Die exilierte Sprache
Mit einem Vorwort von Peter Nadas

von Imre Hochgatterer, György Buda

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 14/2003

In seiner soeben veröffentlichten Essaysammlung "Die exilierte Sprache" umkreist Imre Kertész klassische Themen des ausgehenden 20. Jahrhunderts - und beharrt dabei stets auf Kunst.

Ein Schriftsteller muss sich vor allem davor hüten, geistreich zu werden, wenn er nichts mehr zu sagen hat." Die antiquiert anmutende Maxime stammt vom Ungarn Imre Kertész und bezieht sich auf das eigene Schreiben. Holocaust und die Gefahr, "geistreich zu werden"? Hat nicht gerade Kertész, der für den "Roman eines Schicksallosen", die Beschreibung seiner Deportation in das Konzentrationslager Buchenwald, voriges Jahr den Nobelpreis für Literatur bekam, mit seinen Büchern ("Fiasko", "Kaddisch für ein ungeborenes Kind"), den wenigen Erzählungen und zwei Journalen ("Galeerentagebuch", "Ich - ein anderer") höchste Schreibökonomie, Zurückhaltung und das Gegenteil von geistreicher Instrumentalisierung der Shoah bewiesen?

Der Akzent bei Imre Kertész' Überlegung liegt denn auch auf "etwas zu sagen haben", gemeint ist damit das für ihn einzig adäquate Mittel, die Ermordung der europäischen Juden darzustellen: der klassische europäische Roman. Das Problem dabei ist nur der Umstand, dass das in der großen polyphonen Erzählung implizierte humanistische Menschenbild in den Lagern der Nazis zerstört wurde. (Zur Erinnerung: Kertész hat im "Roman eines Schicksallosen" die Form der Erzählung an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt. Die "Entwicklung" des deportierten Jugendlichen führt in Auschwitz bis hart an den Rand des Todes, in einem mühsamen Akt der Selbsterschöpfung wird der beinahe tote Protagonist zum Leben "erweckt" und gelangt in die Freiheit. Provokanter Schluss: Der in die Heimat Budapest Zurückgekehrte spricht vom "Glück im Konzentrationslager".)

Es sind solche Überlegungen, die man in "Die exilierte Sprache", achtzehn zwischen 1990 und 2002 verfassten Essays und Reden, findet. Auschwitz, der "Wert von Auschwitz" bildet den Fokus für beharrliche Fragen nach dem eigenen, säkularen Judentum, nach Europas Vergangenheit und Zukunft, nach Deutschland, dem Leben in der kommunistischen Diktatur - klassische Themen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. In immer neuen Anläufen umkreist Kertész die Fragen des Überlebens, was es heißt, "Medium von Auschwitz" zu sein; beharrlich grenzt er sich vom Typus des Intellektuellen ab, in dem er fast immer den Produzenten von Ideologien sieht, und beharrt auf Kunst.

Er polemisiert dabei gegen die Holocaustindustrie, bezeichnet einen Steven Spielberg unverhohlen als "Holocaustvoyeur" - auch der Umstand, dass "Schindlers Liste" Millionen von Menschen überhaupt erst auf die Konzentrationslager aufmerksam gemacht hat, rechtfertig in seinen Augen den "Kitsch" nicht im Geringsten. Den Berliner Streit über das Denkmal "für die ermordeten Juden Europas" kommentiert er mit dem sarkastischen Bild eines Holocaustkindergartens. Kertész weist den Vergleich von deutschen Konzentrationslagern und sowjetischem Gulag als "Mythologisierung" zurück, betont aber sogleich, dass es gerade das Leben im dekadenten, ungarischen Stalinismus war, das nicht nur seinen Selbstmord verhinderte, sondern ihm auch jene illusionslose "Freiheit" erlaubte, die ihm erst eine Sprache für das Konzentrationslager gab: das Maß jener Subjektivität, das allen Totalitarismen entgegensteht, die exilierte Sprache des Romans.

Was an Imre Kertész' Texten vor allem besticht, ist die Komplexität, mit der das Ganze anvisiert wird, und die Leichtigkeit der Mittel, die dafür eingesetzt werden. Sie sind - nebenbei - für Gedenkreden unbrauchbar; dafür aber ist die Emphase grenzenlos, mit der Kertész gegen alle metaphysischen Verdikte über die Möglichkeit einer Literatur nach Auschwitz spricht, vom Glauben an Literatur spricht - auch gegen die theoretische Banalität vom "Tod der Literatur". Wirkliche Begeisterung bringt er nur auf angesichts der Unbestechlichkeit des ungarischen Exilschriftstellers Sandor Marai ("Die Glut") oder eines Films wie "La vita e bella" von Roberto Benigni: ein trauriges Poem, das ihn ermutigt, am Zustand der Welt nicht gänzlich zu verzweifeln.

Wird Imre Kertész mitunter doch nur geistreich, findet sich sogleich ein ironischer Ausweg: Er wird direkt. "Es ist gut, sterblich zu sein", heißt es in "Von der Freiheit zur Selbstbestimmung"; das Leben in der ihm immer fremder werdenden Heimatstadt Budapest resümiert er mit: "Es ist die Liebe, die mich am Leben erhält." Das ist nicht mehr Ironie, sondern Neues Testament nach Auschwitz. Am Ende einer Israelreise, auf der er sich beim Gedanken ertappt, lieber einen Davidsstern auf einem israelischen Panzer als auf der eigenen Brust zu sehen, sagt er beim Verlassen des Flugzeuges: "God save Israel!" Jemand aus der Mannschaft fragt verwundert zurück: "What did he say?"

Der Dialog ist fast eine Minimaldefinition von Imre Kertész' Literatur. Man glaubt im ersten Moment, nicht richtig gehört zu haben, und fragt sich, ob so etwas überhaupt gesagt werden darf. Seine Essays und Reden sind - um es mit einem seiner Kronzeugen, mit Nietzsche zu sagen - Gedanken, die mit Taubenfüßen landen. Sie sind es, die in Wirklichkeit die Welt bewegen. So gängig die Formel vom Überlebenden des Holocaust als "Lebender nach dem Leben" ist, als eigentlich Toter unter Lebenden - von Imre Kertész hat man eher den umgekehrten Eindruck: Dass er einer der wenigen Lebenden in einer Welt von Toten ist. "What did he say?"

Erich Klein in FALTER 14/2003 vom 04.04.2003 (S. 63)


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