Ich kann jeder sagen
Erzählungen vom Ende der Nachkriegsordnung

von Robert Menasse

€ 18,30
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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 185 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.08.2009

Rezension aus FALTER 34/2009

Am 11. September mit dem Taxi zur Demo

Bislang ist Robert Menasse, Jahrgang 1954, als Essayist und Romancier hervorgetreten, nun legt er einen Band mit "Erzählungen vom Ende der Nachkriegs­ordnung" vor. Das ist hochtrabender, als es nötig wäre, deswegen aber noch nicht falsch. Es geht um die Verschränkung von Privatem und Politik, von persönlichem Weltschmerz und politischem Weltgeschehen, und auf der Ebene des Kneipen­gesprächs ist man dann schnell bei der "Was hast du gerade getan, als …?"-Frage.

"Als ich im Fernsehen die Bilder der Mauer­öffnung sah, sprang ich auf und suchte mein Briefmarkenalbum", verzeichnet das "Wahre Tagebuch" des Protagonisten aus "Die neuen Leiden des fremden Freundes". Die Existenz eines geteilten Deutschlands war dem Buben einst nämlich just aufgrund seiner philatelistischen Passion zu Bewusstsein gekommen.
Naturgemäß sind es meist die Medien, die an der Schnittstelle zwischen Ich und Weltgeschichte stehen. In manchen Fällen besteht aber auch bloß eine oberflächliche Ähnlichkeit der beiden Sphären: etwa zwischen den flackernden Schwarz-Weiß-Bildern von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten und den Ultraschall­fotos vom vermeintlichen Kind im Bauch der Freundin des Protagonisten, der seine Erzählung ("Die amerikanische Brille") mit den Worten beginnt: "Ich war glücklich, als John F. Kennedy erschossen wurde."
Hier wird die Wirkungsmacht der Historie ironisch-sarkastisch gebrochen: Der Ich-Erzähler war damals nicht glücklich, weil Kennedy erschossen wurde, sondern er war damals glücklich, weil seine Eltern noch zusammen waren. Gegen die dunkle Macht des historischen Datums wehrt sich auch der Held aus "Ewige Jugend", der den entsetzten Einwand des Vaters mit ­einem schnoddrigen "Pah! Geschichte!" vom Tisch wischt, als dieser ihn darauf hinweist, dass die geplante Heirat just auf den Jahrestag der "Reichskristallnacht" fällt.
Wie es "in einer Zeit ohne Internet und Handy überhaupt möglich war, dass sich Informationen wie ein Lauffeuer verbreiten", kann sich der Protagonist der letzten Geschichte nicht mehr erinnern. Sie trägt den schönen Titel "Aufklärung kommt vor dem Fall" und zählt zu den besten der hier versammelten Erzählungen von insgesamt sehr unterschiedlicher Qualität.
"Als ich an jenem 11. September mit Pflastersteinen auf Polizisten warf, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich einmal selbst Polizist werde." Es ist eine knappe, unprätentiöse Short Story, in der Menasse vom selbstgefälligen Politaktivismus seines Helden erzählt – ein Thema, das man bereits aus den Romanen kennt: "Als ich studierte, ging es um nichts anderes: Man musste der Mann sein, der in ­jedem Fall am Ende Bescheid wusste." Nicht dass die Wut über den Putsch in Chile, der zum Tod Salvador Allendes und der Demokratie führte, nicht berechtigt gewesen wäre – weshalb der spätere Polizist am 11. September 1973 per Taxi zur Demonstration vor der US-Botschaft in der Boltzmanngasse anreist –, aber die narzisstische Motiviertheit des Willens zum ultimativen Bescheidwissertum denunziert letztlich das humanitäre Engagement. Und der Protagonist muss schließlich in der Aussprache mit seinem muffigen Sohn die Wiederholung quälender Auseinandersetzungen mit dem eigenen Vater erblicken – bloß mit anders verteilten Rollen.

"Als die österreichischen Zeitungen hysterisch mutmaßten, dass nun die RAF in Österreich tätig werde", gerät einer der Ich-Erzähler wieder einmal in Rage. "Die blauen Bände" vereinigt Schwächen und Tugenden des Erzählers Menasse. Dass diesem der Essayist immer wieder in die Quere kommt und er den Leser nur sehr ungern seine eigenen Schlüsse ziehen lässt, zählt gewiss zu Ersteren; der Hang zu Kalauer, Pointe und sinnreicher Anekdote kann fallweise als Plus und als Minus verbucht werden. Hier geht die Farce, als die man sowohl die Palmers-Entführung 1977 als auch die Verarbeitung dieses Stoffes verstehen kann, aber auf: So wie bei Menasse ist es zwar sicher nicht gewesen, aber: umso schlimmer für die Tatsachen!

Klaus Nüchtern in FALTER 34/2009 vom 21.08.2009 (S. 28)


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