Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte

von Louis Begley

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.05.2009

Rezension aus FALTER 36/2009

Wie der Fall Dreyfus nach Guantánamo gelangt

Gegen Ende des neuen Buches von ­Louis Begley taucht ein Zitat auf, das zwar als solches ausgewiesen ist, dessen Autor allerdings ungenannt bleibt. Leiden geschehe, heißt es darin, "während irgendjemand isst oder das Fenster öffnet oder einfach nur lustlos mitläuft". Im Gedicht "Musée des Beaux Arts", dem es entnommen ist, beschwor W.H. Auden die Auffassungsgabe der alten Meister der Kunstgeschichte, die es verstanden hätten, dem Leiden ein menschliches Maß zu verleihen, es aus einem Meer von sehr viel Gleichgültigkeit und ein klein wenig Empathie auftauchen zu lassen und darzustellen.

Eine Lebenskatastrophe sichtbar und spürbar zu machen, ist auch das Anliegen der Neuaufrollung des Falles Dreyfus, jenes Hauptmanns, dessen Schicksal nicht nur die Armee und den Geheimdienst, sondern gleich das ganze Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts in eine veritable Krise stürzte. Der Spionage angeklagt, wurde Alfred Dreyfus 1894 verurteilt und 1895 auf die Teufelsinsel vor Guayana deportiert. Diese Art der Strafe unterschied sich von der Todesstrafe fast nur dadurch, dass sie ein Sterben auf Raten bedeutete.
Nicht nur den hellsichtigsten und moralisch untadeligsten unter den Zeitgenossen, sondern auch denjenigen, die einfach nur nüchtern die Fakten abzuwägen bereit waren, war klar, dass Dreyfus keinen Landesverrat begangen haben konnte, sondern das Opfer einer Intrige war und für seine bloße Existenz zu büßen hatte: Dreyfus war Jude. In einer beispiellosen Kampagne, die als Geburtsstunde des gesellschaftlichen Engagements der modernen Intellektuellen gilt, versuchten Teile der französischen Gesellschaft daraufhin den hartnäckig auf seinem einmal gefällten Urteil beharrenden Staat in die Knie zu zwingen und Dreyfus' Rehabilitierung zu erreichen. Beiderseitige Ermattung führte schließlich dazu, dass Dreyfus 1906 in einem neu aufgerollten Verfahren von der Öffentlichkeit relativ unbemerkt freigesprochen wurde.
Der Fall Dreyfus ist gegenwärtig geblieben, wie das Verfahren um den Reichstagsbrand oder die Moskauer Schauprozesse ist er dem geschichtlichen Bewusstsein eingeschrieben. Vor allem Zolas Manifest "J'Accuse ...!", das mutig und in flammender Rede für Dreyfus Partei ergriff, ist geradezu sprichwörtlich geworden. Weitgehend vergessen ist allerdings die infame Verhaltensweise der letztlich sieglosen Gegenpartei: Dass etwa Paul Valéry für die Anti-Dreyfusards, die auch vor Pogromaufrufen nicht zurückschreckten, zu spenden bereit war, gereicht diesem – nicht als Autor, wohl aber als Mensch – zur Schande.
Schlagartig wird aus dieser Konstellation einsichtig, wie tief der Riss war, der durch Frankreich ging. Zurück blieb eine zutiefst gespaltene Nation und das Misstrauen gegenüber einem Staatsapparat, der, nur um sein Gesicht zu wahren, sogar die Vernichtung von Individuen in Kauf zu nehmen bereit war.
Louis Begley ist in mehrfacher Weise prädestiniert, die Geschichte Dreyfus' neu zu erzählen: als ehemaliger Anwalt, als leidenschaftlicher Schriftsteller, als engagierter Staatsbürger und nicht zuletzt als selbstbewusster Jude. Jeder dieser Zugänge bringt ein eigenes Flair in den Text, der zwar großteils einem juridischen Diskurs verpflichtet bleibt, in dem aber auch die Imagination, die Polemik und die Empörung nicht zu kurz kommen.
Nicht immer und auf allen Ebenen funktioniert diese Mischung allerdings: Streckenweise verliert sich der Text im Dickicht einer Tatrekonstruktion, wie in einem Prozessprotokoll finden sich dann unzählige Namen von Personen, die nirgends plastisch werden, und die Rekonstruktion von Intrigen, die heillos verwirren. Für einen gerechten Richtspruch in einem ordentlichen Verfahren ist das Durchschauen all dieser Abläufe zweifelsohne unabdingbar, in dem von Begley gewählten Mittelding aus Essay und Reportage wirkt es allerdings ermüdend und allzu detailverliebt. Eine stärkere Konzentration auf das Wesentliche und etwas mehr Vertrauen in die Kraft schriftstellerischer Auswahl hätte dem Buch an diesen Stellen wohl größere Spannkraft verliehen.

Während der englische Originaltext den la­konischen Titel "Why the Dreyfus Affair Matters" trägt, hat man die deutsche Übersetzung mit alarmistischen Untertiteln versehen: Mit "Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte" versucht man den Text in eine Richtung zu drängen, die einen weitgehenden Etikettenschwindel bedeutet und das Buch an seinem tatsächlichen Inhalt vorbei positioniert.
Zwar nimmt Begley an einigen Stellen des Textes zu Guantánamo Stellung, und zweifelsohne gehört es auch zur Intention des Autors, Parallelen zwischen dem Sonderlager auf Kuba und der französischen Strafkolonie aufzuzeigen, dieser Aspekt des Buches bleibt jedoch auf den Gesamttext hin betrachtet eher randständig – und vermag in seinen Argumentationen zudem nicht wirklich zu überzeugen.
Die Unterschiede zwischen den beiden Straflagern bleiben schlagend: Frankreich deportierte mit Dreyfus einen eigenen Staatsbürger, während die USA fast ausschließlich auf Ausländer zugriffen; Frankreich pervertierte ein Mittel der Legalität, während die USA einen weitgehend rechtsfreien Raum zu konstruieren versuchten; traditioneller Antisemitismus und aktuelle Islamophobie lassen sich nur schwer in einen Bezug setzen, der nicht eher die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten in beiden Phänomenen offenlegen würde.
"Der Fall Dreyfus" ist ein unentschiedenes Buch: Minutiöse historische Rekons­truktion, juridische Abhandlung, einfühlsame Fallbeschreibung und aktuelle Streitschrift, hat es auf allen diesen Ebenen Interessantes zu bieten, ein einheitliches Ganzes ist daraus aber nicht geworden.

Stephan Steiner in FALTER 36/2009 vom 04.09.2009 (S. 22)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb