Klage

von Rainald Goetz

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Verlag: Suhrkamp
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 428 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.10.2008


Rezension aus FALTER 52/2008

Brandauer ist der scheußlichste Mensch

Mir war dann aufgefallen, dass ich wirklich oft tagelang kein einziges Wort laut auszusprechen hatte, außer vielleicht im Supermarkt an der Kasse ein ,Danke, wiedersehn'. Aber ich ging auch nicht jeden Tag einkaufen. Beim Fernsehen kannte ich die Leute, deren Gesichter ich sah, konnte ihre Namen aber nicht aussprechen. Er lag mir nur auf der Zunge. Ich begegnete den Menschen eher im Fernsehen als in echt. Beim Lautlesen übte ich das Sprechen, täglich etwa eine Stunde. Ich fand es schon crazy, nahm es aber hin, dass mein Ich fast am Verschwinden war, weil es verschluckt worden war von den dunklen Jahren."

Der Begriff der Krise ist ein zentraler im Werk des deutschen Autors Rainald Goetz (Jg. 1954), oft bis zur totalen Verfinsterung des Hirns und Herzens. Aber auch die Tatsache, dass der promovierte Mediziner, Historiker und passionierte Textmensch immer wieder aufsteht, um die Welt aufs Neue zu erfassen, zeichnet sein Schaffen aus. Zuletzt herrschte sieben Jahre Funkstille, nachdem er 2000 sein großes Projekt "Heute Morgen" abgeschlossen hatte. Zu dieser fünfbändigen Geschichte der Gegenwart zählten u. a. der Roman "Rave", ein Art Erweckungs- und gleichzeitig Leidensgeschichte, die in der Technoszene spielt, oder das Internettagebuch "Abfall für alle".
Ende der 90er war im Umfeld der neuen deutschen Popliteratur ein regelrechter Goetz-Hype entstanden. Der Suhrkamp-Autor, der 1983 mit dem furiosen Roman "Irre" debütiert hatte, war dem Feuilleton bis dahin als verneinender, alles zersetzender Geist bekannt gewesen. Plötzlich schrieb er hymnische Texte über DJs, lobte die Nacht, den Bass und den Rausch, machte gemeinsame Sache mit Benjamin von Stuckrad-Barre und bemühte sich darum, im Affirmieren jeglicher kultureller und medialer Gegenwartsphänomene auch noch Harald Schmidt zu überholen. Die Sprache war kunstvoll, die Botschaft banal: Alles supa – Hauptsache, es knallt!
In den letzten Jahren wurde viel darüber spekuliert, was der in Berlin lebende Münchner eigentlich macht. Öfter schon war er für einige Zeit von der Bildfläche verschwunden, um einen neuen Werkblock vorzubereiten, und plötzlich wieder aufgetaucht, mit tausenden Seiten Fernsehmitschriften im Gepäck ("1989") oder eben mit Techno als Quell ewiger Jugend. Diesmal wurde gemunkelt, er würde regelmäßig im Deutschen Bundestag sitzen und die Sitzungen protokollieren. Ein Politikroman sei im Entstehen, ach was, der große deutsche Politikroman über die Ära Gerhard Schröder. Doch der ließ auch noch auf sich warten, als längst Angela Merkel das Ruder übernommen hatte.
Im Februar 2007 war Goetz auf einmal wieder da. Ausgerechnet auf dem Webspace der gerade gestarteten deutschen Vanity Fair begann er einen Blog zu schreiben. Das schien wenig aussichtsreich. Erstens kannte man das schon: Mit "Abfall für alle" hatte der Autor schließlich einst Pionierarbeit in Sachen Internetliteratur geleistet. Und zweitens bot der Onlinemarktplatz der Eitelkeiten wohl kaum das richtige Umfeld für die Gedanken des Solitärs.
Es brauchte denn auch seine Zeit, bis Goetz seinen Reflexionsapparat wieder hochgefahren hatte. Die ersten Einträge waren dürftig, zersplittert, wirr. Figuren tauchten auf (und verschwanden wieder). Auch als mit der Zeit der Blick wieder schärfer wurde, blieben die Gedanken kursorisch – das Systematische ist ­Goetz' Sache nicht. Er analysiert Angela Merkels Redeweise, besucht Untersuchungsausschüsse und filmt als "Aldi-TV" mit einer kleinen Kamera Pressekonferenzen mit. "Man kennt die Art, wie Politiker reden und denken, leider wirklich bis zum Überdruss", hält er fest, "viel zu wenig aber [...] die Art des Verfahrens von Behörden, das Denken und Reden der Ämter, Ministerien, Dienste, Missionen, Gerichte, Bundesanstalten und Institute." Überrascht konstatiert ­Goetz: Demokratie funktioniert eh, fleißige Bienchen aus den hinteren Reihen der Parteien halten den Staat am Laufen. Auf die Repräsentanten dagegen drischt er heftig ein. Über die CDU-Familienministerin Ursula Gertrud von der Leyen etwa heißt es: "Da würde man gerne in großem Schwall hineinkotzen, in dieses Gesicht."

Über weite Strecken von Zorn und Hass angetrieben, kippt "Klage" bisweilen ins Asoziale: "I detest, I hate, I am disgusted / disgusted by the trottelei", betet er sich vor, und wettert nicht nur gegen Springer, sondern prangert auch die fortschreitende Boulevardisierung von Spiegel, FAZ und SZ an. Natürlich muss er Peter Steins monumentale "Wallenstein"-Inszenierung sehen, das Resümee gerät umso schmaler: "Brandauer ist der scheußlichste Mensch auf Erden."
Er klagt über seinen Ex-Verlagskollegen Daniel Kehlmann, "der mit seinen praktisch textfreien Büchern die gehobene Angestelltenkultur vertritt", vergleicht Jochen Distelmeyer mit Udo Jürgens, wundert sich über die österreichische Literaturzeitung Volltext ("was für ein crazy Kosmos sich die dort darstellende Welt der Literatur ist") und ist neuerdings sogar gegen Drogen ("Kokain macht dumm"). Dabei tritt er in verschiedenen Maskierungen auf, nennt sich Klage, Kyritz, Henker, Bösor, Kränk, Götz und Goethe.
Über seine Art des schonungslosen Schimpfens schreibt er: "Klage selbst weiß aus langer Erfahrung am besten, dass gerade die persönlichkeitsrechtsverletzendsten Wahrheiten die schönsten Stellen einer Literatur ergeben. Die Beleidigung, die in der Echtwelt stimmt und deshalb trifft, explodiert im Text zur Überwahrheit, regnet auf das Ganze eines Textes als herrlich flirrender Echtweltstaub GLÄNZEND hernieder, ja."

An den schönsten Stellen von "Klage" sorgt der Text tatsächlich für kleine Explosionen im Kopf, wie man sie beim Lesen nur selten erlebt und für die man auch seitenlangen Leerlauf in Kauf nimmt. Es braucht diese Umwege über die Verwirrung, in die Goetz sich und den Leser immer wieder reinschreibt, damit Erkenntnisgewinn und Passagen von herrlicher Klarheit erst möglich werden. Auch Glücksmomente sind dabei. "Es geht doch ganz einfach: leben, ­schreiben, lesen", stellt der Schreiber irgendwann verwundert fest. Er erfreut sich am umstrittenen "Havemann"-Buch ebenso wie an Hans Magnus Enzensbergers "Hammerstein" und an der Machart von Thomas Glavinics "Das bin doch ich" ("eine angenehm unangeberhafte, antiprätentiöse, diskrete Literatur"). Als Soundtrack seiner Tage dient ihm Tocotronics "Kapitulation", in der Kunst ist Wolfgang Tillmans nach wie vor on top, Jonathan Meese findet er auch gut. Manchmal flachst er auch nur rum: "– bei wem hast du dich angesteckt? / – bei Kleist". Und "Bier schmeckt einfach gut".
"Klage" ist eine Textwüste, die der Leser aktiv bewässern muss. Goetz selbst rät zur häppchenweisen Lektüre der gut 400 Seiten hochgejazzten Gedankenstoffs: "Man will sich ja nicht vergiften an der da sprechenden Figur, die in meinem Fall eben STRESSOR ist."
Wohin sich sein Schreiben entwickeln könnte, weiß auch "Hassprediger R. G." nicht so genau. "Fünf Jahre lang würde ich nur noch HASS verbreiten", lautet eine Devise. Indes: "Von der Tatsache dieses Ausblicks auf meine Zukunft wurde ich in sehr große Heiterkeit versetzt." Mal schimpft er auf den traditionell erzählenden Roman, dann wieder gesteht er ein, dass seine Haltung auch mit dem eigenen Scheitern an der Form zusammenhänge.

Die Schattenseiten des Schreibens weiß ­Goetz jedenfalls wunderbar ­darzulegen: "Schreiben fördert eine nicht gerade menschenfreundliche Schärfe der Wahrnehmung und deren Ausbeutung für den Text, es drängt dabei zur Selbstmaximierung, will immer radikaler werden, pausenloser, unabstellbarer, wird auch automatisch selbstbewusster dabei, weil es sich als Agent der Wahrheit erfährt. Genau von dorther tritt dann aber auch die Falschheit und das Schlechte dieses radikalisierten Beobachtens auf und der ursprünglich von ihm geförderten Wahrheit des Schreibens entgegen, denn jede Beobachtung, die ihren Distanzort zum Beobachteten nicht zu verlassen sich bemüht, um sich in intuitiv aktiven Verstehensvorgängen das beobachtete Gegenüber von innen her zu erschließen, ist eine Gemeinheit, eine Asozialität, eine das Weltverstehen limitierende, verbotene Dummheit."
Noch sucht Goetz nach einem Ausweg aus diesem Dilemma.

Sebastian Fasthuber in FALTER 52/2008 vom 26.12.2008 (S. 32)


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