Antwort aus der Stille
Eine Erzählung aus den Bergen

von Max Frisch

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 16.09.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Über allen Gipfeln herrscht Vorkrieg

Max Frischs Jugendsünde von 1937 zeigt den Autor als Womanizer und nicht ganz so einsamen Sinnsucher

Max Frischs "Antwort aus der Stille", eine "Erzählung aus den Bergen", die 1937 in der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart/Berlin, dann aber, auf Wunsch des Autors, nie wieder erschien, war – zumindest für den Autor selbst –, was man eine Jugendsünde nennt. Frisch jedenfalls hat sich später von seinem zweiten Buch distanziert und darauf bestanden, dass es in spätere Werkausgaben nicht aufgenommen wurde.
In der Jubiläumsausgabe von 1986, die die "Gesammelten Werke in zeitlicher Folge" enthält, taucht das Büchlein nicht einmal in der biografischen Zeittafel auf. Folgt man ihr, dann hat Frisch bald nach seinem Debütroman "Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt" von 1934 ein Architekturstudium an der ETH Zürich aufgenommen und dem Schreiben bis zu den "Blättern aus dem Brotsack", dem Tagebuch seines Militärdienstes von 1940, komplett entsagt. Und wahrscheinlich hätte man dank der Verbannung des illegitimen Frisch-Werks die "Antwort aus der Stille" auch ein für alle Mal vergessen, träte nun nicht der Suhrkamp Verlag mit einer Neuausgabe ans Licht, die uns nicht nur den Text an die Hand gibt, sondern den Schlüssel zur – so der Klappentext – "Erklärung der Entscheidung für den Beruf des Schriftstellers".

Die Entscheidung fällt am Berg
Interessant an dieser These ist dann allerdings, dass Frischs Erzählung ziemlich ­genau das Gegenteil liefert, nämlich die ­Erklärung der Entscheidung gegen den Beruf des Schriftstellers. Bald nach dem Erscheinen dieses Buchs gab Frisch das Schreiben auf, widmete sich der Architektur, gründete eine Familie, um dann, Anfang der 40er-Jahre und so richtig nach dem Ende des Krieges als Autor zurückzukehren, diesmal als der "richtige" Frisch, als "Frisch 2" sozusagen, der Schweizer Weltmann, der sich auch dank seines Architektenberufs einen bauhausartig kühlen, knappen "internationalen Stil" zugelegt hatte, mit dem er schnell sehr berühmt wurde.
Von alledem ist in der "Antwort aus der Stille" noch gar nichts zu sehen. Aber es gibt, wie Peter von Matt in seinem Nachwort bemerkt, ein Motiv oder "Movens", das immer da ist, wenn Frisch spricht. Es ist der Zweifel an oder die Suche nach dem Sinn der eigenen "Biografie" ("Biografie: Ein Spiel" war dann 1967 eines von Frischs Erfolgsstücken).
In der "Erzählung aus den Bergen" ist dieses Motiv zeittypisch in eine Alpinistengeschichte hineingelegt. Ein junger Mann sucht am Berg, allein auf schwierigsten Wegen, den Ausweg aus einer Lebenskrise. Am liebsten würde er wahrscheinlich zugrunde gehen, dann hätte er sich nicht zu entscheiden zwischen einer bürgerlichen Lebensform (er ist verlobt und soll in Kürze heiraten) und jener anderen, unsteten und erotisch unzuverlässigen Daseinsweise, die ihm am Berg und überhaupt vorschwebt.

Die Frau lebt in Zuständen
Schon 1937 ist Max Frisch in seinen literarischen Verkörperungen ein großer Womanizer. Obwohl unten seine Verlobte wartet, nimmt er eine junge Dänin (schon damals das Inbild sexueller Freizügigkeit) mit auf den Berg, und oben kommt es dann auch zum Äußersten, nicht weil der junge Mann so ein Draufgänger, sondern weil die Dänin so freizügig ist. Überhaupt das Weib. Man kann Frischs Gründe, das Buch zu verleugnen, nachvollziehen, wenn man Passagen liest wie die folgende: "Sie ist ja eine Frau, sie lebt nicht in Gedanken, sondern in Zuständen, und was kümmert es sie in diesem Zustand munteren Spielens, dass sich der Sonderling" ... und so fort.
In diesem Buch ist nicht nur geschlechtermäßig noch alles Vorkrieg. Die Probleme, um die es geht, teilt Frisch mit dem Fin de Siècle, die Sprache kommt wohl irgendwie von Gottfried Keller her, das heißt, sie ist, manchmal und immer wieder, sehr schön. Nicht so sehr wegen der schweizerisch diminutivierten Dinge, der "Werklein" und der "Schifflein" auf den "Bächlein", sondern wegen der manchmal taufrischen Bilder, mit denen Frisch eine Landschaft oder Situation erfasst. "Aus dem Tale kochen die Nebel, als würden Kartoffeln gesotten", heißt es einmal, und solche Wendungen verraten dann den großen Schriftsteller, der sich bald der selbstgestellten und obendrein falschen Alternative zwischen Poesie und Bürgerlichkeit entziehen wird.
Wer, wenn nicht Max Frisch, hat in späteren Jahren demonstriert, wie sich ein mondäner Lebensstil mit literarischem Prestige vereinen lässt? Damals, 1937, ist er noch nicht so weit, da steht sein anderes Ich am Fuß des "Nordgrats" und sucht mit Macht den Tod.

Die Welt ist ganz weit weg
Peter von Matt weist darauf hin, dass um 1937 die Schlacht um den Eiger voll entbrannt war. 1938 gelang dann die Erstbegehung der Nordwand mit der entsprechenden propagandistischen Auswertung der Großtat im Deutschen Reich. In denselben Bergen, irgendwo zwischen Matterhorn und Eiger, und zur selben Zeit spielt Frischs Erzählung, aber in ihr findet sich von Ideologie, Mobilmachung und Heroentum keine Spur.
Von Matt will darin eine Kritik Frischs am Heldenkult dieser Zeit sehen. Richtiger ist wohl, dass Frisch diesen Heldenkult teilt, ihn aber ausschließlich auf seine eigenen Existenznöte bezieht. Die Welt ist weit weg, hier gibt es nur den Wanderer, der weiter und höher hinauf will, aber nicht, weil er als Alpinist und gar für sein Vaterland der Erste sein will, sondern weil er schlicht eine Entscheidung sucht. Kommt er um, ist alles entschieden. Überlebt er, wird er die Richtung ändern. Er wird dann das von ihm verfluchte bürgerliche "Dasein" nicht länger als "kein Leben" schmähen, sondern der Einsicht folgen, dass es gar kein "gewöhnliches Leben" gibt und das "wohl alles genug ist, was wir wirklich erfüllen". Ist das die Entscheidung? Und ist es nun die Entscheidung für oder gegen den Beruf des Schriftstellers?

Die frühe Frisch fragt wie der alte
Frischs Kehre Mitte der 30er-Jahre ging einher mit dem Vorsatz, "bürgerlich" zu werden, also nicht mehr zu schreiben, ­einen praktischen und nützlichen Beruf zu erlernen und Familie zu haben – die Ehe mit Trudy von Meyenburg verschaffte ihm überdies den Eintritt in Zürichs beste ­Kreise. Man kann die "Antwort aus der Stille" als Absage an den poetischen Radikalismus und "Nihilismus" der frühen Jahre begreifen; interessant ist daran vor allem, dass Frisch wenig später auch dieser Absage eine Absage erteilt und als Schriftsteller wiederkehrt. Nun aber nicht mehr in der Figur des juvenil verzweifelten Sinnsuchers, sondern in der souveräneren Haltung des gelernten Architekten, den auch beim Schreiben die "Liebe zur Geometrie" leitet.
Die Fragen, die Frischs Schreiben antreiben, die berühmt gewordenen Fragen nach der Identität unserer Identität von "Stiller" zu "Gantenbein" und bis zu dem herrlichen Alterswerk "Der Mensch erscheint im Holozän", sind in der kleinen, unglücklichen "Antwort aus der Stille" allesamt schon präfiguriert. Ist das Grund genug, um einen Text, den sein Autor verworfen hatte, noch einmal auszugraben? Fand Frisch selbst ihn schlecht geschrieben oder "zu persönlich" oder beides? Wie auch immer, man bekommt Lust, wieder einmal Frisch zu lesen, wenn auch nicht unbedingt den frühen.

Christoph Bartmann in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 14)


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