einsteigen will. Dabei bittet er Albert, ihm das Fenster zu öffnen - an dem allerdings die Leiter lehnt und das nach außen aufgeht. Was soll der in panischer Lähmung verharrende Sohn also tun? Verweigert er den Gehorsam, wird der Vater noch wütender; befolgt er die Anweisung, stößt er ihn samt Leiter um und erzielt das nämliche Resultat.

Kindheit, das ist, folgt man Heimito von Doderers berühmten Eingangssätzen von "Ein Mord den jeder begeht", wie ein Eimer, den man "über den Kopf gestülpt" bekommt: "Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer Kleidung oder Kostüme wechseln wie er will." Worte, die als Motto über den "Fallenden Eltern" stehen könnten, wie van der Heijden findet; erzählt der Roman doch nicht zuletzt davon, wie Albert Egberts einsehen muss, dass er dem hassgeliebten Vater ähnlicher ist, als er es wahr haben will. Hat der Autor im Prozess des Schreibens sich auch am eigenen Vater abgearbeitet? "Auf Niederländisch heißt es: Ich habe mir dieses Problem abgeschrieben. Worauf ich immer sage: Ich schreibe mir Probleme zu. Sobald etwas auf dem Papier steht, ist es auch noch Literatur geworden, womit man es nur noch vergrößern kann. Das hat immerhin den Vorteil, dass man es besser sieht."

Die Parallelen von Autobiografie und Fiktion haben aber selbstverständlich ihre Grenzen. In der Zahnlosen Zeit' fungiert Egbert Egberts, Alberts Onkel, als dessen Idealvater. Einige Indizien sprechen sogar dafür, dass er der leibliche Vater Alberts sein könnte. "Inwiefern Albert da Mythologie pflegt, weiß ich nicht. Ich habe das geschrieben, um es zu dramatisieren. Wir hatten einen Hausfreund, der nicht Egberts, sondern Egbers hieß. Nachdem meine Mutter Fallende Eltern' gelesen hatte, meinte sie: Es ist natürlich alles Fiktion. Aber falls du gedacht haben solltest, dass ich wirklich etwas mit Egbers gehabt habe, muss ich dich enttäuschen.' Das fand ich eigentlich sehr rührend."

Auch die Drogenexzesse seines Protagonisten hat van der Heijden selbst nicht eins zu eins so erlebt: "Ich habe mit Heroin nie etwas zu tun gehabt, mit Kokain vielleicht drei, höchstens vier Mal. Das sind nicht die Dinge, die ich suche. Mit Kokain und auch mit Alkohol ist es zu einfach. Ein Rausch muss schwieriger zu finden sein. Es gibt andere Räusche: eine lyrische Aufregung über schöne Dinge zum Beispiel. Mein Rausch ist das Schreiben; dabei komme ich am dichtesten an das ran, was ich unter Rausch verstehe."

Selbst der Quartalssäufer Ernst Quispel, Protagonist des für seine virtuos geschilderten Katervisionen und Delirien berühmten Romans "Anwalt der Hähne", sucht nicht einfach die Dröhnung und wird vom Wodka, den er literweise in sich hineingießt, nicht wirklich betrunken. Nach drei Wochen ist seine Euphorie, die wahre Ursache seines Rauschzustandes, aber verflogen, und es setzt ein furchtbarer Katzenjammer ein.

Dem Rausch und seinen Folgen, dem sich die "Zahnlose Zeit" in epischer Breite und akribischer Detailversessenheit widmet wie ansonsten nur dem Sex (siehe etwa die "Orgie am Sonntag" in "Unterm Pflaster der Sumpf"), ist nur eine Facette von Alberts großem Projekt: dem "Leben in die Breite". Dabei geht es darum, der Linearität der Zeit ein Schnippchen zu schlagen und sie durch die Herstellung einer Synchronität von Erinnerungen und Ereignissen zu verbreitern, den Fluss zu verlangsamen. Im Übrigen war, wie ein in dem erwähnten "Gruppenporträt" abgedruckter Brief des Autors von 1981 belegt, die "Zahnlose Zeit" einmal als Romantrilogie über drei Flüsse - Dommel, Waal und Amstel - geplant gewesen, die alle zusammen mit ihren jeweiligen Eigenarten - "der Stillstehende, der Vorbeifließende, der im Sande Verlaufende" - auch für "das Leben als Fluss" stehen sollten.

Albert hat Angst, still zu stehen, und findet ausgerechnet in der Sucht Bewegung - allerdings die eines Laufrads: Albert steht in der Bewegung still. Für sein Leben in die Breite' ist das sehr gut: Der Körper ist im Laufrad gefangen und kann dem Gehirn das Leben in die Breite überlassen." Van der Heijden, der über ein ähnlich fantastisches Erinnerungsvermögen verfügt wie sein Protagonist und einen Tag aus den Siebzigerjahren vollständig (samt meteorologischen Detailangaben) nacherzählen kann, gesteht allerdings, dieses "Leben in die Breite" bisher nicht wirklich gefunden zu haben: "Es ist für mich immer ein Idyll geblieben. Ich habe es Albert geliehen, der es zwar auch nicht schafft, aber sich ihm immerhin nähert."

A.F.Th. van der Heijdens eigenes Leben besteht - wie könnte es angesichts eines solchen Œuvres auch anders sein - hauptsächlich aus Arbeit. Was ihn nicht davon abhält, in seiner Amsterdamer Stammkneipe, dem Café Welling, abzuhängen. Dass er in einer Art Schichtbetrieb zwischen Schreibtisch und Stammtisch pendle, wie das sein Freund Robert Menasse vor einigen Jahren im Falter behauptete, kann van der Heijden allerdings nicht bestätigen: "Ich bin natürlich sehr glücklich darüber, dass Robert Menasse in Wien für mich einen kleinen Mythos schafft. Aber ich kann nicht sagen, dass es wirklich so aussieht. Ich kann schon drei Wochen im Stück arbeiten, ohne irgendwelche Leute - außer meine Frau und meinen Sohn - oder eine Kneipe von innen zu sehen. Dafür können die drei Wochen danach etwas chaotischer werden, und man sieht mich öfter in der Kneipe. Das hat Robert Menasse auf den Gedanken gebracht, dass ich drei Wochen arbeite und drei Wochen saufe. Ja, wenns nur so schön wäre ..."

Klaus Nüchtern in FALTER 22/2003 vom 30.05.2003 (S. 22)


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