Geheimnis
Sieben Tage mit Egon Alt

von Juri Andruchowytsch

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Übersetzung: Sabine Stöhr
Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 387 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.08.2008

Rezension aus FALTER 46/2008

Die Ukraine ist langsam und faul

Juri Andruchowytsch ist der wohl bekannteste Vertreter der ukrainischen Literatur im deutschsprachigen Raum. Durch seine Romane und seine Essays, aber auch durch sein wiederholtes Plädoyer für den Kulturraum Ostmitteleuropa" und die EU-Ambitionen der Ukraine wurde Andruchowytsch zu einer wichtigen Stimme europäischer Integration. Zurzeit (Oktober 2008 bis Juli 2009) ist Andruchowytsch Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin, wo auch das folgende Gespräch stattfand.

Falter: "Geheimnis" ist ein seltsames Buch. Man könnte es für ein Großinterview halten – eine mündliche Autobiografie: Der Journalist Egon Alt befragt den Autor Juri Andruchowytsch, und der erzählt sein Leben. Aber dann sagen Sie gegen Ende, "Geheimnis" sei ein Roman.
Juri Andruchowytsch: Das ist bei mir immer so: Jedes Buch ist autobiografisch und erfunden. Jede Geschichte, auch die eigene, ist Wahrheit und Fiktion. Der Erzähler kann das nicht voneinander unterscheiden.
Dieser Erzähler heißt aber immerhin Juri Andruchowytsch.
Andruchowytsch: Ja, schon, aber das ist vermutlich nur ein Zufall. Sicher ist nur, dass es einen Mann gab wie diesen Egon Alt.
Egon Alt klingt nicht ganz zufällig wie Alter Ego. Kann man sagen, dass Sie sich in ihm ein westliches Gegenüber geschaffen haben, eine Doppelung Ihrer Person in eine westliche und eine östliche Hälfte?
Andruchowytsch: Das ist interessant. So habe ich zwar nicht gedacht, aber man kann es so interpretieren. Für mich war das wie ein Schachspiel mit mir selbst. Du musst auf beiden Seiten ehrlich sein, damit das Spiel gelingt. Jede Frage sollte die vorige Antwort weiterentwickeln und eine spielerische Überraschung sein.
Wenn man "Egon Alt" googelt, bekommt man über 1000 Treffer. Es muss ihn also tatsächlich gegeben haben. Und am tollsten: Es gibt sogar Fotos, auf denen Sie im Gespräch mit ihm zu sehen sind …
Andruchowytsch: Das bedeutet, dass wir die Grenze zwischen Literatur und Wirklichkeit nicht ziehen können.
Allerdings sieht man Egon Alt immer nur von hinten.
Andruchowytsch: Aber auch der Rücken lässt auf eine starke Individualität und eine große innere Kraft schließen. Er ist so ein massiger Typ.
Um welches "Geheimnis" geht es eigentlich?
Andruchowytsch: Das Wort hat für mich verschiedene Dimensionen. Als allerletzte und allerhöchste geht es mir um das Geheimnis, das hoffentlich nie aufgelöst wird: das Geheimnis des Menschen; was überhaupt unsere Persönlichkeit bedeutet; warum ich ich bin. Das Interessanteste am Leben ist doch, dass der Mensch sich selbst nicht bis zum Ende erforschen kann. Es geht auch um das Geheimnis der Zeit und der Entwicklung. Verläuft die Zeit linear oder eher im Kreis? Wie entsteht so etwas wie eine Biografie?
Ich habe gestaunt darüber, wie genau Sie sich auch an die kleinsten Kleinigkeiten erinnern können: Sie wissen zum Beispiel ganz genau, worüber irgendwelche Leute auf einer Zugfahrt nach Prag 1970 bei Ihnen im Abteil gesprochen haben.
Andruchowytsch: Das ist wieder diese dialektische Frage. Einerseits bin ich sicher, dass diese Episode so und nicht anders stattgefunden hat. Andererseits muss ich meine kreativen Ressourcen einschalten, um dieses Gespräch zu erschaffen. Deswegen ist es auch ein Roman.
Dann ist im Grunde jedes Leben ein Roman.
Andruchowytsch: Ja. Das war auch für mich eine Entdeckung.
Wenn also jemand behauptet, eine Biografie zu schreiben und das als Sachbuch bezeichnet, dann können Sie darüber nur lachen?
Andruchowytsch: Das war mein Problem mit der ukrainischen Kritik, als "Geheimnis" erschien. Rezensenten sahen das als Erinnerungsbuch, also als Sachbuch, und bezeichneten es mit dem peinlichen Wort "Memoiren". Da habe ich sofort protestiert. Memoiren schreiben immer viel ältere, bedeutende Leute: Wissenschaftler, Politiker oder Generäle. Sie wollen ihr Leben für die nächste Generation als Muster darstellen, gehen didaktisch vor und chronologisch korrekt. In meinem Fall handelt es sich eher um zufällige Ausschnitte, und ich frage mich schon heute: Warum ist das drin, aber etwas anderes nicht, was doch viel wichtiger gewesen wäre. Es ist eher ein großes Gedicht als eine Autobiografie. Wenn Egon Alt noch leben würde und er das Buch fertiggemacht hätte, dann wäre vielleicht kein einziger Satz so geblieben, wie er jetzt dasteht.
Egon Alt fragt aber auch einmal, ob Sie sich nicht viel zu wichtig nehmen und in Ihrer Bedeutung überschätzen. Was macht Sie so sicher, dass Ihr Leben für andere interessant ist, obwohl Sie kein alter Politiker oder General sind?
Andruchowytsch: Dass ich das geschrieben habe, hat mit meinen Erfahrungen in den letzten Jahren zu tun und dem Gefühl, dass ich immer weniger Verständnis finde. Die Zahl meiner Anhänger wächst, meine Popularität auch, aber sie verstehen mich nicht so, wie ich verstanden werden möchte.
In der Ukraine oder hier im Westen?
Andruchowytsch: Vor allem in der Ukraine.
Worin besteht dieses Unverständnis?
Andruchowytsch: Es geht um meine Motivation, warum ich das und das geschrieben habe, um das Verständnis meiner Texte. Das ist für mich oft enttäuschend, auch bei positiven Kritiken. Dann wird zum ­Beispiel "Zwölf Ringe" als ein Roman über den
inneren Zerfall eines Mannes um die 40
interpretiert. Aber darum ging es mir nicht.
Kann es sein, dass Ihre Enttäuschung auch damit zu tun hat, dass die heroische Phase der ukrainischen Poesie vorbei ist? Sie beschreiben eindrucksvoll die Umbruchszeit der 80er- und frühen 90er-Jahre: Da wirkten Lesungen wie Rockkonzerte, und Gedichte elektrisierten wie E-Gitarren-Soli. Trauern Sie dieser Zeit hinterher?
Andruchowytsch: Ich kann nicht so resolut behaupten, dass das vorbei ist. Schon möglich. Wir erleben heute in der Ukraine aber immer noch die Ausläufer dieser Epoche: Die 80er-Jahre dauern noch an. Es ist eine ukrainische Spezifik, dass bestimmte Prozesse einschlafen, bevor sie abgeschlossen sind. Die kommen dann ein Jahrzehnt später wieder. So ist dieses Land: Es ist langsam und faul. Manchmal sind im Westen schon die nächsten zwei oder drei Epochen vorüber, und bei uns dauert immer noch die erste an. Im Jahr 2007 hat ein Verleger aus Lemberg eine dicke Anthologie über unsere Gruppe Bu-Ba-Bu herausgegeben, mit Gedichten, Essays, Briefen, die wir uns damals geschrieben haben. Und plötzlich gab es ein neues Leben für Bu-Ba-Bu. Es gab wieder Lesungen, volle Säle und ein junges Publikum – vielleicht schon die Kinder von denen damals.
Dann sind Sie der Mick Jagger der ukrainischen Literatur! Apropos Alter: Das steckt ja auch in dem Namen Egon Alt. Sie schreiben viel übers Älterwerden. Als Sie 19 waren, fanden Sie 22-Jährige uralt. Jetzt sind Sie 48, also aus der damaligen Perspektive ein Greis. Finden Sie sich alt?
Andruchowytsch: Nein, keinesfalls. Es ist unvermeidlich, dass die Zeit vergeht und dass wir älter werden. Wenn man aber in der Ukraine behauptet, ich müsse mich für sehr alt halten, weil ich meine Memoiren geschrieben habe, dann trifft mich das an einem schmerzhaften Punkt. Ich wollte ganz im Gegenteil darüber schreiben, dass das menschliche Ich kein Ende hat, weil die Zeit zyklisch ist. Als Kind hatte ich die Vorstellung, dass die Menschen im Lauf des Lebens immer größer und größer werden. Dann verschwinden sie, und dann kommen sie als kleine Leute wieder in diese Welt.
Gestern war ich auf einem Kolloquium. Da zeigte ein Professor aus Toronto Zeichnungen von Leuten, die von Geburt an blind waren. Sie können sich eigentlich nicht vorstellen, wie ein Baum aussieht. Aber diese Zeichnungen sind relativ genau, und sie entsprechen der Realität. Der Professor meinte, dass unsere Augen für unsere Sichtweisen nicht entscheidend sind – die anderen Sinne ersetzen das dann. Ich denke, es könnte auch ein genetisches Gedächtnis geben, gespeicherte Erinnerungen von den Vorfahren.
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Andruchowytsch: Mit 30 hatte ich mal so ein nächtliches Trinkgelage mit Freunden. Da war auch ein älterer Herr dabei. Es war drei Uhr nachts, wir waren alle total besoffen, als er versuchte, aus meinen Handlinien meine Zukunft zu lesen. Doch er kam nur bis 47. Nicht dass ich dann sterbe, das hat er nicht behauptet, aber ich sollte bis 47 alles geschafft haben. Ich habe das gleich wieder vergessen, aber als ich etwa 40 war, bin ich eines Nachts aus dem Schlaf hochgeschreckt: 47! Das Buch "Geheimnis" entstand auch aus diesem Druck, dass mit 47 alles zu Ende sein könnte.
Also doch Memoiren eines alten, eines fast toten Mannes, der aber glücklicherweise seinen Tod überlebt hat.
Andruchowytsch: Vielleicht ist Egon Alt deshalb ums Leben gekommen.
Im Grunde sind Sie aber doch ein glücklicher Mensch. Sie erzählen, dass Sie in Ihrer Jugend davon träumten, Schriftsteller zu werden. Und Sie sagen: "Ich begann an eine schwindelerregende Zukunft zu glauben. Die, in der ich jetzt lebe. Sie ist wahr geworden." Was will man mehr!
Andruchowytsch: Das war so mit 16, als ich erste Gedichte schrieb. Im letzten Jahr ist ein anderer Traum wirklich geworden: dass ich mit einer Rockgruppe singe. Ich habe mit der polnischen Band Karbido aus Wrocław eine CD aufgenommen. Jetzt ist auch die ukrainische Variante erschienen. Im September machten wir eine Tournee durch fünf Städte in der Ukraine, fast wie Mick Jagger.
Also doch.
Andruchowytsch: Das war für mich viel wichtiger als ein neues Buch.
Musik hatte in Ihrer Biografie immer eine große Bedeutung. In den 70ern allerdings weniger die Stones als vielmehr Pink Floyd.
Andruchowytsch: Das stimmt. Die Schallplatten wurden in die Ukraine geschmuggelt und waren nur auf dem Schwarzmarkt zu haben. Manche Namen waren besonders gefragt. Es gab keine Vielfalt, deshalb waren nur einzelne Bands populär. Die Beat­les mehr als die Stones. Deep Purple mehr als Led Zeppelin. Und Pink Floyd.
Dazu wurde unglaublich viel gesoffen. Es ging um den Exzess. Darum, sich genialisch zu fühlen. Auch Dichten ging offenbar nur mit Trinken zusammen.
Andruchowytsch: Ich hatte das Prinzip, niemals im Rausch etwas zu schreiben. Für manche meiner Kollegen und Freunde ist das die goldene Stunde des Schaffens. Für mich war es wichtig, im Rausch aufzunehmen, wahrzunehmen und zu akkumulieren. Aber ich kann in diesem Zustand nicht schreiben. Ohne diese Lebensart gäbe es keine wirkliche Kunst bei uns. Alkohol war die andere Realität. Exzessiv und eskapistisch.
In Ihrer Armeezeit nahm das dann lebensbedrohliche Ausmaße an. In der Kaserne wurde alles gesoffen, was flüssig und alkoholisch war – bis zum Rasierwasser.
Andruchowytsch: Es gab einen selbstgebrannten Schnaps mit Karbid. Deshalb heißt unsere CD "Samogon" – "Selbstgebrannter". Das war für mich eine direkte Assoziation zum Namen der Gruppe, Karbido. Als ich beim Militärdienst war, da tranken wir diesen chemisch hergestellten Schnaps. Das konnte tödlich sein. Manche wurden blind davon. Aber wir Soldaten bekamen wenig Geld, und das war die effektivste Methode. Die Militärzeit war eine traumatische Erfahrung. Das verfolgt mich bis heute in Träumen. Ich weiß dann ganz genau, dass das vorbei ist, dass ich den Militärdienst hinter mir habe, und es ist unerträglich, dass ich wieder dort sein und das wieder erleben muss. Solche Träume habe ich seit 25 Jahren von Zeit zu Zeit.
Da ahnt man, was es heißt, im Krieg gewesen zu sein – was das dann für Träume sind.
Andruchowytsch: Das kann ich nur vermuten. Ich hatte ja eigentlich Glück. Ich blieb die ganze Dienstzeit in der Ukraine, nicht zu weit weg von zuhause, in diesem Wald. Das war nichts Extremes, von Afghanistan ganz zu schweigen. Da hätte ich ja auch landen können in den 80ern.
Was unterscheidet die sowjetische Armee von anderen Armeen? Sind die Muster nicht überall gleich?
Andruchowytsch: Ja, im Grunde ist es überall das Gleiche. Das weiß ich schon aus der Übersetzung ins Deutsche. Die Übersetzerin Sabine Stöhr suchte ähnliche Begriffe, und es gibt sie. Die "Frischlinge" zum Beispiel heißen auf Deutsch "Maden". Da wusste ich: Aha, das gibt es hier also auch. Es geht immer um Erniedrigung und Machtausübung. Aber das sowjetische System war extremer. Und es kommen dann noch die Vielvölker-Verhältnisse dazu, also Konflikte zwischen Russen und Zentralasiaten, zwischen christlichen und muslimischen Völkern. Deshalb war ein Begriff wie "Semlak" so wichtig: Das heißt einfach "Landsmann" und ist ein Synonym für Freund. Wenn du jemanden positiv siehst, dann sagst du "Semlak". Deswegen ist ein Fremder auch innerhalb der Armee wie ein Feind gewesen. Ich kann mir vorstellen, wie das während des Krieges in Afghanistan gewesen sein muss.
"Mit New York ist es wie mit der Armee. Wenn du zurückkommst, musst du einfach davon sprechen", schreiben Sie in "Geheimnis". Die Überwältigung der Großstadt scheint also ähnlich drastisch gewesen zu sein?
Andruchowytsch: New York hat mich überrascht, obwohl ich darauf vorbereitet war. Ich traf dort einen alten Freund aus der Ukraine wieder und sah, was die Stadt mit ihm gemacht hat. Als ich "Geheimnis" schrieb, lebte er noch; Anfang 2006 ist er gestorben. Er hat stundenlang von seinem Leben in New York erzählt – das war schon psychopathisch. Da sah ich diese Stadt anders.
Sie waren auch einige Zeit in Wien – aber von Wien waren Sie enttäuscht.
Andruchowytsch: Das lag an meinen besonderen Erwartungen. Leute meiner Generation in der Ukraine hatten Anfang der 90er-Jahre ein alternatives Bild unseres Landes. Das hat mit dem k.u.k. Erbe zu tun, mit Westbindung, kultureller und historischer Vielfalt. Mit dieser Idee kam ich nach Wien und wollte darüber diskutieren. Ich wollte nicht sagen, dass wir jetzt in Lemberg Österreich brauchen, aber doch, dass sich aus der gemeinsamen Geschichte interessante Verknüpfungen für neue Projekte ergeben, auch künstlerisch. Das ist nicht verstanden und sehr kalt aufgenommen worden. Man interessierte sich überhaupt nicht für den Osten. Das war für mich ein Zeichen, dass das Denken provinziell ist, meine Wien-Enttäuschung.
Was Europa historisch verbindet und prägt, schreiben Sie, ist die Geschichte der Vertreibungen, Deportationen und missglückter Rückkehr. Ihr Albtraum von Europa riecht "wie die Leistengegend alter Soldaten zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges". Das ist grauenhaft. Warum ist dieses stinkende Europa trotzdem ein so großes Ziel?
Andruchowytsch: Nur ein Beispiel. Ein Bekannter aus Litauen arbeitet in Genf bei "Ärzte ohne Grenzen". Er ist litauischer Staatsbürger. Sein Sohn ist 20 und träumt davon, Archäologie zu studieren. Diesen Traum hatte ich auch eine Zeit lang. Der Sohn kommt zu seinem Vater nach Genf, um Französisch zu lernen, dann will er in Frankreich studieren. Er interessiert sich vor allem für die Urmenschen und sagt, in diesem Bereich seien einige französische Unis besonders gut. Er hat völlige Freiheit, das für sich auszusuchen, Sprachen zu lernen und so weiter. Das ist nur dank der EU möglich. Die jüngere Generation nützt das aus. Das ist das Tolle an Europa. Ein jüngerer Ukrainer hat diese Möglichkeiten nicht.
Eines darf in diesem Interview nicht fehlen: das längste deutsche Wort, das Ihre Großmutter Ihnen beigebracht hat: Hottentottenpotentatentantenattentatentäter.
Andruchowytsch: In der Ukraine musste ich natürlich eine Fußnote machen, um das zu erklären. Da sind dann sechs ukrainische Wörtern draus geworden. Bei Lesungen musste ich das immer wieder aussprechen. Das war ein Scherz von Deutschlehrern, weil es im Deutschen so lange Wortzusammensetzungen gibt. Meine Großmutter hat Deutsch unterrichtet.

Jörg Magenau in FALTER 46/2008 vom 14.11.2008 (S. 28)


Rezension aus FALTER 46/2008

Wie Juri A. einem gewissen Egon Alt seinen jüngsten Roman auf Band sprach

Der Interviewroman ist hierzulande durch Wolf Haas' "Das Wetter vor 15 Jahren" (2006) gut eingeführt und hat nun in Juri Andruchowytschs "Geheimnis" einen Nachfolger gefunden. Das ist für eine Trendfeststellung noch etwas dürftig, aber, wer weiß, vielleicht wird dieses Genre noch zu üppiger Blüte finden und der Belletristik neue Leserschichten erschließen. Genau genommen ist "Geheimnis" gar nicht als Roman ausgewiesen. Im ukrainischen Original lautet der Untertitel "Anstelle eines Romans"; in der deutschen Übersetzung sind nur jene "Sieben Tage mit Egon Alt" angeführt, in denen das vorliegende Interview stattgefunden haben soll.
Alt, ein dem Autor "bis dato unbekannter Literaturkritiker", unterbreitet Andruchowytsch den Plan zu diesem Buch im Herbst 2005, und nicht zuletzt weil "unsere Lieblingsgetränke in benachbarte Kästchen des alkoholischen Periodensystems gehörten", willigt dieser ein.
Dass Egon Alt ein etwas obskurer Charakter ist, ergibt sich schon aus dem Umstand, dass er die Gespräche erst nach dem Ableben des Autors herausbringen will: "Dann hat es mehr Gewicht."
Die posthume Veröffentlichung kommt dann tatsächlich zustande, aber wohl anders, als Alt sich das ausgedacht hat, der – gleich alt wie Andruchowytsch – bei einem Autounfall "bei Kilometer 37 der Autobahn A 93 zwischen Nürnberg und Schwandorf" ums Leben kommt; weswegen das vorliegende Buch letztendlich nicht in der Fassung des Alter Egon, sondern im Redigat von Juri Andruchowytsch vorliegt, der "inhaltsleere Stellen und das schon erwähnte Gebrabbel entfernte".
Es ist müßig, darüber zu spekulieren, welche schreibpsychologische Funktion diese Fiktion für den Autor geleistet haben mag. Was das Spiel über die Bande ästhetisch leistet, wird aber auch nicht so ganz klar. Wo Haas einen doppelbödigen, ironisch gebrochenen und erotisch aufgeladenen Schlagabtausch zwischen einem gewissen "Wolf Haas" und der "Literaturbeilage" inszeniert, spielt sich zwischen den Gesprächspartnern von "Geheimnis" deutlich weniger ab.
Der Kontrast zwischen den eher schlichten und einsilbigen Fragen Alts und der mitunter fast schon logorrhoischen Fabulierlust des Autors entwickelt aber mit der Zeit doch einen gewissen Sog. Und auch wenn man von der Fülle an Namen und Details aus dem Leben des Juri A. (bleiben wir der Einfachheit halber bei der schlicht autobiografischen Auslegung) mitunter überfordert wird, begreift man den Status einer Schriftstellerexistenz, die zunächst nicht einmal darauf hoffen durfte, je öffentlich zu werden: "Es schien, als hätte ich ein zweites Leben bekommen – ein geheimes, das wirkliche. Die Poesie wurde mir zu einem dem Rest der Menschheit verborgenen Unterschlupf, in dem dieses geheime wirkliche Leben stattfand."

Das Erstaunlichste an diesem Porträt des Künstlers als gar nicht mehr so junger Mann ist die anhaltende Euphorie, von der diese Abfolge von Exzessen und Erweckungserlebnissen begleitet wird. Smells like teen spirit – und hält über Jahre an. Die Frage, wie sich daneben das Leben mit Frau und Kind organisieren ließ, bleibt indes einigermaßen unterbelichtet. Dem Interview­roman mit Frau Andruchowytsch steht also nichts im Wege. Egon Alt kann den Job allerdings leider nicht mehr übernehmen.

Klaus Nüchtern in FALTER 46/2008 vom 14.11.2008 (S. 30)


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