Apostoloff
Roman

von Sibylle Lewitscharoff

€ 20,40
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 247 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.02.2009

Rezension aus FALTER 13/2009

Die Lästerschwester von der Hinterbank

In der Literatur mögen Schwesternpaare miteinander konkurrieren oder Geheimnisse teilen, einander bewundern oder bekämpfen, vertrauen oder beargwöhnen – und zumeist alles zugleich, wie im wirklichen Leben auch. Doch nur in der Literatur sind Schwesternpaare außerdem stets zu virtuellen Doppelwesen überhöht: zwei Seelenhälften, die sich glücklich ergänzen könnten, wären sie von der Natur nicht entzweit worden. Ihre Stärken und Schwächen verhalten sich komplementär und wollen sich zum heilen Ganzen fügen. Die Schwestern wissen: Uns gibt es nur zu zweit, aber nie vereint – das ist ihr existenzielles und ihr literarisches Dilemma.
Es ist natürlich ein Zufall, dass Sibylle Lewitscharoff und Julia Schoch gleichzeitig Schwesternromane herausgebracht haben und dass in beiden Büchern jeweils die jüngere Schwester als Ich-Erzählerin figuriert, die das Leben der älteren in Umrissen skizziert. Sosehr sich die Romane im Tonfall auch unterscheiden und so divergent ihr Blick auf die jeweilige Familienherkunft auch ausfällt – hier das stalinistische Bulgarien, dort die untergegangene DDR –, im Selbstverständnis der Erzählerin ähneln die beiden Bücher einander frappant. Die jüngere Schwester weiß ganz genau, was der älteren fehlt – weil sie an der älteren sehen kann, was ihr selbst fehlt.

Beispielsweise Charme, ­Liebenswürdigkeit und Wohlgelittenheit in der Männerwelt. Sibylle Lewitscharoffs namenlose Ich-Erzählerin, eine Deutsch-Bulgarin aus Stuttgart-Degerloch, hockt finster auf der Rückbank eines Daihatsu, der von einem bulgarischen Verwandten namens Apostoloff chauffiert wird, auf der Fahrt zu den sogenannten Sehenswürdigkeiten der Schwarz­meerküste. Ihre Sicht ist eingeschränkt, ihre Laune biestig. Sie hat ihre frischverliebte und arglose ältere Schwester auf dem Beifahrersitz stets vor Augen – und das liefert ihr die Stichworte zu einer großen Familienverdammungssuada, die um die zwei Hauptärgernisse ihres Lebens kreist: den bulgarischen Vater und das bulgarische Vaterland.
Dieser Vater, Kristo, ein Bulgarienflüchtling und einst Frauenarzt und Frauenschwarm in Stuttgart, hat sich mit 43 Jahren erhängt, was ihm die jüngere Tochter nicht verzeihen kann. Ins Vaterland gereist ist das Schwesternpaar in ebenso makabrer wie luxuriöser Mission: Die beiden begleiten die Urne ihres Vaters, die gemeinsam mit den Urnen von 18 anderen verstorbenen Exilbulgaren von Stuttgart nach Sofia überführt und in der alten Heimat prunkvoll zur ewigen Ruhe gebettet werden soll. Die Kosten für diesen aufwendigen Trauerkondukt trägt ein reicher Exilbulgare, der sich damit einen Herzenswunsch erfüllt.
Danach sei für die Schwestern zur Erholung eine Spritztour zu den Schönheiten der Schwarzmeerküste unbedingt geboten, meint der Reiseführer Apostoloff, der dem Roman den Titel gibt, treuherzig. Das Lästermaul auf der Hinterbank sieht das anders. In sarkastischen Schimpftiraden rechnet die Erzählerin mit allem ab: mit den stalinistischen Scheußlichkeiten, die ihr entlang der verschandelten Küste ihres unheimatlichen Herkunftslandes unentwegt ins Auge springen, überhaupt mit dem ganzen, inbrünstig verabscheuten Bulgarien, mit dem exilbulgarisch-schwäbischen Biotop und dem Familienunglück im spießig-vermopsten Stuttgart-Degerloch, mit den Absurditäten des Pompfüneberer-Konvois, mit der scheel beäugten schönen Schwester vorne auf dem Beifahrersitz, und vor allem mit dem vermaledeiten treulosen Kristo, "diesem Aas von einem Vater".
Sibylle Lewitscharoff verschränkt in diesem Buch, das ihr soeben den Preis der Leipziger Buchmesse eingetragen hat, dreierlei Romane miteinander: die Haupt- und Staatsaktion der deutsch-bulgarischen Bestattungsgroteske, die komisch verkorkste Familiengeschichte und den satirischen Reisebericht. "Apostoloff" ist also vieles zugleich: ein Roadmovie vom doppelten Unterwegssein – im heutigen Bulgarien und in den Erinnerungen an die eigene bulgarische Herkunft; ein Vaterhass-Buch (in dem sich naturgemäß ein Buch der enttäuschten Vaterliebe verbirgt); ein Schwestern-Eifersuchts- und Schwestern-Einigungsbuch; ein Selbsterkundungs-, Selbstverspottungs- und Selbstverurteilungswerk der Ich-Erzählerin.
All dies wird zusammengehalten durch eine singuläre Erzählstimme. Die Schwester auf dem Rücksitz ist ein fideles Schandmaul: Sie spottet, höhnt und schmäht, verurteilt, verdammt und verunglimpft – und all dies immer gutgelaunt, schlagfertig und mit hochkomischer, kunstvoll scheelsüchtiger Verdrossenheit. Nichts ist vor ihrer scharfen Zunge sicher: Sibylle Lewitscharoffs Stellvertreter-Stimme schont nichts und niemanden, am allerwenigsten sich selbst.
Dies liest sich unterhaltsam, auch wenn man mit fortschreitender Lektüre den entschlossenen Willen der Autorin immer deutlicher bemerkt, sich den Schmerz der (biografisch realen) Familienereignisse durch virtuose Rhetorik vom Leibe zu halten. Das geistreiche Parlando und der ziemlich abgefeimte und abgründige Humor sollen einen Kummer verdecken, der nicht eingestanden werden kann.

Aber "Apostoloff" ist noch mehr als all das: Wie schon in ihrem letzten Roman "Consummatus" hat die Autorin auch hier dem Leser eine merkwürdige, ganz unreligiös timbrierte Heilgewissheit untergejubelt, eine ironisch verkappte Glaubensfreude. Die Jenseitswelten, namentlich die Ordnungen der Engel, funkeln in die eher diesseitig gestimmte Missgelauntheit der Ich-Erzählerin strahlend herein. Mit leichter Hand mixt die gelernte Religionshistorikerin Lewitscharoff profane Frömmigkeit mit boshafter Schadenfreude und stellt ganz en passant allerlei metaphysische Großfragen – nach den Möglichkeiten des Glaubens, nach den Begründungen der Religion, nach Transzendenzerfahrungen, die nicht nur dem LSD geschuldet sind. Solche Erwägungen grundieren das geistige Klima des Romans, ohne den Bosheitsarien à la Thomas Bernhard Abbruch zu tun. Das ergibt ein ganz eigentümliches Lesevergnügen.
Diesem lauten, sprachlich auftrumpfenden Schwesternbuch steht ein ganz stilles gegenüber: Julia Schoch, Jahrgang 1974 und damit eine Generation jünger als Lewitscharoff, legt sich in dem Roman "Mit der Geschwindigkeit des Sommers" gleichfalls die Stimme einer jüngeren Schwester zu, um Mutmaßungen über eine ältere Schwester, über beider Herkunft und Familie anzustellen.

Auch hier geht es um eine ungeliebte und unleidliche Herkunftslandschaft, die "Heimat" zu nennen keiner der beiden Schwestern einfiele. Julia Schoch kennt diese abgeschiedene, unwegsame und kaum besiedelte Sand- und Kiefern-Einöde am äußersten Ostzipfel Ostmecklenburgs, nahe dem Stettiner Haff und der polnischen Grenze, nur allzu gut: Sie ist dort aufgewachsen, in der DDR-Garnisonsstadt Eggesin, die dort aus dem Boden gestampft wurde. In diesem Heerlager aus Plattenbauten, Kasernen und Baracken hat sie ihre Kindheit und Jugend verbracht, als Tochter eines dort stationierten Offiziers der Nationalen Volksarmee NVA und einer Buchhändlerin.
Im Bild dieser Retortenstadt lassen sich alle wesentlichen DDR-Befindlichkeiten zur Großmetapher verdichten: Isolation, Geheimniskrämerei, Unfreiheit, Bedrückung, Behinderung jeglicher Mobilität und freien Entfaltung, Stillstand, Unbeweglichkeit und lückenlose soziale Kontrolle. Immer wieder ist Julia Schoch mit den Altstoffen ihrer Herkunft umgegangen – in einem kühlen Ton, der das Gewesene aus zeitlicher wie emotionaler Distanz reflektiert.
So auch jetzt. Im Roman zieht die jüngere Schwester aus dieser Hinterwelt fort, so rasch sie kann; die ältere aber bleibt dort hängen, schafft den Absprung auch nach dem Mauerfall 1989 nicht, heiratet irgendjemanden, hat irgendwelche Kinder und hält sich einen gelegentlichen Liebhaber, der in ihren wortkargen Berichten der jüngeren Schwester gegenüber nur als "der Soldat" figuriert, wenngleich er schon lange kein Soldat mehr ist. Und eines Tages macht sie mit ihm Schluss, ohne es ihm mitzuteilen, fliegt nach New York, kauft ein Paar Schuhe und bringt sich um. Es bleibt der jüngeren Schwester als Erzählerin überlassen, sich auf das wunschlose Unglück dieses Hausfrauendaseins einen Reim zu machen.

Man ahnt, dass hier die fast lautlos, nur mit einem leisen Wimmern zusammenbrechende DDR als zentrales Symbol mitgemeint ist. Im Nachdenken über ihre Schwester, eine andere Christa T., und über die Trostlosigkeit ihres ungelebten Lebens begreift die Erzählerin, "dass in diesem anderen Staat ein anderer Lebenslauf für die Schwester bereitgestanden
hatte". Der schon geschriebene Lebensplan war ihr "zum Eigengebrauch zurückgegeben" – doch sie machte keinen
Gebrauch davon. "Ich halte es für möglich", resümiert die Erzählerin, "dass der
wortlose Gleichmut jener Zeit in uns geblieben ist (…). Und dass gar nichts ihn ersetzen kann, (…) nicht einmal die Lust der Freiheit."

Sigrid Löffler in FALTER 13/2009 vom 27.03.2009 (S. 34)


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