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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 48/2003

Über Auschwitz kann man nur einen schwarzen Roman schreiben, einen, mit allem Respekt gesagt: Kolportageroman in Fortsetzungen, der in Auschwitz beginnt und bis zum heutigen Tag dauert." Das schreibt Imre Kertész in seiner Nobelpreisrede, die nun dem als Gratisbuch neu aufgelegten, mit Bürgermeistervorwort und Fernwärmegeschäftsführernachwort versehenen Filmdrehbuch "Schritt für Schritt" hinzugefügt wurde. Kertész selbst hat sich an diese Einsicht gehalten und mit "Liquidation" soeben einen Roman veröffentlicht, der das Andauern von Auschwitz zum Thema hat. Damit schreibt er seinen Fortsetzungsroman noch einmal fort, und die "Trilogie der Schicksallosigkeit", die 1990 abgeschlossen schien, wird zur Tetralogie erweitert.

Im Zentrum von "Liquidation" steht der Schriftsteller B., der im Dezember 1944 im Lager Birkenau zur Welt kam und sich 1990 das Leben genommen hat. Zu seinem literarischen Nachlass gehört unter anderem das Stück "Liquidation", in dem B.s Freunde als Figuren auftreten und Dialoge sprechen, die sich in der Realität wiederholen, als imitierte das Leben die Literatur. Während der Lektor Keserü besessen nach dem letzten großen Roman seines Freundes und damit nach Erklärung und Abschluss eines freiwillig beendeten Lebens sucht, weiß B. selbst, dass die Literatur dort scheitern muss, wo sie allenfalls kitschige Anekdoten produziert, selbst wenn sie sich an die Fakten hält - etwa diejenigen von der Geburt und vom Überleben eines Säuglings in Birkenau, "dieser regelwidrigen, einmaligen Betriebspanne").

"Liquidation" spielt im Jahr 1999 und versammelt eine Hand voll desillusionierter, müder ungarischer Intellektueller, die mit der neuen Freiheit nichts anzufangen wissen. Er integriert Zitate, verschiedene Textsorten und korrespondiert mit Kertész' "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" (1992), in dem ein Auschwitz-Überlebender und Schriftsteller namens B., der seiner Frau (die ihn längst verlassen hat) das gewünschte Kind verweigert hat, vor sich hin monologisiert. Die selbe Konstellation findet sich auch "Liquidation", wo die einheitliche Perspektive allerdings kaleidoskopartig aufgebrochen wird und im Laufe des Romans auch B.s Geliebte Sára und seine Frau Judit zu Wort kommen, die sich aus dem Gravitationszentrum des (selbst-)zerstörerischen B. in die Liebe zu einem anderen Mann retten kann.

In ihrer ganzen Bewegung unterläuft die Erzählung des Romans die Suche Keserüs nach dem großen Werk, das was auch immer erklären oder kompensieren soll. Damit opponiert "Liquidation" aber auch gegen eine sinister strahlende negative Theologie, die das Unheil immer schon über die Menschheit verhängt weiß und es noch einmal bestätigt. "Ich musste mich der nüchternen Tatsache entsinnen, dass der Mensch ein sowohl physisch als auch moralisch heillos ausgeliefertes Wesen ist", erkennt Keserü nach einem staatspolizeilichen Verhör. Aber wenn die Hoffnung, wie Kertész in seiner Nobelpreisrede meint, "ein Instrument des Bösen" ist, dann ist Ernüchterung möglicherweise ein Komplize der Freiheit.

Klaus Nüchtern in FALTER 48/2003 vom 28.11.2003 (S. 22)


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