Schiffbruch
Roman

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Verlag: Suhrkamp
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 18.08.2003

Rezension aus FALTER 48/2003

Wird man in einer Bar von einem Fremden auf einen Drink eingeladen, ist Vorsicht geboten. Entweder hat der Spender sexuelle Absichten oder er braucht einen Zuhörer. Der Mann, der den Erzähler in Louis Begleys siebentem Roman, "Schiffbruch" ("Shipwreck"), auf einen Whiskey einlädt, gehört eindeutig in letztere Kategorie: Er will reden. An diesem und den folgenden Abenden wird er seinem Zuhörer buchstäblich einen ganzen Roman erzählen.

John North lebt als angesehener Schriftsteller in New York und hat weder private noch berufliche Probleme. Er ist glücklich mit der wohlhabenden Ärztin Lydia verheiratet; sein neuer Roman "Der Ameisenhaufen" hat gute Kritiken bekommen und soll verfilmt werden. Weil die französische Übersetzung des Buches soeben erschienen ist, befindet sich North am Beginn der Geschichte gerade in Paris, um Interviews zu geben. Das Verhängnis begegnet ihm in Gestalt einer jungen Vogue-Redakteurin namens Léa, mit der er eine heftige Affäre beginnt: "Mit Léa drang ich in die Welt eines neuen Sex ein. Eine gute Welt." Es ist das erste Mal, dass er seine Frau betrügt, und obwohl er in der ersten Euphorie sogar von Liebe spricht, stellt North seine Ehe nie infrage.

Die Gier treibt die Liebhaber immer wieder zueinander, aber die "Amour Fou" wird für North mehr und mehr zur Belastung. "Der Sex war gut wie immer. Die Unterhaltung nicht", hält er lakonisch fest. Die unzähligen Botschaften, die Léa auf dem Anrufbeantworter seines Büros hinterlässt, nerven ihn; ihr wiederholt geäußerter Wunsch, seine Frau kennen zu lernen, beunruhigen ihn; und als die Geliebte dann in Martha's Vineyard auftaucht, wo North gerade mit seiner Frau Urlaub macht, steuert seine Erzählung (und der Roman) auf einen zwar erwarteten, letztlich aber doch überraschenden Showdown zu.

Der Held von "Schiffbruch" ist, wie viele Begley-Figuren, ein eher kühler Typ. Dass man sich weniger für ihn erwärmen kann als für seine Kollegen aus den anderen Romanen, hat andere Ursachen: North wirkt etwas flach - was vielleicht damit zusammenhängt, dass er selbst es ist, der seine Geschichte erzählt. In der Figur des weitgehend stummen Zuhörers kann man - wenn man will - die Haltung des Autors wiedererkennen: den geduldigen Zuhörer und neugierigen Beobachter Louis Begley, einen Anwalt der großen Leute, der die Nöte seine Klienten mit leisem Spott und nobler Empathie vertritt.

Wolfgang Kralicek in FALTER 48/2003 vom 28.11.2003 (S. 64)


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