Jungfrau

von Thomas Meinecke

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 39/2008

"Warhol ist der größte Katholik"

This is hardcore: Der gute Onkel der deutschen Popliteratur, Verfasser von Romanen wie "Tomboy", "Hellblau" und "Musik" hat den Glauben als Thema für sich entdeckt. In seinem jüngsten Werk schließt der 53-jährige Autor, Musiker (FSK) und DJ nun katholischen mit diskurstheoretischem Wahnsinn kurz, verbindet Marienerscheinungen mit Frauen im Jazz und Stigmata mit Undergroundfilmern. Und siehe da: Die Gebiete harmonieren ganz prächtig miteinander. "Jungfrau" ist ohne Frage ein harter Brocken. In diesem Falle lohnt es sich freilich, einige Lektürestrapazen auf sich zu nehmen. Nicht nur erfährt man Spannendes über legendäre Abweichler und weniger bekannte Aspekte der katholischen Kirche. Als Zuckerl serviert Meinecke dem Leser auch noch eine komische Liebesgeschichte zwischen einem Theologiestudenten und einer Jazzpianistin. Das Pikante an der Liaison: Er hat sich eigentlich Verzicht auferlegt.

Falter: "Jungfrau" handelt über weite Strecken von katholischer Mystik und sexueller Enthaltsamkeit. Wie geht das mit Ihren Leibthemen Cultural Studies, Pop, Film und Queer Culture zusammen?
Thomas Meinecke: Auch diese Dinge sind nah an Pop gebaut. Oder umgekehrt: Pop hat sich sein Gebäude sehr nah an der Kirche errichtet. Rein musikalisch deduktiv sowieso, man braucht nur an Gospel zu denken. Ohne Gospel wiederum gäbe es Little Richard nicht oder RuPaul und all die genetisch männlichen Diven der Popgeschichte. Verfeindet sind diese beiden Gebiete auf keinen Fall.
Wo hört für Sie der Spaß der Gemeinsamkeit auf?
Meinecke: Ich würde keineswegs eine Lanze für Jazzmessen brechen wollen und finde auch umgekehrt diverse Aneignungsszenarien selbst bei Leuten wie der von mir ansonsten geschätzten Madonna, die sich mal der Kabbala und mal jener Religion widmet, nicht wahnsinnig interessant.
Was hat Sie dann am Thema interessiert?
Meinecke: Vor allem der merkwürdige Komplex, den man gemeinhin "Glauben" nennt. Dafür gibt es in der Popkultur wahnsinnig spannende Erklärungs- oder Annäherungsweisen.
Sie berichten zum Beispiel von Zirkeln, in denen die Hollywood-Trash-Ikone Maria Montez angebetet wurde.
Meinecke: Genau. Speziell in der sexuell anders denkenden Undergroundszene der frühen 60er in New York war da einiges los. In kleinen Lower-Eastside-Wohnungen wurden Altäre für dritt- bis viertklassige Hollywood-Schauspielerinnen eingerichtet! Das hatte vielleicht auch ein wenig katholischen Charakter, war im Prinzip jedoch absoluter Trash. Und das gefällt mir. Ich bin sicher keiner der Schriftsteller, der sich der Religion so zuwendet, indem er vorschlägt: "Lasst uns mal wieder alle frömmeln!" Das gibt es ja auch. Ich habe mir aber schon bewusst ein Thema gewählt, das zur Zeit in der Luft liegt.
Wo kommt dieses wiedererwachte Interesse an religiösen Dingen her? Wenn man es nur auf die unsicheren Zeiten schiebt, macht man es sich zu einfach, nicht?
Meinecke: Ja, obwohl das sicher mitspielt, dass sich jetzt wieder mehr Leute in den Glauben flüchten. Andererseits kommt die Unsicherheit unserer Zeit ja auch stark aus dem Religiösen und aus den religiösen Kämpfen dieser Welt. Es ist ja nicht so, dass die Religion jetzt die große Einfachheit bringen würde. Deshalb konzentriere ich mich auch auf das Katholische mit seinen komplexen und schwer zu erklärenden Dogmen wie der unbefleckten Empfängnis oder der Transsubstantiation, wo in der Eucharistie das Brot zum Leib Christi wird. Ich habe gemerkt, dass man dieses Zeug auch feministisch lesen kann, was ich mir in den letzten zehn, 15 Jahren so ein bisschen als Leseweise und Blick auf die Welt angeeignet habe.
Das funktioniert?
Meinecke: Die ekstatischen Bräute Christi des Hochmittelalters lassen sich mit dekonstruktivistischen feministischen Texten sehr schön pa­rallel lesen. Es gibt längst sowohl eine postmoderne als auch eine feministische Theologie. Ich wurde mal von Salzburger Theologen eingeladen, um über meine Rezeption der Ratzinger-Texte zu reden, weil ich einen Theatermonolog namens "Ratzinger-Funktion" geschrieben habe. Die beiden Theologen waren komplette Turbopostmodernisten und haben mich sehr beeindruckt. Ich kam mir plötzlich fast frommer vor als die.
Wie ist denn Ihr Verhältnis zur Kirche? Noch dazu als Norddeutscher, der in Bayern lebt.
Meinecke: Es ist ein relativ ungestörtes Verhältnis. Ich bin zwar katholisch getauft, aber nur, weil meine Mutter katholisch war und mein Vater evangelisch. Hier in Bayern, wo ich seit über 30 Jahren lebe, habe ich auch kein Problem, der Katholizismus wird sehr party- und rokokomäßig betrieben. Ich gehe zwar nicht zum Gottesdienst, aber ich sehe mir gern Kirchen an. Und dass die Bullen nicht in die Kirche reindürfen, finde ich natürlich auch toll.
Wie sieht's mit Papst Benedikt aus?
Meinecke: Der ist sicher intelligenter als der durchschnittliche Papst. Ich will weiß Gott nicht verharmlosen, was die Kirche nach wie vor an Unheil über uns bringt. Trotzdem sind in seinen Verlautbarungen interessante Formulierungen drin. Er sagt sinngemäß: Schwule Männer können Priester sein, sollen ihre Sexualität aber nicht praktizieren. Finde ich immerhin schon einen Fortschritt gegenüber der alten Auffassung, man dürfe überhaupt nicht schwul sein. Damit müssen schwule Männer im Priesteramt jetzt nur mehr das Gleiche tun wie die heterosexuellen: enthaltsam sein.
Welche Künstler mit katholischem Zugang schätzen Sie?
Meinecke: Kommt darauf an, wie man das definiert. Ich empfinde Herbert Achternbusch als sehr katholisch, auch dort, wo die katholische Kirche gegen ihn auf die Barrikaden stieg. Das gilt auch für Martin Scorsese oder Madonna. Und Andy Warhol ist sowieso der größte Katholik. Insofern habe ich mich diesen Phänomenen popkatholisch angenähert: Ich finde das Scorsesehafte an dem Apparat der katholischen Kirche faszinierend, ich will damit aber nicht sagen, dass das ein moralisch sauberer Laden ist.
Sind Sie ausgetreten?
Meinecke: Bin ich nicht. Diese ganze Begrifflichkeit ist doch eingeschrieben in unsere abendländische Grammatik. Wir reden Bibel, man kann das nicht verleugnen. Pasolini zum Beispiel hat als Kommunist das Evangelium nach Matthäus verfilmt, ohne Drehbuch, rein nach dem Text der Bibel. Er hat geglaubt, er kann ein atheistisches Werk über einen faszinierenden Menschen namens Jesus Christus machen. Unterm Strich bekam er nicht enden wollende Standing Ovations aus dem Vatikan dafür.
Ich war bei der Lektüre von "Jungfrau" erst skeptisch, aber nach einer ersten Eingewöhnungsphase von 70, 80 Seiten fand ich die katholischen Parts sogar am reizvollsten.
Meinecke: Das finde ich schön, wenn das beim Lesen so passiert, weil es mir auch beim Schreiben so gegangen ist. Ein Roman ist bei mir am Anfang immer nur ein weißes Blatt Papier. Drum herum werden Bücher angesammelt, die ich beim Schreiben lese. Diesmal habe ich meterweise theologische Werke gekauft, in deren Terminologie ich mich erst einlesen musste. Ich wusste nicht, in welche Richtung es gehen würde. Nehmen wir die Geschichte von diesem Theologen Hans Urs von Balthasar und seiner Freundin, der Ärztin, Mystikerin und Stigmatisierten Adrienne von Speyer. Das Verhältnis zwischen beiden, dass er alles protokolliert, was sie sagt, schien mir am Anfang sehr gestelzt. Mit der Zeit kommt in seiner Sprache und in dieser merkwürdigen Beziehung aber eine anrührende Erotik auf.
Auch in Ihrer Rahmengeschichte gibt es Erotik. Da geht es um einen Theologiestudenten namens Lothar Lothar, der enthaltsam leben will, sich dann jedoch in eine hinreißende Jazzpianistin verliebt.
Meinecke: Mich hat der Verzicht gereizt. Das Motiv, es nicht zu tun. Was nicht heißt, nichts zu tun, sondern sich bestimmte Sachen eben bewusst zu versagen. Wo beginnt Sex? Da kam ich auf diese komische Liebesgeschichte. Es ist schon ein Versuch, zum Erzählen durchzustoßen.
Das ist neu: Thomas Meinecke will Geschichten erzählen?
Meinecke: Eine gewisse Sehnsucht danach habe ich schon länger. Ich traue mich aber nicht, mir groß was auszudenken, finde das irgendwie unglaubwürdig. Das Theoretische hat ja auch eine narrative Qualität, dieses Durchgeknallte des Denkens. Was die Dramaturgie betrifft, bin ich diesmal für meine Verhältnisse aber schon sehr weit gegangen. Man könnte das Buch als Annäherung an eine Liebesgeschichte lesen. Es ist auch in der dritten Person geschrieben, sogar im Imperfekt. Der Running Gag zwischen mir und meiner Lektorin war, dass wir einen Aufkleber aufs Buch machen sollten: "Endlich Imperfekt". Ich wollte eine Distanz zu den Figuren aufbauen, aus der man sie auch vorführen kann. Die sind ja eigentlich Tölpel, und die Erotik in dem Buch ist auch nicht auf verklärte Weise versüßt, eher ungelenk und lächerlich.
Von griffigen Szenen mit hohem Verfilmbarkeitsfaktor sind sie trotzdem meilenweit entfernt ...
Meinecke: Es gab lustigerweise bei meinem letzten Buch "Hellblau" schon einen Filmemacher, der einen Spielfilm daraus machen wollte, aber die Finanzierung nicht hingekriegt hat. Der hat eine Boy-meets-Girl-Geschichte rausgearbeitet, die mir zumindest so glaubwürdig erschien wie die Verfilmung eines Henry-Miller-Romans. Miller hatte auch viel Philosophie und anarchistischen Wahn in seinen Büchern, in den Filmen wurden die dann auf die Sexebene runtergerechnet. Bei mir wäre es umgekehrt gewesen. Im Endeffekt lässt sich ja fast alles auf eine Boy-meets-Girl-Geschichte reduzieren. Auch "Lola" von den Kinks ist nichts anderes, wobei das Girl da halt ein Boy ist.
Wie erging es Ihnen beim Schreiben
der Sex- oder Beinahe-Sexszenen?
Meinecke: Sind da wirklich so viele drin? (Lacht.) Es gibt einen Germanistikprofessor in Kassel, der ein Buch über mich schreibt, das Studenten an die Hand gegeben werden soll. Der mailte mir aufgrund der Lektüre von "Jungfrau": "Da muss doch nun auch ein Kapitel über das Libidinöse rein." So nach dem Motto: Jetzt kommen wir endlich mal vom DJ weg und rein ins Schlafzimmer.
Was ja nichts Schlimmes ist ...
Meinecke: Keinesfalls. Das Schreiben selbst ist für mich immer auch ein libidinöser Akt. Man soll nicht glauben, dass ich eiskalt und abgebrüht bin, nur weil so viel Theorie vorkommt in meinen Texten. Klaus Theweleit habe ich zum Beispiel dadurch kennengelernt, dass ich zufällig im Publikum saß, als er bei einer Podiumsdiskussion über Erotik sprach. Da wurden die Leute abgefragt, was sie erotisch finden. Hellmuth Karasek nannte "Lolita", klar, Theweleit nannte zu meiner großen Überraschung "Tomboy". Er fand wohl die Sprache sehr aufgeladen. In "Jungfrau" ist die Erotik nun vielleicht etwas expliziter. Wobei: So richtig passiert dann doch nichts.
Sie werden nach Ihrer Wien-Lesung auch auflegen. Was haben Sie musikalisch gerade auf dem Radar?
Meinecke: Auf die neue Grace-Jones-Platte bin ich natürlich gespannt. Wobei ich mir bei der nicht sicher bin, ob die eine Autorin ist oder mehr eine wunderbare Galionsfigur für Konzepte, die sich andere ausdenken. Insofern erwarte ich mir nicht unbedingt ein großes Statement. Bei Madonna tue ich das immer noch. Generell finde ich die starke Präsenz von House und Disco, angesichts des Wiederauffahrens der Authentizitätsmythen aufseiten der Rockmusik, sehr schön. Rock als solches hat mich sowieso nie interessiert, sondern Roxy Music. In dieser Tradition finde ich heute auch wunderbare Interpreten wie Hercules & Love Affair. Ich bin ja jetzt schon so alt, dass ich nicht mehr das Gefühl haben muss: Alles war schon mal da; weil alles schon zweimal da war.
Mittlerweile müssen Musikstile gar nicht mehr verschwinden, bevor sie ein Revival erleben dürfen. Es ist immer alles da.
Meinecke: Stimmt. Es rotieren sechs Plattenspieler gleichzeitig. Finde ich aber auch gut. Der eine Sound ist vielleicht mal interessanter als der andere, aber es kann sich alles ständig entwickeln. Ich bin komischerweise nie pessimistisch gewesen, was den jeweiligen Stand der Popkultur betrifft. Ich bin es auch jetzt nicht.

Sebastian Fasthuber in FALTER 39/2008 vom 26.09.2008 (S. 39)


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