Meine Preise

von Thomas Bernhard

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2009

Rezension aus FALTER 4/2009

Bernhard kauft sich ein Auto und fährt nach Retz

Ein "großes, faules, provinzielles, österreichisch-deutsches Arschloch"; "ein bigottes, katholisches, larmoyantes Mitläufer-Arschloch", aber auch schlicht "ein Arschloch" hat Maxim "Driller Killer" Biller Thomas Bernhard unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geheißen.
"Was man sagt, das ist man selber", lautet ein Spruch, der mit Kindermund die psychoanalytische Einsicht kundtut, dass man die eigenen Fehler den anderen am wenigsten verzeiht. Egal. Weil eigentlich wollte Biller das Arschloch Bernhard ja nur loben – und zwar für dessen "einziges gutes Buch". Und da hat er sogar ein bisschen Recht. Nicht weil das soeben veröffentlichte "Meine Preise" tatsächlich Bernhards einziges gutes Buch wäre (es gibt ja noch die autobiografischen Werke oder "Holzfällen" oder "Die Mütze"), sondern weil es in der Tat zutrifft, dass dieses
schmale, zwischen Anfang 1980 und Ende 1981 entstandene Werk "ungewöhnlich leicht und unredundant und unverspannt und ungestelzt" (Biller) daherkommt.
In Belangen der Selbstheroisierung war Bernhard gewiss nicht untalentiert. Dabei ist er weder unterschätzt noch übersehen worden. Der Georg-Büchner-Preis etwa kam bei ihm – im Unterschied zu H.C. Artmann – keineswegs zu spät: 1970, als er Bernhard verliehen wurde, hatte er gerade mal "Frost", "Verstörung" und soeben "Das Kalkwerk" veröffentlicht – der Großteil seines Werks lag noch vor ihm.

Davor gab's den Julius-Campe-Preis, den Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen, die Literarische Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, den Anton-Wildgans-Preis und den Österreichischen Staatspreis für Literatur, den Bernhard schon als eine Zumutung empfand. Nicht bloß wegen des unwürdigen und ausführlich beschriebenen Benehmens von Minister Piffl-Percevic, der Bernhard einen "in Holland geborenen Ausländer" genannt haben soll, sondern weil sich Bernhard "selbstverständlich nur absolut für den Großen Staatspreis präpariert fühlte", den mit 25.000 Schilling dotierten "kleinen" Staatspreis jedoch für eine "Gemeinheit" hielt, weil "den schon jedes schreibende Arschloch bekommen habe".
Bernhards Behauptung, der Preis werde üblicherweise "schon den Zwanzigjährigen" verliehen, ist übrigens völliger Humbug: Davor hatten ihn u.a. Christine Busta und Christine Lavant (1961), Hans Lebert und Milo Dor (1966) bekommen; im Jahr danach folgten Marlen Haushofer und Andreas Okopenko.
Das Kapitel zum Österreichischen Staatspreis, den Bernhard mit dem viel- und nichtssagenden, damals aber noch skandalträchtigen Satz "Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt" quittierte, ist das schwächste des Buches: das übliche Geschimpfe, Exerzitien der (Selbst-)Verachtung – Bernhardbusiness as usual.

Das Schema der Preisannahme ist, von Ausnahmen abgesehen, immer dasselbe: Bernhard fühlt sich durch die Auszeichnung brüskiert, benötigt aber dringend das Geld, nicht zuletzt, weil er es schon ausgegeben hat, bevor es überwiesen wurde: für eine Bruchbude in Nathal ("Ich hatte meine Mauern gefunden") oder einen weißen Triumph Herald mit Armaturenbrett aus Holz und roten Ledersitzen; Bernhard nudelt in kürzester Zeit eine knappe und substanzlose Preisrede herunter (die Reden sind dankenswerterweise ebenfalls abgedruckt) und streift das Geld ein – dazu ist es schließlich da: "Wer Geld anbietet, hat es und es soll ihm genommen werden, dachte ich."
Frechheit siegt, aber die allerbesten Texte sind doch die zu jenen Preisen, über die sich Bernhard noch freuen kann. Da schrubbt er dann mit dem Triumph nach Retz, ja sogar nach Jugoslawien, und ist "so glücklich wie noch nie" – bis er den Wagen kurz da­rauf zu Schrott fährt (wobei Fremdverschulden vorliegt, und dann erstaunlicherweise eh alles gut ausgeht).

Eindringlich und unüblich lakonisch beschreibt Bernhard den Aufenthalt in der Lungenheilanstalt am Steinhof, pointensicher und vergnüglich den Erwerb des "besten Reinwollanzugs in Anthrazit" für die Feier zum Grillparzerpreis. Obgleich bereits getragen, wird der Anzug, der dem Dichter nun doch zu klein scheint, anstandslos umgetauscht: "Daß sie so zuvorkommend waren, werde ich den Leuten von Sir Anthony auf dem Kohlmarkt nie vergessen."

Klaus Nüchtern in FALTER 4/2009 vom 23.01.2009 (S. 31)


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