Istanbul war ein Märchen

von Mario Levi, Barbara Yurtdas

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

255

Levi, das ist kein türkischer Name, sondern ein jüdischer, internationaler, nicht wenige seiner Träger haben Weltberühmtheit erlangt. Mario, auch nicht türkisch, sondern lateinisch, romanisch, spanjolisch – diese Sprache, das westliche Pendant zum östlichen Jiddisch, kommt in Mario Levis Istanbul-Roman ein paar Mal vor: Die Großmutter des Ich-Erzählers scheint außer Spanjolisch kaum andere Sprachen verstanden zu haben. Davon abgesehen ist dieser Roman auf Türkisch geschrieben, und es zeigt ­einen außerhalb der Türkei wenig beachteten, weil mit dem Stereotyp der "Islamisierung" nicht vereinbaren Aspekt Istanbuls, das Miteinander zahlreicher Minderheiten, die Berührungen zwischen ihren Kulturen. Ein türkischer Multikultiroman? Könnte man sagen. Sogar ein versprengter Offizier der kaiserlich-königlichen Armee kommt darin vor. Multikulturalität nicht als Modeerscheinung, sondern mit weit zurückreichender geschichtlicher Tradition, Säuberungswellen und nationalistischen Ideologien zum Trotz.

"Istanbul war ein Märchen", dieser umfangreiche, in 100 miteinander verzahnten Geschichten dahinschwingende Roman hat kein Zentrum, er ist ein Flechtwerk, ein Rhizom. Ein Großteil seines Personals ist jüdischer Herkunft, es sind große Familien, Sippen, von denen es immer wieder einmal ein Mitglied in ein fernes Land – Ägypten, Mexiko, Argentinien, England – verschlägt, die aber letzten Endes doch irgendwie mit Istanbul verbunden bleiben. Andere Figuren sind multiethnisch, denn der Austausch gerade zwischen den Minderheiten ist rege, im Notfall schützen sie einander wechselseitig; zum Beispiel "Sedat, der Araber, dessen Vater ein Armenier aus Antalya und dessen Mutter eine ­Jüdin aus Antep war." Armenier, Araber, ­Juden, Griechen … Kurden kommen nur am Rande vor, durch den Zufall der Lebens­geschichten – oder durch den Genozid am Beginn des 20. Jahrhunderts?
Levi erzählt keine Idyllen, er berichtet von der Härte des Daseinskampfes zu einer Zeit, als das Land noch wenig entwickelt war. Er skizziert die politischen Rahmenbedingungen dort, wo sie das Leben der Protagonisten unmittelbar betreffen. Etwa das "schreckliche Erwachen" im September 1955, als es zu Pogromen kam, die sich vor allem gegen die griechische Minderheit richteten, in geringerem Maß gegen die jüdische. Oder die "Einberufung der 20 Jahrgänge" zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, als die jungen Männer der nichtmuslimischen Minderheiten eingezogen wurden und Anlass zur Befürchtung bestand, dass sie auf die eine oder andere Weise ihrer Vernichtung entgegengingen.
Der Erzähler greift weit aus. Seine Geschichten, Märchen, wie er sie zu nennen beliebt, umfassen mehr oder weniger das 20. Jahrhundert. Dabei geht er von seinen eigenen Kindheitserfahrungen aus, um sich dann immer tiefer in die Berichte und Fabeln seiner zahlreichen Verwandten und Bekannten einzulassen und zu verstricken. Er folgt den "kleinen Schritten", mit denen diese Leben vorangehen, und erkennt darin die großen Aufbrüche, zu denen die Protagonisten immer wieder imstande sind, auch wenn es sich oft nur um Aufbrüche in illusionäre Traumwelten handelt. Viele von ihnen sind Handwerker, Ladenbesitzer, Hausfrauen, kleine Händler.
Alle diese Geschichten zusammenzufassen, die oft unscheinbar sind oder nur in den Köpfen stattfinden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Dem Erzähler geht es darum, Verbindungswege zwischen den Erzählungen aufzuspüren, Türen zu entdecken, die sich in neue Fiktionsräume öffnen, Seitenarme des epischen Flusses, neue Erzählkerne in einer sich langsam abnutzenden Geschichte. Dazu bedarf es ­einer unerschöpflichen Einfühlungskraft, die aus einer entschiedenen Menschenliebe kommt und in all dem Sinnen und Trachten, in den Versäumnissen und dem Un­gesagten, ja, selbst in den Lebenslügen und Illusionen der Figuren die Form ausmacht, die sie ihrem Leben zu geben wussten.
Die kleinen Unglücksfälle, Seitensprünge, Betrügereien – fast alle haben irgendeinen verborgenen Aspekt, der die jeweiligen Handlungen verständlich und nachvollziehbar macht. Das Erzählen der Geschichten der anderen ist per se ein Akt der Verzeihung. Dabei maßt sich der Erzähler nicht an, ihre "Wahrheit" ans Tageslicht zu bringen. Oft genug begleitet er seine Sätze mit einem vorsichtigen "soviel ich weiß" oder "wie ich es verstehe". Letzten Endes gibt er immer nur eine Version von 1000 möglichen Versionen, und diese Relativität geht in den Duktus, in die Atmosphäre des Romans ein.
"Zu wissen, dass manche Erzählungen ebenso wie Beziehungen niemals aufhören können, ist der Grund für den Widerstand, den Widerstand bis zuletzt, oder wich­tiger noch, für die Bindung ans Leben." Widerstand wogegen? Wohl gegen die Gesellschaft in der Form, die Institutionen und Ideologien ihr zu verpassen trachten.
Solange die Erzählungen zirkulieren, egal welcher Wahrheits- oder Märchengehalt ihnen eignet, solange besteht eine andere, zivile, tagtäglich aufs Neue sich konstituierende Gesellschaft. Darin liegt die vitale Kraft und die Notwendigkeit des Erzählens vor aller niedergeschriebenen Literatur. Ein Autor wie Mario Levi tut nichts anderes, als diesen mündlichen Erzählungen sein Ohr zu leihen. Er ist wesentlich Zeuge, und seine Kunst ist zuerst und vor allem eine Kunst des Zuhörens. Deshalb auch das lange Schlusswort, das eigentlich nur einen Ausgang aus einer narrativen Maschine markiert, die wie die Märchen der Scheherazade nicht zu funktionieren aufhören kann und soll. Die letzten Worte stehen im Imperativ: "Erzähl mir eine wahrere, realere, ‚ungeschützte' Geschichte … Erzähl … erzähl … erzähl …" Die letzten Zeichen sind drei Punkte, Suspendierungszeichen; irgendwo anders, nicht in diesem Buch, geht die Erzählung im selben Augenblick weiter.

In Levis Schlusswort, das zugleich den Ansatz zu einer neuen Erzählung enthält, begegnet der Ich-Erzähler einer Person, die ihm gleicht, aber älter ist als er, viel älter: ein Sprung durch die Zeit, aber nach vorne und nicht, wie üblich, nach hinten. Der andere ist eigentlich ich. Das altbekannte, märchenhafte Doppelgängermotiv, und eine Reminiszenz an Borges – "Borges und ich" –, aber auch an Pirandello, den Autor, der einmal von seinen Figuren zur Rede gestellt wurde. Levi begegnet nicht nur sich selbst, sondern dem ganzen Personal seines Romans, das er allerdings nicht wiedererkennt, vielleicht deshalb, weil er sie nicht so beschreiben hat können, wie sie "wirklich" – in einer geheimen, unzugänglichen Wirklichkeit – sind. Die "Person an sich" sozusagen, an der sich der Autor abzuarbeiten hat, indem er eine Vielfalt von Personen gestaltet. Es ist letzten Endes das Problem jedes Erzählers, insofern dieser sich selbst aufzuspalten hat in verschiedene Figuren, oder indem er, andersherum betrachtet, die Figuren, die ihm aus der Fantasie (oder aus der Wirklichkeit) entgegenkommen, auf sich zu beziehen und nach seinem Maß darzustellen hat.
Gibt es die Welt, gibt es die anderen? Können wir unser Ghetto überhaupt verlassen? Ist die Wirklichkeit nicht mein Märchen, meine Lüge? "Letztendlich war jeder zuerst sein eigener Gefangener, sein eigener Henker und sein eigenes Opfer." Auch Mario Levi ist, nach so vielen anderen Autoren, denen dasselbe widerfuhr, am Ende der verschlungenen Wege seines Romans auf sich selbst gestoßen.

Leopold Federmair in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 12)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb